Von Aprilbefindlichkeiten

Nicht! noch nicht!

Ein leichter Suff umnebelt die Gedanken.
Verdammt! Der Frühling kommt zu früh.
Der Parapluie
steht tief im Schrank – die Zeitbegriffe schwanken.

Was wehen jetzt die warmen Frühlingslüfte?
Ein lauer Wind umsäuselt still
mich im April –
die Nase schnuppert ungewohnte Düfte.

Du lieber Gott, da ist doch nichts dahinter!
Und wie ein dicker Bär sich murrend schleckt,
zu früh geweckt,
so zieh ich mich zurück und träume Winter.

Ich bin zu schwach. Ich will am Ofen hocken –
die Animalität ist noch nicht wach.
Ich bin zu schwach.
Laternenschimmer will ich, trübe Dämmerung und dichte Flocken.

(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Nicht! noch nicht!, in: Die Schaubühne, 16.04.1914, Nr. 16, S. 459, Online-Quelle)

8. [Die Liebe gleicht dem April]

Die Liebe gleicht dem April:
Bald Frost, bald fröhliche Strahlen,
Bald Blüten in Herzen und Talen,
Bald stürmisch und bald still,
Bald heimliches Ringen und Dehnen,
Bald Wolken, Regen und Tränen –
Im ewigen Schwanken und Sehnen
Wer weiß, was werden will!

(Emanuel Geibel, Die Liebe gleicht dem April, aus: Lieder als Intermezzo, in: Jugendgedichte, entstanden zwischen 1834 und 1843, Online-Quelle)

Frühlings-Seufzer

Großer Gott, in dieser Pracht
Seh’ ich Deine Wunder-Macht
Mit vergnüg’ter Seelen an.
Es gereiche dir zu Ehren,
Daß ich sehen, daß ich hören,
Fühlen, schmecken, riechen, kann!

(Barthold Hinrich Brockes, Frühlings-Seufzer, aus: Irdisches Vergnügen in Gott, Zweyter Theil, 1739, Online-Quelle)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

(Myriade, jetzt kommt nur noch Rilke 😉 …)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)


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Es gäbe so viel, was ich sagen könnte, aber ich kann es auch lassen. Nur so viel, weil es mir wichtig ist: Kommt gut und heil in und durch die neue Woche!

Ach, und der Rilke ist eines meiner Rilke-Lieblingsgedichte.


Von Aufmunterung zum Frühling

Ein platonischer Traum

IV.

Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!
Wer schweigt, dem tönt kein Echo hier auf Erden!
Weß Herz nicht dichtet, der faßt kein Gedicht,
Und wer nicht liebt, dem wird nicht Liebe werden.

Was ist der Geist, der nie zum Geiste spricht,
Der selbstgefällig will in sich verwesen?
Was ist ein Gemüt, das nie die Rinde bricht?
Was eine Schrift, die nicht und nie zu lesen?

Es findet jeder Geist verwandte Geister!
Kein Herz, das einsam ohne Liebe bricht!
Nur wer sich selbst verlor, ist ein Verwaister!
Wer keinen Frühling hat, dem blüht er nicht!

(Otto Prechtler, Wer keinen Frühling hat, aus: Ein platonischer Traum, in: Donaublumen, Wien 1847, Online-Quelle)

XXXXVI

Das kannst du nicht zwingen:
daß die Knospen springen,
eh die Sonne ihnen ihren Mai gebracht!
Aber daß: was hinter dir liegt,
dich nicht schreckt mehr und unterkriegt:
was Winter in dir abzustreifen
in aller Stille … und Knospen zu reifen
und dich zum Frühling durchzuringen …
Das kannst du zwingen!

(Cäsar Flaischlen, Das kannst du nicht zwingen, aus: Jost Seyfried, Drittes Buch, „Lieder eines Schwertschmieds“. Online-Quelle)

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)


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Wie jede Woche aufs Neue: Kommt gut und sicher in und durch die neue Woche, und möge euch alles,  was ihr beginnt, geraten!


Vom Menschen

Der Mensch.

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Thränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält Nichts und Alles wahr;
Erbauet und zerstöret,
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret,
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

(Matthias Claudius, Der Mensch, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil, 1782, Online-Quelle)

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
Ein kleines Hirn und ein großer Mund,
Und eine Seele – daß Gott erbarme! –.

Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
Muß essen und feilschen und Karren lenken,
Muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
Muß hoffen und muß sein Glück verpassen
Und leiden wie ein geschundner Hund.

(Erich Mühsam, Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme, aus: Wolken, 1909–1913, Online-Quelle)

Gebet an die Menschen

Ich geh in den Tagen
Wie ein Dieb.
Und niemand hört
Mein Herz zu sich klagen.

Habt, bitte, Erbarmen.
Habt mich lieb.
Ich hasse euch.
Ich will euch umarmen.

(Alfred Lichtenstein, Gebet an die Menschen, Erstdruck in: Die Aktion (Berlin), 1913, Online-Quelle)

Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.

(Friedrich Nietzsche, Ecce homo, aus: Die fröhliche Wissenschaft, Erstdruck 1882, Online-Quelle)

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Advent, 1898, Online-Quelle)

 

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Auch wenn ich meine Worte seltsam dürr finde, sind sie so gemeint: Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Vom Geheimnis

Neuer Frühling XXXV

Sorge nie, daß ich verrate
Meine Liebe vor der Welt,
Wenn mein Mund ob deiner Schönheit
Von Metaphern überquellt.

Unter einem Wald von Blumen
Liegt, in still verborgner Hut,
Jenes glühende Geheimnis,
Jene tief geheime Glut.

Sprühn einmal verdächt’ge Funken
Aus den Rosen – sorge nie!
Diese Welt glaubt nicht an Flammen,
Und sie nimmt’s für Poesie.

(Heinrich Heine, Neuer Frühling XXXV, aus: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

An den Mond

Längst, du freundliches Nachtgestirn,
Ist dein Geheimnis verweht.
Erkenntnisstolz blickt der Knabe schon
Zu dir empor,
Denn verfallen bist du, wie alles jetzt,
Der Wissenschaft,
Die deine Höhen und Tiefen mißt –
Und wer weiß, ob du nicht endlich doch noch
Erstiegen wirst auf der Münchhausenleiter
Der Hypothesen.

Dennoch, du alter, treuer Begleiter der Erde,
Webt und wirkt dein alter Zauber fort,
Wenn du, Aug’ und Herz erfreuend, emportauchst
Mit dem sanftschimmernden Menschenantlitz
Und seligen Frieden gießest
Über tagmüde Gefilde.
Noch immer, wachgeküßt von deinem Strahl,
Seufzt Liebe zu dir hinan –
Und immer noch, ach! besingen dich Dichter.

(Ferdinand von Saar, An den Mond, aus: Gedichte. Zweite, durchges. und verm. Aufl. XII, 1888, Online-Quelle)

Geheimnisvolles Leben Du, gewoben

Geheimnisvolles Leben Du, gewoben
aus mir und vielen unbekannten Stoffen,
geschieh mir nur: Mein Sinn ist allem offen
und meine Stimme ist bereit zu loben.
Wenn Du mir weh tun willst, so komm und schneide
mein Herz entzwei, das tausendfach empfindet,
blende mein Auge mit Brand bis es erblindet,
ich glaube, daß ich wachse, wenn ich leide.
Und wachsen will ich und um jeden Preis.
Reiß mich hinauf an meinen Haaren,
drück mich der Erde in den Schoß!
Nur laß mich deinen Sinn erfahren,
denn ich vermute: Du bist groß.
Laß mich nicht sterben, eh ich weiß
wie sich der Tod zu dir verhält?
Ist er der Widerspruch der Welt?
Ist er ihr Heil?
Ist er ein Teil von dir, des Lebens Teil?
Weil ich ihn so nur denken kann – im Leben.
Du mußt mir nicht sagen wie alles ist.
Du mußt mir nur einige Zeichen geben
und mich mit allen Dingen verweben,
darinnen du verwoben bist.

(Rainer Maria Rilke, Geheimnisvolles Leben Du, gewoben, entstanden am 11.09.1901 in Westerwede, in: Rainer Maria Rilke. Jugendgedichte. Sämtliche Werke; Band III, S. 758 (Zweite Reihe: Nachgelassene Gedichte) (7 Bände, Insel), Nachweis)

 

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Den Rilke habe ich bei Karin entdeckt, deren Blog nicht öffentlich ist, daher kann ich nicht darauf verlinken. Online findet sich öfter mal der erste Teil/Teile des Gedichtes, hier schlägt der Verfasser eine Brücke zu den Duineser Elegien, überaus interessant (und DANKE für die Zeitangabe!). Ein Buch – Stolzenberger, Es wartet eine Welt, Lebensweisheiten – macht Quellenangaben (hurra, VIELEN DANK, könnten das nicht alle?), der auch ich gefolgt bin, nicht ohne sie absichern und mit zusätzlichen Infos anreichern zu können: Schließlich habe ich mich ja erst letzte Woche auf der Regensucherin ebenfalls bei Rilke in seiner Worpsweder Zeit (Westerwede, der Entstehungsort, liegt bei Worpswede) aufgehalten – interessant, oder? Es gibt echt keine Zufälle.

Ich hoffe, ihr seid alle gut durch den Sturm/die Stürme gekommen und habt eine ruhige, erfreuliche, gesunde Woche vor euch. So oder so, seid herzlich gegrüßt!

 

Von der Sanftheit

Schweigen

Über den Wäldern schimmert bleich
Der Mond, der uns träumen macht,
Die Weide am dunklen Teich
Weint lautlos in die Nacht.

Ein Herz erlischt – und sacht
Die Nebel fluten und steigen –
Schweigen, Schweigen!

(Georg Trakl, Schweigen, in: Sammlung 1909, aus: Nachlass, Online-Quelle)

Meine Sehnsucht …

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Sehnsucht ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal finden auf der blauen Flut
Sich die beiden. Dann ist alles gut …

(Ernst Goll (Wikipedia), Meine Sehnsucht …, aus: Im bitteren Menschenland: Das gesammelte Werk, 1914, 2012, Online-Quelle)

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen

an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

(Rainer Maria Rilke, Liebes-Lied, aus: Neue Gedichte, 1907, Online-Quelle)

 

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Im Moment geht es bei mir nicht ohne ein Rilke-Häppchen. Und wenn ihr Zeit habt, möchte ich euch dringlich die Vertonung mit Frida Gold und Cassandra Steen aus dem aktuellen Rilke-Projekt ans Herz legen, auf die mich Christian wieder aufmerksam gemacht hat und die ich wunderschön und bezaubernd finde. Enjoy!

Kommt gut in und durch die neue Woche, möge sie einen Zauber für euch bereithalten!


 

Vom Licht in der Nacht

Leise Lieder

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

(Christian Morgenstern, Leise Lieder, aus: Ich und die Welt, 1898/1911, Online-Quelle)

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch / Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Online-Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum (unbedingt empfehlenswert))

 

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Wie immer wünsche ich euch eine gute neue Woche, dass ihr auf euch und eure Liebsten achten könnt und heil an Körper, Geist und Seele bleibt.

 

Vom Dazwischen

Erinnerung

Und du wartest erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

(Rainer Maria Rilke, Erinnerung, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

(Rainer Maria Rilke, Fortschritt, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt:

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

(Rainer Maria Rilke, Abend, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, zweite sehr vermehrte Auflage, 1906, Online-Quelle)

 

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Mir ist grad so.

Kommt ihr alle gut in und durch die neue Woche – und bleibt gesund.


Der „Abend“ hat es auch auf die neueste CD des Rilke-Projekts geschafft …

 

Von Weisheit und Leben

Lebensweisheit

Wer Weisheit nur aus Büchern lernt
Und selbst nicht weise denkt und lebt,
Wird immer mehr von ihr entfernt,
Je mehr er ihr zu nahen strebt.

Das Leben soll die Erde sein,
darin die Weisheit Wurzeln schlägt,
Und pflanzt ihr hier den Kern nicht ein,
Wächst auch kein Baum, der Früchte trägt.

(Friedrich von Bodenstedt, Lebensweisheit, aus: Alte und neue Gedichte. Erster Band, in: Friedrich Bodenstedt’s Gesammelte Schriften, 1867, Online-Quelle)

Eine Liebe

Blühst du meinen späten Tagen,
Süße Liebe, noch einmal?
Bäumen, die schon Früchte tragen,
Lacht ein zweiter Frühlingsstrahl?

Zwischen Blüten, zwischen Früchten,
Hab ich nun die schwere Wahl;
Möchte pflücken, möchte flüchten –
Neue Liebe, neue Qual.

(Gustav Falke, Eine Liebe, aus: Mit dem Leben, 1899, Online-Quelle)

[Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß]

Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß,
wilder, wie Ströme, die schäumen,
wilder, wie Sturm in den Bäumen.
Und leise läßt sie die Stunden los
und schenkt ihre Seele den Träumen.

Dann erwacht sie. Da steht ein Stern
still überm leisen Gelände,
und ihr Haus hat ganz weiße Wände –
Da weiß sie: Das Leben ist fremd und fern –
und faltet die alternden Hände.

(Rainer Maria Rilke, Manchmal fühlt sie: Das Leben ist groß, aus: Erste Gedichte/Mütter, Insel 1913, Online-Quelle)

 

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Willkommen bei den Montagsgedichten zu Adventüden-Zeiten! Ich versuche wieder, einen Aspekt der jeweiligen Etüde aufzugreifen und hoffe, ihr könnt mir folgen und mögt meine Auswahl …

Kommt gesund und einigermaßen heil in und durch die neue Woche!

 

Von Städten und Abenden

Man soll in keiner Stadt

Man soll in keiner Stadt länger bleiben als ein halbes Jahr.
Wenn man weiß, wie sie wurde und war,
Wenn man die Männer hat weinen sehen
Und die Frauen lachen,
Soll man von dannen gehen,
Neue Städte zu bewachen.

Läßt man Freunde und Geliebte zurück,
Wandert die Stadt mit einem als ein ewiges Glück.
Meine Lippen singen zuweilen
Lieder, die ich in ihr gelernt,
Meine Sohlen eilen
Unter einem Himmel, der auch sie besternt.

(Klabund, Man soll in keiner Stadt, aus: Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!, 1913, Online-Quelle)

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

(Theodor Storm, Die Stadt, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

Siehst du die Stadt?

Siehst du die Stadt, wie sie da drüben ruht,
Sich flüsternd schmieget in das Kleid der Nacht?
Es gießt der Mond der Silberseide Flut
Auf sie herab in zauberischer Pracht.

Der laue Nachtwind weht ihr Atmen her,
So geisterhaft, verlöschend leisen Klang:
Sie weint im Traum, sie atmet tief und schwer,
Sie lispelt, rätselvoll, verlockend bang …

Die dunkle Stadt, sie schläft im Herzen mein
Mit Glanz und Glut, mit qualvoll bunter Pracht:
Doch schmeichelnd schwebt um dich ihr Widerschein,
Gedämpft zum Flüstern, gleitend durch die Nacht.

(Hugo von Hofmannsthal, Siehst du die Stadt?, aus: Die Gedichte 1891–1898, entstanden 1890, Erstdruck aus dem Nachlass 1930, Online-Quelle)

Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt

Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt,
wo nach stummen Gesetzen
sich die Gassen mit Gassen vernetzen
und sich Plätze fügen zu Plätzen,
und die bald an die tausend Türme hat.

Aber die Häuser der schwarzen Stadt, –
du weißt nicht, wer darin siedelt.

In ihrer Gärten schweigendem Glanz
reihen sich reigende Träume zum Tanz, –
und du weißt nicht, wer ihnen fiedelt …

(Rainer Maria Rilke, Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt, aus: Mir zur Feier/Im All-Einen, 1899, Online-Quelle)

 

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Ja, es ist vieles dunkel. Es geht uns allen so, jedenfalls kommt es mir so vor. Kommt gut und heil (und gesund!) in und durch die neue Woche!

 

Von Liedern im November

Im Blätterfallen

Da nun die Blätter fallen,
Oh weh, wie fahl,
Fühl ich, wie alt ich worden bin.
Das macht mir Qual.

Die Sonne scheint. Ach, Sonne,
Wie bist du kalt.
Einst war der Herbst mir auch ein Lied.
Jetzt bin ich alt.

(Otto Julius Bierbaum, Im Blätterfallen, aus: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, Online-Quelle)

Bin heut im erstarrten Garten gewesen

Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.

Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz, das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab’ ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.

(Max Dauthendey, Bin heut im erstarrten Garten gewesen, aus: Der brennende Kalender (November), 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 220)

[Mein Leben ist nicht diese steile Stunde]

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
darin du mich so eilen siehst.
Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
ich bin nur einer meiner vielen Munde
und jener, welcher sich am frühsten schließt.
Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
denn der Ton Tod will sich erhöhn –

Aber im dunklen Intervall versöhnen
sich beide zitternd.
Und das Lied bleibt schön.

(Rainer Maria Rilke, Mein Leben ist nicht diese steile Stunde, aus: Das Buch vom mönchischen Leben, in: Das Stundenbuch, 1899, Online-Quelle)

 

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Kommt gut und heil durch die neue Woche!

 

Von Herbst und dem Wandel

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke, Herbsttag, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 48, 1902 (Entstehungsdatum), Online-Quelle)

Wende

Heut liegt der Garten schon von gelben Blättern voll.
Da sinkt auf meinen Weg ein fast noch grünes nieder:
Das ist der Tod: ich seh ihn wieder
am Werk, das lautlos sich vollenden soll.

Die Berge hat der Nebel aus der Welt gebracht.
Noch gestern standen sie hoch vorm hellen
ganz blauen Himmel. Gold aus warmen Quellen
durchströmte sommerlich die Luft. Nun wird es Nacht.

(Richard von Schaukal, Wende, aus: Herbsthöhe (Nachweis), 1933, Online-Quelle)

Herbststille

Lautlos schwebt das Wolkendach im Äther.
Ist der Herbstwind schon zur Ruh’ gegangen?
Kein Gewild lauscht und kein Nachtanbeter
In den Schatten, die von Bäumen hangen.

Wachte außer mir noch eine Seele,
Ihre stillste Regung würd’ ich hören.
Flög’ ein Lichtstrahl nieder, ohne Fehle
Würd’ im Dorf sein Schwung die Ruhe stören.

Da, ein Schlag! ein zweiter, ihm verbündet,
Mit den Händen mein’ ich sie zu greifen.
Birnen fallen und ihr Schlag verkündet,
Daß die Früchte in der Stille reifen.

(Jakob Bosshart, Herbststille, aus: Gedichte, 1924, Online-Quelle – bessere Quelle und besserer Nachweis gesucht!)

 

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Ob es bei euch heute ein Feiertag ist oder nicht, kommt gut in den Tag und durch die neue Woche!

Einmal pro Jahr erlaube auch ich mir, „den Rilke“ zum Thema zu zitieren.
Ich liebe dieses Gedicht sehr, und endlich ist auch Hamburg in den kurzen Zeitraum der sonnendurchfluteten, wirbelnden, gelben, mit Blättern bedeckten Wege eingetreten … ❤

 

Von Omen, Lieben und Stille

Leg du auf meine Lebensgeige

Leg du auf meine Lebensgeige
die Hände an des Schicksals Statt, –
daß ich vergesse, was für feige
Töne jede Saite hat.

Lehr mich ein Lied. Ein Lied das zage
wie Glückserinnerung beginnt.
Ein Lied für meine Feiertage,
die ohne alle Hymne sind.

(Rainer Maria Rilke, Leg du auf meine Lebensgeige, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Sei du mir Omen und Orakel

Sei du mir Omen und Orakel
und führ mein Leben an zum Fest,
wenn meine Seele, matt vom Makel
Die Flügel wieder fallen läßt.

Gib mir das Niebeseßne wieder:
das Glück der Tat, das Recht zu Ruhn, –
mit einem Wiegen deiner Glieder,
Mit einem Blick für meine Lieder,
Mit einem Grüßen kannst du’s tun.

(Rainer Maria Rilke, Sei du mir Omen und Orakel, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Lieben

I

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen-, ein Blütenschein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele …

II

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht …

(Rainer Maria Rilke, Lieben I/II, aus: Traumgekrönt, 1896, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 1, etwa 1900, Online-Quelle)

 

Quelle: Photo by Josh Boot on Unsplash

 

Nach der ganzen Hektik der letzten Wochen brauchte ich dringend was Unaufgeregtes. Ich bin beim Suchen wieder mal über das Rilke-Projekt gestolpert, und viel Zeit später stellte ich fest, dass ich den ganzen Abend nichts anderes gehört habe, und da wollte ich euch teilhaben lassen.

Für die beiden ersten Gedichte „Leg du auf meine Lebensgeige“ und „Sei du mir Omen und Orakel“ gibt es eine wirklich zauberhafte 2-in-1-Vertonung mit Xavier Naidoo und Yvonne Catterfeld, die unbedingt Ohrwurm-Charakter hat, und zwar aus dem Album „SYMPHONIC RILKE PROJEKT – Dir zur Feier“ (2015).

Hier ist der Link zu YouTube.

„Lieben“ stammt von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von Cosma Shiva Hagen (Link zu YT),

„Die Stille“ stammt ebenfalls von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von André Eisermann (Link zu YT mit Gudrun Landgrebe).

Kommt gut in und durch die neue Woche, Herbstferien oder nicht, vielleicht habt ihr ja Zeit.