Der Wassermaler, Teil I | Etüdensommerpausenintermezzo

Als ich euch zu dem Etüdensommerpausenintermezzo aufgerufen habe, liebe Etüden-Fans und -mitschreiber/innen, wusste ich zwar, dass ich die Beschränkung auf 10 Sätze satthatte, dass sich aber dann in meinen Text gefühlt quasi alle in den vergangenen Monaten „eingesparten“ Sätze hineindrängeln würden, war auch für mich eine Überraschung. Daher habe ich beschlossen, diesen Text zu teilen, denn, bei aller Liebe, er hat wirklich einen stolzen Umfang für einen Blogbeitrag.

Zur Erinnerung: Es geht im Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.

Der Wassermaler

 

Donnerstag

„Was machst du da?“ krähte es fröhlich vor ihm. Er schreckte auf. Sommersprossen, Pippi-Langstrumpf-Zöpfe, Zahnlücke, Glitzer-T-Shirt mit Regenbogen-Einhorn, das Schmetterlinge pupste. Rosa!
Aua.
„Ich male das Wasser“, erklärte er und ließ den Pinsel sinken.
„Mama fotografiert das Wasser mit dem Handy“, erklärte sie wichtig.
Er seufzte. Ja, klar.
„Das machen die meisten“, antwortete er.
„Und warum du nicht?“
„Weil ich gut malen kann, aber nicht gut fotografieren.“
Sie stellte sich so dicht neben ihn, dass er die Sonnencreme riechen konnte, mit der sie offensichtlich eingeschmiert war, und betrachtete seine Skizze kritisch.
„Finde ich nicht“, entschied sie dann. „Ich muss jetzt! Tschüss!“
Und weg war sie. Er sah ihr nach, wie sie in ihren Badelatschen die Seepromenade entlangrannte, das es nur so klatschte, und musste grinsen. Freche kleine Krabbe. Wie alt mochte sie sein?

Als er am Abend seine Sachen zusammenpackte, stand sie plötzlich wieder vor ihm.
„Guck mal, Mama, der Wassermaler ist noch da!“
Mama war eindeutig die größere Ausgabe. Sommersprossen, Locken, pinkfarbenes T-Shirt, auf dem Mit ein bisschen Glitzer geht alles stand, ziemlich kurzer Rock, rosa lackierte Fußnägel. Maximal Mitte dreißig. Eine große Strandtasche, aus der ein rosa Schwimmring und eine Wasserflasche ragten, lag über ihrer Schulter. Seine Lebensgeister hoben sich und er lächelte sie an.
„Guten Abend“, sagte sie. „Ich hoffe, meine Tochter hat Sie nicht genervt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wenn sie das hätte, hätte ich mit Glitzer geschmissen.“
Sie lachte.
„Psst. Wir sind in einer Einhorn-Phase. Sagen Sie bloß nichts gegen Einhörner. Haben Sie mitbekommen, dass es am Strand heute Quallen-Alarm gab? Sie war mittendrin. Zum Glück ist ihr nichts passiert. Sie lernt gerade schwimmen.“
Er schüttelte den Kopf, überlegte, was er Kluges sagen konnte. Sein Hals war plötzlich wie zugeschnürt.
„Kommst du, Mama?“ rief das Mädchen, das schon vorgegangen war. „Ich hab Hunger!“
Sie nickte ihm zu.
„Na dann! Schönen Abend noch!“
Er sah beiden nach. Schwimmen lernte sie! Es zog in seinem Herz. Die Kleine sah fast aus wie Marie.

 

Freitag

Am nächsten Tag schlug das Wetter um. Der Wind frischte auf, die Wellen wurden rauer, er fand es nicht mehr so drückend und war froh darüber. Er war trotzdem den ganzen Tag draußen gewesen, hatte fast an der gleichen Stelle gesessen und gemalt, aber weder Mutter noch Tochter ließen sich blicken. Na ja, vermutlich war Bettenwechsel oder so etwas. Die Richtung, in die beiden abgezogen waren, ließ auf eine der großen Bettenburgen schließen. Waren jetzt eigentlich noch Schulferien? Früher hätte er es gewusst.
Ach, die Erinnerungen. Das würde kein erfreulicher Abend werden.

 

Samstag

Als er wieder wach wurde, dröhnte ihm der Schädel und sein Magen hing auf halbmast. Die Flasche Rotwein am Abend zuvor hatte mehr Verwüstungen angerichtet, als ihm lieb war, stellte er fest, und dass man nicht jünger wurde, war jenseits der Fünfzig auch kein Geheimnis mehr. War nur ihm so warm oder war es schon wieder heiß? Er schüttelte die Albträume ab und trat auf den Balkon.
Gleißendes Sonnenlicht empfing ihn. Oha. Er blinzelte. Heute würden die Temperaturen richtig hochschnellen und der Strand sich bis zum letzten Handtuch füllen. Wenn das Wetter sogar bis abends hielt, brauchte sich auch das Höhenfeuerwerk nicht um Zuschauer zu sorgen, das wie an jedem ersten Samstag in den Sommermonaten am späten Abend den Himmel erhellen würde. Die Schau- und Trinklustigen, die an den Ständen an der Promenade und am Ostseestrand den einen oder anderen Euro ließen, waren eine wichtige Einnahmequelle für die Kleinstadt. Bei schlechteren Wetterbedingungen konnte es hingegen durchaus passieren, dass es den Qualm bis zu ihm wehte. Aber egal, an der See war schließlich fast immer Wind. Er warf die Kaffeemaschine und den Ventilator an, schüttelte das Bett auf und ließ die Balkontüren weit offen, um den Geruch der Nacht zu verjagen. Dann ging er gähnend erst einmal unter die Dusche. Heute würde er nicht malen, heute würde er verkaufen. Hoffentlich. Hitzefrei kannte er als Wassermaler sowieso nicht. Wassermaler. Der Name gefiel ihm immer besser.

Es lief ganz gut. Es lief sogar so gut, dass er sich am frühen Nachmittag, als eh fast keiner unterwegs war, weil nämlich kluge Leute zu diesem Zeitpunkt Siesta hielten, einen Liegestuhl und einen Iced Coffee Irgendwas leistete und müßig das Treiben an und im Wasser beobachtete. Vor ihm erstreckte sich der Badestrand, ein Gewimmel aus Schirmen und Decken. Schlagermusik wehte zu ihm herüber, und er pries sein Glück, weit weg von deren Quelle zu sein. Auch das Wasser war belebt, in der Nähe der Absperrung zum offenen Wasser sah er lauter bunte Badekappen und Schwimmflügel oder Schwimmringe, die wie Entenküken um ihre Mutter herumwuselten. Vermutlich ein Schwimmkurs für Kinder. Die zwei Entenmütter schienen hier rote Badekappen zu tragen. Wieder durchzuckte ihn der Gedanke an Marie und an das Mädchen, das ihr so ähnlich sah, dann schob er ihn energisch weg und döste ein.

Ein Windstoß weckte ihn. Von fern glaubte er, einen Donner zu hören. Bei der Wolkenwand, die sich im Westen unterdessen aufgebaut hatte, war das nicht unwahrscheinlich. Er ließ seinen Blick über das Wasser schweifen. Aha, die Wasserwacht hatte schon mal die gelbe Flagge aufgezogen, die rechneten also mit Ärger. Vermutlich war sein Freund Mick heute im Einsatz, der war routiniert und ging kein Risiko ein.
Die Entenküken waren auch alle verschwunden … halt! Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

Ende des ersten Teils

 

So, ihr Lieben. Lest am Dienstag wieder rein (morgen gibt es das Montagsgedicht, Traditionen möchten gepflegt werden), um zu erfahren, ob es Tote gibt, wer eigentlich Marie ist und wie happy das Ende wird. Bis dahin freue ich mich wie immer auf eure Kommentare.
Schönen Sonntag!

Update: Weiterlesen? HIER.

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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48 Kommentare zu “Der Wassermaler, Teil I | Etüdensommerpausenintermezzo

    • Ich mag das eigentlich auch nicht. Aber wenn ich schon einen produziere, weil die Geschichte so lang gerät und ich sie teilen muss, dann auch nach den Regeln der Kunst 😉
      Freut mich, dass sie dir so weit gefällt!
      Liebe Grüße
      Christiane

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      • Irgendein Lebensmittelladen hat diese Woche Einhornkäse, Einhornwürstchen, Einhornjoghurt… und penetrant stinkendes Einhornklopapier. Ich weiß nicht ob der in Hamburg mit T oder K anfängt oder ob es ihn da überhaupt noch gibt. (Ich meine jedenfalls, es wäre der gewesen).

        Gefällt 1 Person

        • Ich kann so was bei Kindern verstehen. Bei angeblich Erwachsenen (dem Alter nach) runzele ich irgendwann verwundert die Stirn.
          (T oder K? Ich glaube, ich brauche eine Bildergalerie. Ich habe gerade „Einhornkäse“ gesucht und bin bei „Einhornpizza“ gelandet. Hilfe! Und ich dachte schon, Schokoladenpizza wäre schlimm!)

          Gefällt 2 Personen

        • T bzw. K. wurde von E. geschluckt weil R. nicht hoch genug geboten hat, dann aber doch zum Teil von R. (rot-weiße Reklame), E. (gelb-blau) hat aber zum Teil in N., deren Discountersparte umgewandelt.

          Einhornpizza habe ich hier auch schon gesehen und Prosecco (also eindeutig nichts für die Zielgruppe unter 10) und Tampons (auch nicht) und…

          Gefällt 2 Personen

        • Prosecco in rosa-metallic Dosen mit Regenbogen. Außerdem noch Bowle und Sekt und Alkoholpralinen. (Und gefühlt tausend andere Sachen.)

          Zitat Handschuhschenker: „Wenn DAS kein Grund ist mit dem Saufen aufzuhören.“

          Gefällt 1 Person

        • Das klappt nicht, aber an dem Zitat sieht man den Eigenhumor, den Trockene entwickeln können. (Ist mir schon mehrmals untergekommen, ich hatte mal eine entsprechende Konversation mit meinem Stiefvater über Biermischgetränke als ich das Zeug noch gelegentlich im Sommer mochte [Vor-Kopf-OP, also lange her…])

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  1. schön, schöön, ganz schööön spannend, liebe Christiane!
    Ja, und wer ist oder war Marie und ist es die kleine Sommersprossige, deren Bademütze noch im Wasser leuchtet???

    Hach, ich will die Fortsetzung lesen!

    Liebe Grüße am Sonntagabend von Bruni

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  2. aber bitte mit ein bißchen Happyend für alle Drei…. ich bin gespannt wie ein Flitzebogen…. die Wellen könne ja wipp-dük hoch hergehen mit Dramatik….aber dann……
    ich habe sie doch alle Drei schon so ins Herz geschlossen….

    In 5 Stunden ist morgen -:)))

    Gefällt 1 Person

    • Morgen früh kurz nach 6, bereits geplant für alle, die in der Früh ihren Reader durchschauen. Und leider bist du zu spät mit deinen Wünschen, ich bin fertig, ich ändere nichts mehr … 😉
      Nein, diese Geschichte ist eher langsam …. Ach, lies selbst 😉
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. Eine schöne und spannende erste Hälfte …
    Ich glaube ja dass da noch ein wenig Romantik in der zweiten Hälfte erscheint. Aber es könnte auch sein, dass da der Wunsch der Vater des Gedankens ist 😉
    Einen lieben Gruß
    Herbert

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo | Irgendwas ist immer

Ja, eben. Und du so?

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