Vom April

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)

 

Blühende Milchsterne neben Narzissen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Klicken macht groß

 

Vor drei Jahren erhielt ich von einer gewissen Blumenfee im Tausch ein paar austreibende Milchsterne in einem Töpfchen. Sie erblühten und verblühten zur Freude aller Beteiligten, der Fellträger fraß sie nicht und ich durfte die Zwiebelchen auspflanzen und sich selbst überlassen. 2019 habe ich darüber berichtet, dass sie überlebt hatten, vom letzten Jahr finde ich nur ein eiliges Handypic im Vorübergehen, aber am Samstag habe ich sie bei schönstem Wetter blühen sehen und mich total gefreut.

Euch wunderbare Rest-Ostern! Kommt gut in und durch die neue Woche und passt auf euch auf! 😀

 

Aus dem Stundenbuch | Myriades Impulswerkstatt

Aller guten Dinge sind drei, heißt es: Nun denn, hier ist mein dritter Beitrag für Myriades Impulswerkstatt (März), und es wird sicherlich auch der kürzeste.

 

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

(Rainer Maria Rilke, Denn wir sind nur die Schale und das Blatt, aus: Das Buch von der Armut und vom Tode, in: Das Stundenbuch, 1903, Online-Quelle)

 

Ich werde den Teufel tun, mich interpretatorisch an Rilkes »Stundenbuch« zu wagen. Ich bin nämlich nicht mal sicher, das Stundenbuch jemals komplett gelesen zu haben, denn ich gerate immer wieder über Stellen, von denen ich denke: Oh, hier war ich noch nie. Meine Begeisterung für den Dichter Rilke ist groß und ehrlich, meine Ernüchterung über den Menschen ist es auch – Rilke eignete sich nicht zum Halbgott. Sigmund Freud hat ihn als einen »großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter« (Quelle) bezeichnet. Dazu kommt, dass ich Rilkes Gedichte manchmal zu schwärmerisch finde, irgendwie zu »drüber«, was dazu führt, dass ich ihn nur häppchenweise genieße.

Dankenswerterweise gibt es Tonnen an Sekundärliteratur zu fast allen Aspekten, und speziell das Stundenbuch ist gut dokumentiert. Um einige Themen, mit denen Rilke sich intensiv auseinandergesetzt hat, wie zum Beispiel Tod und Religion, scheren sich die meisten jedoch keinen feuchten Kehricht, und auch ich hätte daher auf dem Blog eher darauf verzichtet, hätte mich nicht die Muse für Myriades Gemüsebild über obige drei Zeilen stolpern lassen …

Hier ist der sehr lesenswerte Artikel zum Stundenbuch in der Wikipedia: HIER.
Hier ist der Text des Stundenbuchs bei Wikisource zum Online-Lesen: HIER.
Hier ist ein (wie ich finde höchst interessanter) Vortrag über das Stundenbuch vom Blog »Religion heute«: HIER. Sein Verfasser ist Pfarrer, you have been warned.
Last but not least hat das Rilke-Forum den Server gewechselt (in die Schweiz) und ist wieder online (hurra!): Antworten von Leuten, die sich wirklich auskennen, immer gut für einen Besuch: HIER.

Sowieso kommt/kam es mir bei allen drei März-Beiträgen für Myriade eher auf meine Bildbearbeitung/-gestaltung an als auf die Erklärungen dazu; und mein spezieller Dank gilt denen, den das aufgefallen ist. 😉
Das ist dieses Mal alles mit Photoshop gezaubert 😉

 

Rilke-Stundenbuch – Myriades Impulswerkstatt 03-21 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade, Bearbeitung: ich;
Anklicken erhöht die Lesbarkeit um ein Vielfaches

 

Von Frühling und Wind

O wie ist es kalt geworden

O wie ist es kalt geworden
und so traurig öd und leer!
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr’

Auf die Berge möcht ich fliegen
möchte sehn ein grünes Tal
möcht in Gras und Blumen Liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang
Möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang!

Schöner Frühling, komm doch wieder
Lieber Frühling, komm doch bald
Bring uns Blumen, Laub und Lieder
schmücke wieder Feld und Wald

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, O wie ist es kalt geworden, 1849, Online-Quelle)

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte,
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.

(Hugo von Hofmannsthal, Vorfrühling, Erstdruck in: Blätter für die Kunst (Berlin), 2. Band, Dezember 1892, Online-Quelle)

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich warte auf den Frühling. Keine Frage, er steht auch hier in den Startlöchern, keine Frage, ich sehe in den Gärten die ganzen Frühlingsblüher und die Meisen (und nicht nur die) singen wie verrückt (und der Fellträger ist genervt). Aber dennoch ist es zu kalt. Ich hoffe, wir verlassen jetzt bald dauerhaft die Nachtfrostzone, ich wäre sehr dankbar dafür.

Ich war überrascht, als ich gesehen habe, wie viel von Hoffmann von Fallersleben vertont worden ist, muss aber auch zugeben, dass ich kein Fan des klassischen deutschen Liedgutes bin. Daher möchte ich euch noch eine andere Version ans Herz legen, und zwar eine von Achim Reichel, den ich gerade für seine Bemühungen um das deutsche Volkslied (nein, nein, ich meine das ernst) sehr schätze …

 

 

Kommt gut und heiter durch die neue Woche!

 

Von Frühling, Nacht und Wald

Nachts im Wald

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuß nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
daß du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

(Christian Morgenstern, Nachts im Wald, aus: Melencolia, Berlin 1906, Online-Quelle)

Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer

Die Nacht macht alle Bäume gleich,
Sie stehen wie die dunklen Mauern
Von einem unterirdischen Reich
Und wie Gestalten, die am Wege kauern.

Doch ihre Frühlingsgeister halten mit dir Schritt.
Sie senden Blütenrauch im Dunkeln her
Und gehen abwechselnd am Wege mit,
Und sie verlassen dich nur schwer.
Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer.

(Max Dauthendey, Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 270–271)

Will Dir den Frühling zeigen

Will Dir den Frühling zeigen
Der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
Und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu Zweien gehn
Und sich bei den Händen halten –
Dürfen ihn einmal sehn.

(Rainer Maria Rilke, Will dir den Frühling zeigen, aus: Advent, 1898, Online-Quelle und Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst, Klick macht groß

 

Kann mir vielleicht jemand erklären, woher/wie der bezaubernde Stern (zustande) kommt? 😉

Wie immer: Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Vom Vorfrühling (2)

Noch ist die Zeit der blauen Bäume

Noch ist die Zeit der blauen Bäume,
Sie schauen mit kahlem Geäst
Weit in die funkelnde Ewigkeit
Und halten sich kahl am Himmelsblau fest.
Und nur die Wolken, weiß und breit,
Bauen im blauen Baum ihr Nest.
Die Winde fegten fort verjährten Blätterrest,
Und dein Auge im Baum weiten Raum hat
Für der verliebten Gedanken luftige Lagerstatt.

(Max Dauthendey, Noch ist die Zeit der blauen Bäume, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 232–233)

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

(Rainer Maria Rilke, Vorfrühling, In: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, etwa 20. Februar 1924), Online-Quelle)

Vorfrühling

Leise tritt auf …

Nicht mehr in tiefem Schlaf,
in leichtem Schlummer nur
Liegt das Land:
Und der Amsel Frühruf
Spielt schon liebliche
Morgenbilder ihm in den Traum.

Leise tritt auf …

(Ferdinand Avenarius, Vorfrühling, aus: Stimmen und Bilder. Neue Gedichte, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Von Warten und Sehnsucht

Morgenfahrt zur Geliebten

Die Felder rauchen
Den weißen Flor
Und goldbraun tauchen
Die Bäume empor.
Und alles so eigen,
Feld, Wiesen, Wald –
Warten und Schweigen –
Und jetzt: Beben und Neigen –
Die Sonne kommt bald.

(Emil Alphons Rheinhardt, Morgenfahrt zur Geliebten, aus: Stunden und Schicksale, 1913, Online-Quelle)

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch – – –
wie Blüthen sterben im Kellerloch,
die ewig auf ein bischen Sonne warten.
Wie Thiere sterben, die man lieblos hält,
und alles Unbetreute in der Welt!
Man denkt nicht mehr; »Wo wird sie sein –?!?«
Ruhig erwacht man, ruhig schläft man ein.
Wie in verwehte Jugendtage blickst Du zurück,
und irgendeiner sagt Dir weise: »S‘ ist Dein Glück!«
Da denkt man, dass es vielleicht wirklich so ist,
wundert sich still, dass man doch nicht froh ist!

(Peter Altenberg, Und endlich stirbt die Sehnsucht doch, aus: Cyclus: Gedichte an Ljuba, in: Was der Tag mir zuträgt, 1921, Online-Quelle)

Das ist mein Streit

Das ist mein Streit:
Sehnsuchtgeweiht
durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit,
mit tausend Wurzelstreifen
tief in das Leben greifen –
und durch das Leid
weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!

(Rainer Maria Rilke, Das ist mein Streit, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Weihnachtspause

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.
Da hörst du alle Herzen gehn und schlagen
wie Uhren, welche Abendstunden sagen.
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr.

Da werden alle Kinderaugen groß,
als ob die Dinge wüchsen, die sie schauen
und mütterlicher werden alle Frauen
und alle Kinderaugen werden groß.

Da mußt du draußen gehn im weiten Land
willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte,
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte,
so mußt du draußen gehn im weiten Land.

Dort dämmern große Himmel über dir,
die auf entfernten, weissen Wäldern ruhn,
die Wege wachsen unter deinen Schuhn,
und große Himmel dämmern übern dir.

Und in den großen Himmeln steht ein Stern,
ganz aufgeblüht zu selten großer Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle,
und in den großen Himmeln steht ein Stern.

(Rainer Maria Rilke, Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr, 1901, aus einem Brief an seine Frau Clara, Online-Quelle)

 

Herzkerze – 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich kenne viele Menschen, für die Weihnachten nicht gerade der stillste Tag im Jahr ist, und vielleicht gehört ihr auch dazu. Ich begreife es so, dass damit eine innere Stille gemeint ist, eine Offenheit …
Was ich an diesem Gedicht so mag, ist Rilkes Haltung, die sich hier ausdrückt, die Bereitschaft, einem Wunder zu begegnen.
Rilke war Mitte Dezember 1901 zum ersten Mal Vater (einer Tochter, Ruth) geworden. Wenn es also in Rilkes Vorstellung ein „ideales Weihnachten“ (wir würden das heute vermutlich kitschig nennen) gab, dann war es vermutlich dieses. Außerdem war er erst Mitte 20.

Ich wünsche euch dieses Innehalten, diese tiefen Momente wortlosen Glücks, die überquellende Sehnsucht, das Ergriffensein vom Schönen – was, nicht falsch verstehen, absolut null mit „Religion“ zu tun haben muss und ganz sicher nicht an Weihnachten gekoppelt ist.

 

Dieser Blog geht so langsam ebenfalls in den Feiertagsmodus: Er schließt nicht, aber ich lasse ihn liegen, bis ich Lust habe, mich darum zu kümmern … Kommt gut und heil und „entschleunigt“ durch diese Tage, die dieses Jahr vielleicht auch bei euch ein bisschen anders ausfallen als üblich, und passt auf euch auf.

 

Und vielleicht hat ja jemand Sinn hierfür … Hört einfach mal rein.

 

Lichtgebet · Elbcanto & Helge Burggrabe · Text aus der Sufi-Tradition

 

 

Von November und Ewigkeit

 

Briefe | V.

In die Berge sehnst du dich,
An das Meer, –
Und der Berg des Himmels
Mit seinen steilblauen Wänden:
Ragt er nicht ewig
Vor dir auf?

In die Berge sehnst du dich,
An das Meer, –
Und das Meer des Himmels
Mit seinem tiefblauen Spiegel:
Wogt es nicht ewig
Vor dir hin?

Wie ein Knabe
Träumst du von Bergen,
Träumst du von Meeren …
So wirf den Nacken doch zurück
Und habe mehr denn Berg und Meer –
Hab’ – Ewigkeit!

(Christian Morgenstern, Briefe. V., aus: aus: Einkehr, 1910, Online-Quelle)

Tief in den Himmel verklingt

Tief in den Himmel verklingt
Traurig der letzte Stern,
Noch eine Nachtigall singt
Fern, – fern.
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

Matt im Schoß liegt die Hand,
Einst so tapfer am Schwert.
War, wofür du entbrannt,
Kampfes wert?
Geh schlafen, mein Herz, es ist Zeit.
Kühl weht die Ewigkeit.

(Ricarda Huch, Tief in den Himmel verklingt, aus: Herbstfeuer, 1944, Online-Quelle)

 

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, 1899, in: Das Buch vom mönchischen Leben, aus: Das Stundenbuch, Online-Quelle)

 


Quelle: Pixabay

 

Noch eine Woche, dann ist der 1. Advent, dann starten die Adventüden, dann ist das Jahr gefühlt fast herum. Kommt gut und heiter in und durch diese neue Woche!

Von November und Stille

Herbst-Abend

Wind aus dem Mond,
plötzlich ergriffene Bäume
und ein tastend fallendes Blatt.
Durch die Zwischenräume
der schwachen Laternen
drängt die schwarze Landschaft der Fernen
in die unentschlossene Stadt.

(Rainer Maria Rilke, Herbst-Abend, aus: (Paris, Ende September 1907) aus: Rainer Maria Rilke, Gedichte 1906 bis 1926, Sammlung der verstreuten und nachgelassenen Gedichte aus den mittleren bis späteren Jahren, Insel-Verlag 1953, S. 467)

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen;
Ohne Not geht niemand aus;
Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Geberde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
Träumen Mensch und Erde.

(Christian Morgenstern, Novembertag, aus: Einkehr, 1910, Online-Quelle)

Herbst im Fluß

Der Strom trug das ins Wasser gestreute
Laub der Bäume fort. –
Ich dachte an alte Leute,
Die auswandern ohne ein Klagewort.

Die Blätter treiben und trudeln,
Gewendet von Winden und Strudeln
Gezügig, und sinken dann still. – –

Wie jeder, der Großes erlebte,
Als er an Größerem bebte,
Schließlich tief ausruhen will.

(Joachim Ringelnatz, Herbst im Fluß, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Quelle: Pixabay

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

Von November und Wandern

Das Leben

Von den Alten zu den Jungen
Muß das Leben wandern.
Was du gestern noch bezwungen,
bezwingen morgen schon die andern.
Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben,
Will schon morgen der andern Lippen haben.
Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen,
Wie sie im Blut der Jungen auferstehen.
Darüber, seit ich’s erfahre, muß ich die Hände falten,
Muß leiden, daß ich mich wandle, und laß es walten.
Das Leben — ach, einst da kam es umhalsend gesprungen,
Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.

(Max Dauthendey, Das Leben, aus: Weltspuk, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 407)

Im Bozener Batzenhäusl
Otto Erich Hartlebens gedenkend

Heute tret ich diese Schwelle,
Die du gestern überschritten.
Morgen wird ein Dritter kommen,
Und ein Vierter folgt dem Dritten.

Jeder, der vorangegangen,
Wird Vergangenheit dem andern –
Und doch ist mir oft, als säh ich
Immerdar – DEN SELBEN wandern …

(Christian Morgenstern, Im Bozener Batzenhäusl, aus: Epigramme und Sprüche, Ausgabe 1922, Online-Quelle)

Einmal, am Rande des Hains

Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir einsam beisammen
und sind festlich, wie Flammen
fühlen: Alles ist Eins.

Halten uns fest umfaßt;
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.

Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders:
sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.

Meine Seele spürt,
daß wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf..

Und wir sind nichtmehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.

(Rainer Maria Rilke, Einmal, am Rande des Hains, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Quelle: Pixabay

Wie immer: Kommt gut, heiter und sicher in und durch die neue Woche!

Dürfte ich euch um eine Rückmeldung bitten, ob ihr im Reader die Zeilenumbrüche seht oder sich die Gedichte in Fließtext verwandelt haben?

Von November und Seele

 

Allerseelen

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei
Und lass uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

(Hermann von Gilm zu Rosenegg, Allerseelen, aus: Sophien-Lieder, 1844, Online-Quelle)

 

Seelen

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904, Online-Quelle)

 

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
In euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
Um Beifall bettelt und um Würde wirbt
Und endlich arm ein armes Sterben stirbt
Im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
Nennt ihr das Seele?

Schau’ ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
In der die Welten weite Wege reisen,
Mir ist: Ich trage ein Stück Ewigkeit
In meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
Und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Grabmal, Herbst | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt heil in und durch die neue Woche!

 

 

Vom Herbst, dem nicht nur goldenen

 

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke, Herbsttag, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 48, 1902 (Entstehungsdatum), Online-Quelle)

 

Wende

Heut liegt der Garten schon von gelben Blättern voll.
Da sinkt auf meinen Weg ein fast noch grünes nieder:
Das ist der Tod: ich seh ihn wieder
am Werk, das lautlos sich vollenden soll.

Die Berge hat der Nebel aus der Welt gebracht.
Noch gestern standen sie hoch vorm hellen
ganz blauen Himmel. Gold aus warmen Quellen
durchströmte sommerlich die Luft. Nun wird es Nacht.

(Richard von Schaukal, Wende, aus: Herbsthöhe (Nachweis), 1933, Online-Quelle)

 

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

Könntet ihr vielleicht mal nachschauen, ob ihr das Gedicht von Schaukal in euren Gedichtbüchern findet? Ich habe mir für den eher dürftigen Quellennachweis echt die Finger wund gesucht (ihr wisst, ich möchte eine (digitalisierte) Originalquelle, nicht irgendeine Gedichteseite, zumindest bei Zitaten sind die Zuweisungen an die Verfasser oft mehr als zweifelhaft, da schreibt einer vom anderen (falsch) ab).

Kommt gut und gesund und heiter in und durch die neue Woche!