Von Omen, Lieben und Stille

Leg du auf meine Lebensgeige

Leg du auf meine Lebensgeige
die Hände an des Schicksals Statt, –
daß ich vergesse, was für feige
Töne jede Saite hat.

Lehr mich ein Lied. Ein Lied das zage
wie Glückserinnerung beginnt.
Ein Lied für meine Feiertage,
die ohne alle Hymne sind.

(Rainer Maria Rilke, Leg du auf meine Lebensgeige, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Sei du mir Omen und Orakel

Sei du mir Omen und Orakel
und führ mein Leben an zum Fest,
wenn meine Seele, matt vom Makel
Die Flügel wieder fallen läßt.

Gib mir das Niebeseßne wieder:
das Glück der Tat, das Recht zu Ruhn, –
mit einem Wiegen deiner Glieder,
Mit einem Blick für meine Lieder,
Mit einem Grüßen kannst du’s tun.

(Rainer Maria Rilke, Sei du mir Omen und Orakel, aus: Dir zur Feier, 1897/98, Online-Quelle)

Lieben

I

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen-, ein Blütenschein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele …

II

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht …

(Rainer Maria Rilke, Lieben I/II, aus: Traumgekrönt, 1896, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 1, etwa 1900, Online-Quelle)

 

Quelle: Photo by Josh Boot on Unsplash

 

Nach der ganzen Hektik der letzten Wochen brauchte ich dringend was Unaufgeregtes. Ich bin beim Suchen wieder mal über das Rilke-Projekt gestolpert, und viel Zeit später stellte ich fest, dass ich den ganzen Abend nichts anderes gehört habe, und da wollte ich euch teilhaben lassen.

Für die beiden ersten Gedichte „Leg du auf meine Lebensgeige“ und „Sei du mir Omen und Orakel“ gibt es eine wirklich zauberhafte 2-in-1-Vertonung mit Xavier Naidoo und Yvonne Catterfeld, die unbedingt Ohrwurm-Charakter hat, und zwar aus dem Album „SYMPHONIC RILKE PROJEKT – Dir zur Feier“ (2015).

Hier ist der Link zu YouTube.

„Lieben“ stammt von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von Cosma Shiva Hagen (Link zu YT),

„Die Stille“ stammt ebenfalls von „In meinem wilden Herzen“, gesprochen von André Eisermann (Link zu YT mit Gudrun Landgrebe).

Kommt gut in und durch die neue Woche, Herbstferien oder nicht, vielleicht habt ihr ja Zeit.

Vom Herbstwillkommen

Keine Wolke stille hält

Keine Wolke stille hält,
Wolken fliehn wie weiße Reiher;
keinen Weg kennt ihre Welt,
und der Wind, der ist ihr Freier.

Wind, der singt von fernen Meilen,
springt und kann die Lust nicht lassen,
einer Landstraß‘ nachzueilen,
Menschen um den Hals zu fassen.

Und das Herz singt auf zum Reigen,
schweigen kann nicht mehr die Brust;
Menschen werden wie die Geigen,
Geigen singen unbewusst.

(Max Dauthendey, Keine Wolke stille hält, aus: Der brennende Kalender, 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 226)

SEPTEMBER

September, geliebter, breitest bläuliche Schleier
Über Fluren und Berge leicht,
Und zärtlich darüber streicht
Zuweilen ein Perlenton deiner silbernen Leier.

Was singst du für Lieder? Süß verschwebende Laute,
Dem Ohr kaum vernehmbarer Hauch,
Wie wenn die Rose vom Strauch,
Die sterbende, Blatt für Blatt hernieder taute.

(Ricarda Huch, September, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Online-Quelle)

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

(Rainer Maria Rilke, Jetzt reifen schon die roten Berberitzen, aus: Das Stundenbuch/Das Buch von der Pilgerschaft, 1901, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Es ist noch kein Herbst, nein, aber er kommt leise näher, vermutlich habt auch ihr ihn schon gespürt. Rilkes „Berberitzen“ stehen gefühlt immer im Schatten seines „Herbsttag“, deshalb dachte ich, ich ziehe sie mal vor …

Kommt gut in und durch die neue Woche und werdet oder bleibt heiter!

 

Vom Wechseln der Seite

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle)

Ausgang.

Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben,
Als der letzte dunkle Punkt.

(Theodor Fontane, Ausgang, aus: Gedichte, 1905, Online-Quelle)

Abendglockengebet

Das Schöne bewundern,
das Wahre behüten,
das Edle verehren,
das Gute beschließen.
Es führet den Menschen
im Leben zu Zielen,
im Handeln zum Rechten,
im Fühlen zum Frieden,
im Denken zum Licht
und lehrt ihn vertrauen
auf göttliches Walten
in allem, was ist,
im Weltenall, im Seelengrund.

Für den 7-jährigen Pierre Grosheintz
1913

(Rudolf Steiner, Abendglockengebet, aus: Wahrspruchworte, GA 40 (2005), Online-Verweise auf Steiner, Online-Quelle)


Unbedingt bitte lesen, wer es nicht kennt:

Mascha Kaléko: Memento

Aus Gründen. Mehr als guten.

Und (weil es eines meiner liebsten ist):

Mascha Kaléko: Die frühen Jahre

(Links zur Rechteinhaberin, da man Kaléko natürlich nicht zitieren darf)

 


Und vielleicht liebt ja noch jemand mehrstimmigen Gesang als Kanon … Vorsicht! Ohrwurmcharakter! Singen heilt …

Schweige und höre, Elbcanto, Helge Burggrabe – sehr zu empfehlen!

 


Quelle: Pixabay

 

Ja, das ist genau das, was ihr (vielleicht) vermutet. Eine Freundin ist unverhofft gestorben, ich sortiere mich, dies ist ein Teil davon.

Kommt gut und sanft (und heil) in und durch die neue Woche.

Das wöchentliche Update: 17 Adventüden bisher, könnten bitte alle, die noch wollen und noch nicht haben, mal verstärkt in Wallung kommen? 😉

 

Vom Lesen und dem Buch

Schrifften.

Man schilt die schwartze Kunst: Ich halte viel von jhr;
Dann durch die schwartze Schrifft kümmt Kunst auff weiß Papier/
Und vom Papier ins Haupt/ und so fort für und für.

(Friedrich von Logau, Schrifften, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte drei Tausend, Desz andren Tausend achtes Hundert, 49., entstanden 1650, Online-Quelle, Online-Quelle)

Das Bilderbuch

Von der Poesie sucht Kunde
Mancher im gelehrten Buch,
Nur des Lebens schöne Runde
Lehret dich den Zauberspruch;
Doch in stillgeweihter Stunde
Will das Buch erschlossen sein,
Und so blick ich heut hinein,
Wie ein Kind im Frühlingswetter
Fröhlich Bilderbücher blättert,
Und es schweift der Sonnenschein
Auf den buntgemalten Lettern,
Und gelinde weht der Wind
Durch die Blumen, durch das Herz
Alte Freuden, alten Schmerz –
Weinen möcht ich, wie ein Kind!

(Joseph von Eichendorff, Das Bilderbuch, Erstdruck 1837, aus: Gedichte (Ausgabe 1841) / 2. Sängerleben, Online-Quelle)

Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.

(Rainer Maria Rilke, Der Leser, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche! 😀

Update Adventüden 2021: Höchst erfreuliche 11 Etüden haben mich bisher erreicht! Bitte gerne weiter so!

 

Vom Wald und Bäumen

Meer und Wald

Draußen das bewegte Meer,
Ruheloses Tosen, Schäumen,
Hier im Walde ringsumher
Tiefer Frieden unter Bäumen.

Liebst Du Kampf und Streiteslust,
Mußt Du an dem Strand verweilen,
Gram und Sorgen in der Brust
Werden in dem Wald verheilen.

(Otto Bauer, Meer und Wald, aus: Sommerfrische, Online-Quelle)

Nur eine Stunde im grünen Wald

Nur eine Stunde von Menschen fern,
Nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
Statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
Statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
Nur eine Stunde von Menschen fern!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Auf dem schwellenden Rasen umhaucht von Düften,
Gekühlt von den reinen balsamischen Lüften,
Wo von ferne leise das Echo schallt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen sich flüsternd neigen,
Wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
Wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

(Auguste Kurs, Nur eine Stunde im grünen Wald, aus: Epheublätter, 1854, Online-Quelle)

Blühende Bäume

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?

Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Daß sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!

So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund
Und macht die Bäum erbeben,
Daß sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!

(Hugo von Hofmannsthal, Blühende Bäume, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, –
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
daß du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

(Rainer Maria Rilke, Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz, aus: Das Buch vom mönchischen Leben, in: Das Stundenbuch, 1899, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt gut und leicht in und durch die neue Sommerwoche! 😀

 

Vom Sein in der Stille

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Nachts in der träumenden Stille

Nachts in der träumenden Stille
Kommen Gedanken gegangen,
Nachts in der träumenden Stille
Atmet, zittert ein Bangen,
Nachts in der träumenden Stille,
Ratlose quälende Fragen.
Weit über alles Sagen
Kommen Gedanken gegangen,
Atmet, zittert ein Bangen
Nachts in der träumenden Stille.

(Gustav Falke, Nachts in der träumenden Stille, aus: Tanz und Andacht. Gedichte, 1893, Online-Quelle)

Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht …
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder …
… Aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

(Rainer Maria Rilke, Die Stille, aus: Das Buch der Bilder, 1906, Online-Quelle; gesprochen im Rilke-Projekt von André Eisermann, hört rein, wenn ihr könnt!)

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer: Kommt heil und heiter in und durch die neue Sommerwoche!

 

Vom Heimkommen

Am Abend

Weisst du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weisst du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?

(Hedwig Lachmann, Am Abend, aus: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 7-8, Online-Quelle)

Am Meerufer

Und Welle kommt und Welle flieht,
Und der Wind stürzt sein Lied,
Schaumwasser spielt an deine Schuhe
Knie nieder, Wandrer, ruhe.

Es wälzt das Meer zur Sonne hin,
Und aller Himmel blüht darin.
Mit welcher Welle willst du treiben?
Es wird nicht immer Mittag bleiben.

Es braust ein Meer zur Ewigkeit,
In Glanz und Macht und Schweigezeit,
Und niemand weiß wie weit –
Und einmal kommst du dort zur Ruh,
Lebenswandrer, Du.

(Gerrit Engelke, Am Meerufer, aus: Rhythmus des neuen Europa, 1921, Online-Quelle)

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, daß dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.

(Rainer Maria Rilke, Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht, aus: Die frühen Gedichte (Gebete der Mädchen zu Maria), 1909, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auf welchen Wegen ihr auch unterwegs seid: Kommt gut und heiter (und sicher) in und durch die neue Woche!

 

Von Rosen (2)

Als Mahl beganns

Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen flackten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten: entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommerwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.

Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.

(Rainer Maria Rilke, aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, Erzählung, 1899, Online-Quelle, [22])

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang

Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang
und greife scheu nach seiner Rosen Röte –
und ahne eine Angst in seiner Flöte
vor Tagen, welche lautlos sind und lang.

Aber die Abende sind mild und mein,
von meinem Schauen sind sie still beschienen;
in meinem Armen schlafen Wälder ein, –
und ich bin selbst das Klingen über ihnen,
das anhebt wie aus welken Violinen …

(Rainer Maria Rilke, Nenn ich dich Aufgang oder Untergang, aus: Mir zur Feier/Im All-Einen, 1899, Online-Quelle)

Das Rosen-Innere

Wo ist zu diesem Innen
ein Außen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen ?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liegen, als könnte nie
eine zitternde Hand sie verschütten.
Sie können sich selber kaum
halten; viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.

(Rainer Maria Rilke, Das Rosen-Innere, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

Grabspruch

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

(Rainer Maria Rilke, Grabspruch lt. testamentarischer Verfügung v. 27. Oktober 1925, Online-Quelle, Interpretation, Foto v. Rilkes Grabstein)

 

Quelle: Photo by John Thomas on Unsplash, klicken macht groß!

 

Ja, genau, das ist dieses Mal nur Rilke. Darf auch mal sein. Mir ist gerade so.

Kommt gut und leicht in und durch die neue Woche!

 

Vom Kuckuck und dem Frühling

Kuckuck! Kuckuck!

Kuckuck! Kuckuck!
Ruft’s aus dem Wald.
Lasset uns singen
Tanzen und springen!
Frühling, Frühling
Wird es nun bald

Kuckuck! Kuckuck!
Läßt nicht sein Schrei’n.
Kommt in die Felder,
Wiesen und Wälder!
Frühling, Frühling,
Stelle dich ein!

Kuckuck! Kuckuck!
Trefflicher Held!
Was du gesungen,
Ist dir gelungen:
Winter, Winter
Räumet das Feld!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Kuckuck! Kuckuck!, 1835, Online-Quelle)

Der Kuckuck

Der Wald ist still, der Wald ist stumm,
Es bebt kein Blatt, es nickt kein Zweig,
Ein Vogelruf von ferne schallt,
So voll und rund, so warm und weich.

Das ist der Kuckuck, der da ruft,
So laut, so laut im tiefen Wald,
An meine Schulter drängst du dich,
Und deine Hand sucht bei mir Halt.

Du bist so still, du bist so stumm,
Ich höre deines Herzens Schlag,
Du hältst den Atem an und zählst,
Wie oft der Kuckuck rufen mag.

Ich lächle deiner Kinderangst,
Du meine süße Wonne du,
Es blüht uns noch so mancher Mai,
Der Kuckuck ruft ja immerzu.

(Hermann Löns, Der Kuckuck, aus: Mein goldenes Buch, 1901, Online-Quelle)

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.
Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

(Ricarda Huch, Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum, aus: Herbstfeuer. Gedichte, Insel Verlag zu Leipzig 1944, Quelle)

ABSCHIED

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr dem zuzuschauen
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wären’s alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes —, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

(Rainer Maria Rilke, Abschied, aus: Neue Gedichte, 1907, Online-Quelle)

 

Kuckuck
Quelle: Pixabay

 

Wie jede Woche, und wie jede Woche völlig im Ernst: Kommt gut durch die neue Woche, und möge sie für euch leicht sein.

Eben habe ich mit Werner in den Kommentaren darüber gesprochen: Was für Kuckucksrufbräuche kennt ihr? Kennt ihr das, worauf die Gedichte abheben, dass die Anzahl der Kuckucksrufe die verbleibenden Lebensjahre angibt?

Hier kann man etwas darüber lesen: HIER KLICKEN!

 

Vom April

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

(Georg Heym, April, aus: Der ewige Tag, 1911, Online-Quelle)

Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Aeste den Tag, wie er leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

(Rainer Maria Rilke, Aus einem April, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch, Teil 1, 1906 Online-Quelle)

 

Blühende Milchsterne neben Narzissen | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, Klicken macht groß

 

Vor drei Jahren erhielt ich von einer gewissen Blumenfee im Tausch ein paar austreibende Milchsterne in einem Töpfchen. Sie erblühten und verblühten zur Freude aller Beteiligten, der Fellträger fraß sie nicht und ich durfte die Zwiebelchen auspflanzen und sich selbst überlassen. 2019 habe ich darüber berichtet, dass sie überlebt hatten, vom letzten Jahr finde ich nur ein eiliges Handypic im Vorübergehen, aber am Samstag habe ich sie bei schönstem Wetter blühen sehen und mich total gefreut.

Euch wunderbare Rest-Ostern! Kommt gut in und durch die neue Woche und passt auf euch auf! 😀

 

Aus dem Stundenbuch | Myriades Impulswerkstatt

Aller guten Dinge sind drei, heißt es: Nun denn, hier ist mein dritter Beitrag für Myriades Impulswerkstatt (März), und es wird sicherlich auch der kürzeste.

 

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

(Rainer Maria Rilke, Denn wir sind nur die Schale und das Blatt, aus: Das Buch von der Armut und vom Tode, in: Das Stundenbuch, 1903, Online-Quelle)

 

Ich werde den Teufel tun, mich interpretatorisch an Rilkes »Stundenbuch« zu wagen. Ich bin nämlich nicht mal sicher, das Stundenbuch jemals komplett gelesen zu haben, denn ich gerate immer wieder über Stellen, von denen ich denke: Oh, hier war ich noch nie. Meine Begeisterung für den Dichter Rilke ist groß und ehrlich, meine Ernüchterung über den Menschen ist es auch – Rilke eignete sich nicht zum Halbgott. Sigmund Freud hat ihn als einen »großen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter« (Quelle) bezeichnet. Dazu kommt, dass ich Rilkes Gedichte manchmal zu schwärmerisch finde, irgendwie zu »drüber«, was dazu führt, dass ich ihn nur häppchenweise genieße.

Dankenswerterweise gibt es Tonnen an Sekundärliteratur zu fast allen Aspekten, und speziell das Stundenbuch ist gut dokumentiert. Um einige Themen, mit denen Rilke sich intensiv auseinandergesetzt hat, wie zum Beispiel Tod und Religion, scheren sich die meisten jedoch keinen feuchten Kehricht, und auch ich hätte daher auf dem Blog eher darauf verzichtet, hätte mich nicht die Muse für Myriades Gemüsebild über obige drei Zeilen stolpern lassen …

Hier ist der sehr lesenswerte Artikel zum Stundenbuch in der Wikipedia: HIER.
Hier ist der Text des Stundenbuchs bei Wikisource zum Online-Lesen: HIER.
Hier ist ein (wie ich finde höchst interessanter) Vortrag über das Stundenbuch vom Blog »Religion heute«: HIER. Sein Verfasser ist Pfarrer, you have been warned.
Last but not least hat das Rilke-Forum den Server gewechselt (in die Schweiz) und ist wieder online (hurra!): Antworten von Leuten, die sich wirklich auskennen, immer gut für einen Besuch: HIER.

Sowieso kommt/kam es mir bei allen drei März-Beiträgen für Myriade eher auf meine Bildbearbeitung/-gestaltung an als auf die Erklärungen dazu; und mein spezieller Dank gilt denen, den das aufgefallen ist. 😉
Das ist dieses Mal alles mit Photoshop gezaubert 😉

 

Rilke-Stundenbuch – Myriades Impulswerkstatt 03-21 | 365tageasatzaday
Quelle: Myriade, Bearbeitung: ich;
Anklicken erhöht die Lesbarkeit um ein Vielfaches

 

Von Frühling und Wind

O wie ist es kalt geworden

O wie ist es kalt geworden
und so traurig öd und leer!
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr’

Auf die Berge möcht ich fliegen
möchte sehn ein grünes Tal
möcht in Gras und Blumen Liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang
Möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang!

Schöner Frühling, komm doch wieder
Lieber Frühling, komm doch bald
Bring uns Blumen, Laub und Lieder
schmücke wieder Feld und Wald

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, O wie ist es kalt geworden, 1849, Online-Quelle)

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte,
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.

(Hugo von Hofmannsthal, Vorfrühling, Erstdruck in: Blätter für die Kunst (Berlin), 2. Band, Dezember 1892, Online-Quelle)

Ein Frühlingswind

Mit diesem Wind kommt Schicksal; laß, o laß
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden –: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, daß es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

… Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus.

(Rainer Maria Rilke, Ein Frühlingswind, Februar 1907, in: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, Gedichte aus den Jahren 1906 bis 1926, insel tb 98, 1953, S. 15/16. Online-Quelle, zur Interpretation)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Ich warte auf den Frühling. Keine Frage, er steht auch hier in den Startlöchern, keine Frage, ich sehe in den Gärten die ganzen Frühlingsblüher und die Meisen (und nicht nur die) singen wie verrückt (und der Fellträger ist genervt). Aber dennoch ist es zu kalt. Ich hoffe, wir verlassen jetzt bald dauerhaft die Nachtfrostzone, ich wäre sehr dankbar dafür.

Ich war überrascht, als ich gesehen habe, wie viel von Hoffmann von Fallersleben vertont worden ist, muss aber auch zugeben, dass ich kein Fan des klassischen deutschen Liedgutes bin. Daher möchte ich euch noch eine andere Version ans Herz legen, und zwar eine von Achim Reichel, den ich gerade für seine Bemühungen um das deutsche Volkslied (nein, nein, ich meine das ernst) sehr schätze …

 

 

Kommt gut und heiter durch die neue Woche!