Kloß im Herz | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Sie stand hinter dem Fenster und blickte nach draußen. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie die Decke mit der kleinen bepelzten Kugel sehen, die im Tiefschlaf pustete. Die Bank, auf der die Kugel lag, war eines der Dinge, die noch von zu Hause stammten, solides Holz, Fichte, glaubte sie, und erinnerte sich daran, dass sie ihrem Vater als Kind geholfen hatte, es abzuschleifen, bevor unter seinen Händen die Bank entstanden war, die später meist ihren Dienst in der kühlen, immer leicht feucht riechenden Waschküche verrichtete, durch deren winzige Fenster auch eine ebensolche Kugel aus und ein gegangen war.
Was nahm man mit, wenn man eine Wohnung, ein Haus, ein Leben auflöste? Wenn aus einer Gegenwart Erinnerungen wurden, unwiederbringlich, deren Gewicht für lange Zeit das Herz abschnürte?

Wir haben doch alles.

Sie hatte sich schweren Herzens nur für Dinge entschieden, die sie nicht so schnell loslassen konnte oder wollte, die halfen, die klaffende Wunde zu verpflastern. Wertgegenstände halt, auch wenn der Wert eher ideell als materiell war. Das geliebte Schränkchen. Bücher. Die Trauringe ihrer Eltern, die scheußliche goldene Kette, die die Mutter „für gut“ getragen und sehr in Ehren gehalten hatte. Küchenkram, na klar. Praktische Kleinigkeiten, die ihr später irgendwann ein Lächeln abringen würden, weil sie so sehr den Geist ihrer Mutter atmeten. Und vieles, was sie mit ihrer eigenen Kindheit verband.
Ach, dachte sie, mit der Zeit ist es wie mit einer Wanderbaustelle, irgendwann ist es vorbei. Und was wird dann von mir bleiben außer einem Namen auf dem Friedhof? Und ist es nicht gut so, wie es ist? Wer bin ich denn schon? „Mein Teil, es soll verloren gehen“, eine Zeile aus einem Bachmann-Gedicht, gelesen, zugestimmt, erschrocken ob der Endgültigkeit und nie vergessen.

Ihre Gedanken verweilten bei ihrer Mutter, die abends mit langsamen Schritten das Haus umrundet hatte, im Garten kontrollierte, ob etwa Erdbeeren oder Johannisbeeren so reif waren, dass sie gepflückt werden mussten, oder wie es um die Äpfel stand. Im Sommer kam es der Tochter manchmal so vor, als ob die Mutter bei den abendlichen Telefonaten nur von den Falläpfeln sprach: Apfelmus, Apfelpfannkuchen, Blechkuchen mit Äpfeln und Rosinen und Zimt zu allen Gelegenheiten, die sich nur ergeben konnten. Und Zwetschgen. Später im Jahr dann die Zeit, wo sie am Gartentor stand und das fliegende V hoch über ihr flüchtige Anzeichen von Heimweh auslöste: Graugans nach Graugans, nach Nordosten oder von dort zurück, Ostpreußen. Ferne, schöne Heimat, für immer überschattet von Krieg und Vertreibung.
Sie hatte über fast alles Schlimme geschwiegen, hatte ihre Lebensgeschichten ihrer Tochter nicht zumuten wollen, auch wenn die sich an Geschichten über Muckefuck und Ernteeinsätze und Badeausflüge zur Ostsee erinnerte, und dass sich die Mutter entgegen aller Flüsterpropaganda, was mit ihnen unter den Russen geschehen würde, geweigert hatte, ein Schiff zu besteigen, als alles verloren war: Wasser hat keine Balken! Wie war es wirklich, hatte sie gefragt. Furchtbar, hatte die Mutter gesagt und abwehrend den Kopf geschüttelt, aber es gibt gute und schlechte Menschen überall, ich glaube nicht, dass die deutschen Soldaten immer besser waren. Es gab so viel, was wir damals nicht wussten.
Dass ihr Volk, das der Dichter und Denker und der Waldeinsamkeit, dazu fähig war, Vernichtungslager zu bauen und zu betreiben, hatte ihren Glauben an die Welt nachhaltig erschüttert. Sie hatte als Jugendliche die dahinterstehenden Ideen unkritisch mitgetragen, ihre Tochter hatte sich manchmal gefragt, ob sie ihr Schicksal als eine Art Buße dafür angesehen hatte, so gutgläubig gewesen zu sein. Heute ist es leichter, sich zu informieren, dachte sie nun, aber die Schlüsse daraus sind genauso schwierig und oft nicht weniger falsch.

Draußen auf der Terrasse schwangen die solarbetriebenen Lampions im abendlichen Windhauch. Die Pelzkugel stand auf, machte einen Buckel, warf ihr einen langen Blick zu und ging gemessen ihrer Wege.

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem zweiten Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge einzubauen:
Flüsterpropaganda, Graugans, Holz, Johannisbeeren, Lampion, Muckefuck, Schritte, Waldeinsamkeit, Wanderbaustelle, Windhauch.

Gestern Abend habe ich mich mit Myriade darüber unterhalten, wie wir schreiben, da wir beide uns oft aus den Etüden einen Ausgangsbegriff herauspicken (ich oft unbewusst, wie mir aufgefallen ist), um den herum sich die Geschichte dann entwickelt. Dazu merkte sie dann an: „Na ja, ich denke es gibt verschiedene Herangehensweisen. Man kann die Geschichte um ein Wort bauen und die anderen hereinziehen oder zuerst eine Geschichte haben und die Wörter dann einbauen oder nur die Wörter irgendwie aneinanderreihen. Sehr spannend finde ich irgendetwas Persönliches zu schreiben und dann zu sehen, ob die Wörter irgendwelche zusätzliche Gedanken oder Themen eröffnen. Das ist dann so ähnlich wie ein Rohrschach-Test nur mit Wörtern. Das ist für mich ein Gewinn, ansonsten könnte ich ja genauso gut einfach irgendeine Geschichte erfinden oder Betrachtungen über irgendwas schreiben. Aber es würde mich sehr interessieren, wie andere an die Sache herangehen.“ (Originalkommentar hier.) Und ich dachte, oh, das probiere ich mal aus, mich anders zu nähern, denn mir war fast gleichzeitig der Eintrag von Petra Schuseil im Totenhemd-Blog ins Auge gesprungen, wo sie fragt, ob man schon mal eine Wohnung aufgelöst habe. Ja, musste ich, und es ist auch nicht mehr ganz frisch, also war es relativ leicht, daraus eine Geschichte zu spinnen …

 

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10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Eine Pause ist eine Pause ist eine Pause. Mir jedenfalls tut sie gut, immer noch, führt sie doch dazu, dass sich bereits ZWEI Ideenpakete bei mir eingestellt haben, von denen ich das Gefühl habe, dass sie mein Leben verändern könnten – und die nichts mit den Blogs zu tun haben, okay, eine könnte sich vielleicht in die Richtung ausdehnen. Alles zu seiner Zeit. Habe ich also Lust, meine Sommerfrische zu beenden? Mitnichten! Ich harre der Dinge, die da kommen, und lebe. (Und arbeite.) Offline. Weitgehend.

Da trifft es sich gut, dass ich (aus anderen Gründen, manche werden sie kennen) dergl (deren momentane Abstinenz ich bedaure, aber verstehe und hoffe, dass sie bald beendet ist und sie wieder mitschreibt) gebeten hatte, dass sie aus der Liste der von euch gespendeten Wörter 15 neue aussucht, auf dass wir mit ihnen spielen/schreiben können. Und wem meine Wörter ein bisschen zu sehr dem bunten Bällebad entsprungen waren, der wird sich sicherlich jetzt über mehr Tiefe freuen, der Tenor ist ganz anders.

Sucht euch aus der Liste (mindestens) 10 Wörter aus und verarbeitet sie in einem Text. LÄNGE: egal. TEXTART: egal. Zusätzliche Gedicht- oder Liedzeile: gestrichen.

 

Hier sind sie (in alphabetischer Reihenfolge):

Flüsterpropaganda
Graugans
Holz
Johannisbeeren
Kaninchenstallscharnier
Knäckebrot
Lampion
Langsamkeitswahn
Muckefuck
Sarkasmus
Schaukelbär
Schritte
Waldeinsamkeit
Wanderbaustelle
Windhauch

 

Anders als ursprünglich geplant, geht es mit den Etüden nicht am ersten Septemberwochenende weiter, sondern erst am zweiten, wir sprechen also über Sonntag, den 9. September. Vorher melde ich mich bei euch, WIE es denn nun weitergeht. Die Abstimmung zeigt bisher jedenfalls, dass ihr mit großer Mehrheit eine maximale Wörteranzahl statt 10 Sätzen befürwortet bzw. zumindest tolerieren würdet. Wir können es ja mal probieren. Wie gesagt, Näheres dazu kommt.

Last but not least sind des Herrn lz. wunderhübsche Illustrationen (danke, Ludwig) dazu gedacht, als Bilder von euch bei euren Beiträgen eingebunden zu werden (die Frage tauchte neulich auf). Kein Muss, aber ein Angebot.

Und bitte hierhin verlinken/kommentieren … ich freue mich und bin wie immer sehr gespannt, was euch so einfällt! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo II-2 | 365tageasatzaday

 

Undercover | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

Tanztee, ha! Die bessere Gesellschaft! Die Versammlung der Eitelkeiten in Abendgarderobe nervte Ronja. Dass sie miterlebte, mit welcher Nichtachtung man ihrer Freundin Elise begegnete, die an jenem Abend an der Garderobe Dienst schob, machte es nicht besser. Bleib professionell, beschwor sie sich, halt die Ohren offen, du bist schließlich nicht zum Spaß hier.

Schön, es war nicht das Klügste gewesen, dass sie es sich gegönnt hatte, hinter dem Rücken der fetten Dame im Federkleid ein trotziges „Federn stehen Vögeln am besten“ zu raunen, woraufhin die so schnell herumgefahren war, dass die langen Ohrringe klimperten und ihr fast die Gabel vom Teller mit der Sachertorte gerutscht war. „Haben Sie was gesagt?“, hatte sie Ronja angefahren, und Ronja hatte ihr das Tablett mit den Getränken entgegengereckt und stockend „Wünschen Sie …?“ geantwortet, als ob sie der Sprache nicht so ganz mächtig wäre. Das klappte immer.

Die Dame konzentrierte sich lieber wieder auf den Sermon der Fabrikantengattin. „‚Schau mal her, Walter‘, habe ich zu ihm bei der Besichtigung gesagt, ‚das ist das Biedermeierschränkchen deiner seligen Ururgroßmutter Hedwig, ich bin ganz sicher!‘ Und wissen Sie, wie schade, dass die Polizei dieses Lager erst jetzt gefunden hat, wo wir die Sache mit der Versicherung schon abgewickelt haben! Jetzt bekommen wir zwar die Möbel zurück, zusammen mit dem ganzen anderen Firlefanz, Sie wissen ja, Schmuck, Bilder, Teppiche und so, aber wir haben uns ja längst neu eingerichtet, der furchtbare Einbruch ist doch über sechs Monate her.“ Sie wedelte mit der Hand und lächelte fahrig.

Tja, dachte Ronja, Besitz ist ohne Frage eine mächtige Fußfessel, die Gier nach Geld eine nicht zu unterschätzende Motivation. Oder war es vielleicht etwas ganz anderes? Sie zweifelte nicht daran, dass es in der Fischkonservenfabrik viele stille Eckchen für überflüssige Möbel gab. Platz genug war ja, die Geschäfte liefen dem Vernehmen nach nicht so rosig. Als die Fischkonservenfabrikantengattin jedoch einige Zeit später Stein und Bein schwor, dass das Möbelstück alt und wertvoll sei, sie habe schließlich Ahnung davon, hörte sie dann wieder genauer hin. Die fette Dame bekundete Interesse, Freundschaftspreis vorausgesetzt, falls sie sich von dem Schränkchen trennen wollen würde.
Das war jetzt schon die fünfte an diesem Abend. Ronjas unauffälliges Herumlungern mit dem Tablett würde sich vielleicht doch auszahlen.

Tat sie es wohl aus Liebe oder eher aus schnödem Eigennutz, die Gattin? Wusste sie, dass sie und Ronja ein Geheimnis teilten, dass es nämlich diese Besichtigung des konfiszierten Diebesguts so nie gegeben hatte und die ach so alten Möbel sogar durch ein Bad im Baggersee nicht wesentlich an Wert verloren hätten? Sie waren so neu, dass man eigentlich die Farbe noch hätte riechen müssen.

Irgendwann war auch dieser Abend vorbei und Ronja, der scheinbar dienstbare Geist, auf dem Heimweg. Sie begann, leise zu pfeifen. „Dieser Fall ist klar, lieber Herr Kommissar, auch wenn Sie and’rer Meinung sind: Den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahr’n, kennt heute jedes Kind.“

Kriminalhauptkommissarin Ronja Kaiser witterte Betrug.

 

Sommeretüdenintermezzo 2 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Baggersee, Biedermeierschränkchen, Federkleid, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel,  Liebe, Ohrring, Sachertorte, Tanztee.

Ach, hier kommt das Zitat her, wer es nicht erkannt hat:
Falco – Der Kommissar (Link zu YouTube)

Kein direkter Song zum Text, aber aus Gründen:
Faun – Federkleid (Link zu YouTube)

 

Dylan und Lilo. (Fast) Ein Wassermärchen. | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

 

Sie sagen, unsereins hätte keine Seele, aber ach, was wissen sie schon von der Liebe …

Lilo. Ich kenne sie, seit sie ein Kind war und mit ihren Freundinnen zum Schwimmen an den See kam. Sie durften so weit von zu Hause weg, wie sie die Kirchturmspitze noch sehen konnten, und wenn es abends läutete, mussten sie heim zum Abendessen. Damals war sie ein unbeschwertes Mädchen, das sich gern vor Lachen ausschüttete und dabei ihre weißblonden Haare fliegen ließ. Eine Haarfarbe, die unserer so sehr gleicht, wenn wir an Land gehen, dass ich schon zu jener Zeit dachte, dass sie eine von uns sein müsse. Oder ihre Eltern. Oder einer ihrer Vorfahren. Ein Zeichen. Aber bei uns war sie unbekannt, und wir haben ein gutes Gedächtnis, was die Unseren betrifft.

Sie wuchs heran. Und fast immer, wenn sie allein an den See kam, tauchte ich dort ebenfalls auf: Ein gut aussehender Kerl mit blonden Locken und einer roten Mütze, der im und auf dem Wasser zu Hause zu sein schien oder auf den See hinausstarrte, scheinbar nur wenige Jahre älter als sie. Natürlich sprachen wir bald miteinander, gingen schwimmen, tauchen, bootfahren. Oft sogar. Lilos Vater gehört die Fischkonservenfabrik am Rande der Kleinstadt, sie wuchs mit dem ganzen Firlefanz auf, den reiche Mädchen heutzutage haben, ausgedehnte Urlaube an exotischen Orten, neueste Technik, exklusive Klamotten – all das. Goldener Käfig. Viel Materie, wenig Gefühl. Sie lege keinen Wert darauf, sagte sie, und dass sie ein derartiges Leben überhaupt nicht authentisch fände. Sie liebte die Stille des Sees. Manchmal schwiegen wir den ganzen Abend.
Mir kam das zugute, ich gab das Kontrastprogramm, was sonst hätte ich tun können? Ich machte auf geheimnisvoll und am Geld uninteressiert. Zumindest Letzteres traf zu, ich habe genug. Wirklich. Frauen mögen das Gefühl, dass sie auserwählt sind, und ja, das war sie, jedenfalls, was mich anging. Klar flirtete ich mit ihr, heftig sogar, aber wir küssten uns nicht mal richtig, wir brauchten das nicht. Unser Platz wurde das See-Restaurant. Und solange wir in der Nähe des Wassers blieben, fiel ihr auch nicht auf, dass meine Hose immer ein wenig tropft.

***

Eines Abends setzt sie sich auf der Terrasse zu mir, als die Schlagerkapelle sich durch einen Oldie kämpft: „Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne.“ Ich erschrecke, denn sie ist völlig aufgelöst.

„Ich muss dir was erzählen.“
„Was ist passiert?“
„Mein Vater will mich verheiraten. Ernsthaft.“

Wie bitte? In welchem Jahrhundert leben wir? Es ist mehr als eine fixe Idee ihres alten Herrn, wie ich dann erfahre. Er hatte sie vor einigen Jahren bei einem Deal mit einem Geschäftspartner eingesetzt: Gibst du mir finanzielle Sicherheit, bekommt dein Sohn meine Tochter zur Frau. Was für ein zukunftsweisender Plan, später legt die zweite Generation das Erbe der Väter zusammen und so weiter … genau, diese Nummer. Kein Gedanke daran, dass Lilo studieren wollen und eigene Vorstellungen für die Zukunft entwickeln könnte. Sie hatte doch alles, das würde sich nicht ändern, und wenn sie erst verheiratet war und Kinder da waren, dann wäre Zeit, weiterzusehen. Eigenes Leben, eigene Entscheidung? Fehlanzeige.

Jetzt fordert der besagte Sohn die versprochene Frau, die das heiratsfähige Alter erreicht und ihr Abi in der Tasche hat. Reif für den nächsten Schritt. Oh, man kennt sich, wie Lilo berichtet, er sei nun auch kein Ekel oder so, aber der Funken, der Funken der Leidenschaft, der sei bei ihnen echt nicht in Sicht. Und überhaupt. Sie ist empört.

„Mein eigener Vater VERKAUFT mich!“

Früher war es Sitte, zu anderen Zeiten hätte es ihr zur Ehre gereicht. Es zählte nur, dass man einen Mann bekam, der fähig war, einen zu ernähren. Und die Kinder. Gefühle wurden da nicht so hoch gehängt. Aber das sage ich ihr nicht.
Stattdessen werfe ich Herz in die Waagschale und wage den Schritt, dessen Folgen mein Leben bis heute erschüttern. Ich schlage ihr die einzig vorstellbare Alternative vor. Mich.

„Dann komm mit mir. Heirate mich. Lass alles hinter dir und hau mit mir ab. Die finden uns nie.“
„Ja, aber, Dylan …“

Dylan bin übrigens ich. Jeder Name, der etwas wie „Sohn des Meeres“ bedeutet, ist meiner, da bin ich großzügig.

Lilo ist achtzehn, romantisch, idealistisch und blauäugig. Ich weniger. Wenn der Heiratsdeal platzt, weil sie mit mir geht, was geschieht dann mit der Fabrik, wenn der Geschäftspartner ihres Vaters sein Geld zurückfordert? Wird Lilo mit der Schuld leben können, ihre Eltern in den Ruin gestürzt zu haben, wenn es hart auf hart kommt? Würde ich imstande sein, sie freizukaufen – oder es wollen? Das sind Fragen, die die Luxusprobleme, die sie bisher hatte, weit übersteigen. Ich weiß, dass sie kommen werden, und nicht nur die, aber ich behalte sie für mich. Nicht fair? Nicht fair. Ich lebe schon ein paar Jahrzehnte länger und bin nach ihren Maßstäben vermutlich gerade dabei, ihr Leben zu ruinieren.

„Wo lebst du, Dylan? Und wovon?“

Ich wedele mit der Hand durch die Luft, eine Geste, die den See, der groß ist und durchaus kein popeliger Baggersee, und seine gesamten Zu- und Abflüsse einschließt. Bis zum Meer, das nicht weit weg ist.

„In einem Schloss unter dem Meer.“

Es stimmt. Ich war nie ehrlicher. Sie starrt mich an, als ob sie mich zum ersten Mal sehen würde.

„Aber dann ertrinke ich!“
„Nein. Du atmest normal weiter. Du brauchst nicht mal deine Gestalt zu ändern, wenn du das nicht willst. Dafür sorge ich. Du bist nicht die Erste, die vom Land zu uns kommt, weißt du?“

Sie denkt nach. Schluckt. Hat offensichtlich nicht kapiert, dass die Erscheinungsform, die sie von mir kennt, demnach nicht meine tatsächliche ist. Wahrscheinlich käme sie eh nur auf Fischschwanz. Arielle (der Meerjungfrau) sei Dank, sie haut nicht sofort ab, sondern riskiert eine weitere Frage.

„Wer bist du?“
„Liebste“, sage ich, „ich bin der verdammte Unterwasserkönig. Und du, Lilofee, bist meine Braut – wenn du willst. Entschuldige, dass ich nicht vor dir auf die Knie falle, es kommt auch für mich ein bisschen überraschend.“

Okay, okay. Ich bin EIN Unterwasserkönig. Kein ganz kleiner. Aber das würde jetzt zu weit führen.
Lilo schweigt. Den Schock muss sie erst mal verdauen. Als Ablenkungsmanöver mache ich verstohlen zwei, drei unauffällige Handbewegungen und puste mit gespitzten Lippen. Zum Glück weht bereits eine kleine Brise. So erscheint es fast natürlich, dass plötzlich eine von vier Pferden gezogene Kutsche, geformt aus grünblauem Wasser, Wind und weißem Schaum, quer über den See ihre Bahn zieht und genauso abrupt wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

„Schau, für dich!“, zeige ich auf das Spektakel. Von den Nebentischen hören wir erstaunte Ausrufe. Sie lacht auf und freut sich, aus ihrer Grübelei herausgerissen zu werden.
„Lass mich darüber nachdenken.“

Ich nicke. So einige Gebote bin ich bereit zu verletzen, aber nicht das der Freiwilligkeit. Sie muss unsere Verbindung wollen, sie gibt ja ihr ganzes Leben auf. Sonst bin ich nicht besser als ihr Vater, nur der Käfig ist faszinierender. Und ja, ich liebe sie schon viele Jahre; sie wird mich vielleicht lieben lernen, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Liebe ist die stärkste Fußfessel in dem Spiel. Liebe – und die Kinder, auf die ich setze. Denn Lilo kann als Menschgeborene jederzeit das Wasser verlassen, ich werde sie nicht hindern. Unsere Kinder jedoch nicht, nicht so einfach, die würden sterben. Wie ich, wenn unsereins zu lange vom Wasser getrennt ist. So läuft es nun mal.

Also warte ich. Warte und hoffe, dass sie am nächsten Abend wiederkommt. Oder am übernächsten. Oder nächste Woche. Dass sie zustimmt, dass ich ihr den Perlenring anstecke und die Ohrringe und die Kette aus schimmerndem Perlmutt anlege, mit denen sie unter Wasser atmen kann. Dass ich sie küsse und wir Hand in Hand hinabsteigen in mein Reich, um glücklich zu sein. Lilo. Ich werde hier sein.

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Ablenkungsmanöver, Baggersee, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel, Kirchturmspitze, Liebe, Luxusproblem, Ohrring, Unterwasserkönig.

 

Erklärungen:
Hier ist der Wikipedia-Artikel zum Thema Wassermann/Nöck, aus dem ich Motive verwendet habe.

Dylan als Name: Wikipedia (dt.), Wikipedia (engl.)

Lilofee: Die Ballade von der schönen Lilofee kenne ich als Gedicht bzw. Volkslied (Projekt Gutenberg) in verschiedenen Variationen, vertont heißt sie oft „Der wilde Wassermann“, hier empfehle ich die Versionen von Faun (YouTube) und Achim Reichel (YouTube).

 

Ja, ist ein bisschen länger … Aber nicht so lang wie letztes Jahr, und hey, es sind NICHT die Etüden, es ist das Etüdensommerpausenintermezzo. Ihr wollt auch? Dann nichts wie ran, noch ist Zeit. Hier ist der Startschuss.

 

10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

Ja ja ja ja ja ja ja, es ist so weit! Vielen Dank für eure Wortspenden! Die Etüden gehen in die wohlverdiente Sommerfrische (ist es eigentlich bei wem von euch NICHT heiß?) und wir widmen uns den Etüdensommerpausenintermezzoaufgaben. Plural? Ja, Plural, in zwei Wochen gibt es noch mehr.
Heute aber dreht es sich wie im letzten Sommer darum, dass ihr aufgerufen seid, eine Geschichte bzw. einen Text zu schreiben. LÄNGE: egal. ORT UND ZEIT: egal. ABER: Es gibt zwei Bedingungen.

1. Ihr sucht euch aus der folgenden Liste (mindestens) 10 Wörter aus (mehr geht immer), und baut die ein.
2. Ihr integriert eine Gedichtzeile (und/)oder eine Textzeile aus einem Lied in euren Text. Bitte bedenkt, dass das Urheberrecht verbietet, aktuelle Texte/Gedichte in voller Länge zu zitieren, daher beschränke ich den Aufruf auf maximal eine Zeile. Zum Beispiel könnten eure Protagonisten, während sie ins Wasser rennen, „We all live in the Yellow Submarine“ (Link zu YouTube) singen (oder was man heutzutage so singt). Bleibt im Zweifelsfall lieber kurz, ich bin aus gutem Grund da rigoros. Oder aber nehmt ein Gedicht, dessen Urheber länger als 70 Jahre tot ist, dann darf zum Beispiel die „Glocke“ auch gern komplett zitiert werden (aber NICHT in meiner Kommentarspalte! Bitte! *gggg*). Ich hatte, nur als Beispiel, bereits zwei Gedichtetüden (hier und hier – und nein, mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass es dasselbe Gedicht war).

Die Wörter, die es auf die Liste geschafft haben, lauten in alphabetischer Reihenfolge:

Ablenkungsmanöver
Baggersee
Biedermeierschränkchen
Federkleid
Firlefanz
Fischkonservenfabrik
Fußfessel
Kirchturmspitze
Liebe
Luxusproblem
Ohrring
Räumungsklage
Sachertorte
Tanztee
Unterwasserkönig

 

Zeit: Ihr habt drei Wochen, nicht nur eine wie sonst. Die Illustrationen unterliegen wie üblich dem Copyright des überaus geschätzten Herrn lz., ich hoffe, ihr kommt mit der Anzahl hin, man weiß ja nie.

Und bitte hierhin verlinken wie immer, ich bin schon sooooooo neugierig, und ich schätze, ihr seid es auch … ich freue mich! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!!!!!

 

Sommeretüdenintermezzo 1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo 2 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzaday

 

Zeigt her eure Wörter!

Jawollja, ihr Lieben, dies ist der Aufruf für das Etüdensommerpausenintermezzo 2018, das ab Woche 31 lostoben (ich mag das Wort) soll.

Ich hätte gern von euch ein Wort. Ein Substantiv/Hauptwort. Eins. In die Kommentare, bitte. Keine weiteren Vorgaben, ich vertraue auf euch.

Wer mehr als eins abgibt, kommt trotzdem nur mit einem in den Topf, und das suche ich dann gern aus. Annahmeschluss ist am 24.07.2018 um 20:00 Uhr CEST. Zu gewinnen gibt es … nichts, und ich sage NICHT, dass ich alle Wortspenden berücksichtigen kann und werde.

Was daraus werden soll, erfahrt ihr am 29. Juli 2018 zur gewohnten Zeit, denn dann ist Etüdensommerpausenintermezzoschreibaufgabenausgabe!

 

Wort gesucht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Frau Meyer hat einen Hals | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Dieser Tag würde nicht ihr Lieblingstag werden, das wurde ihr schon morgens klar. Hatte der Sturm in der Nacht doch ihre drei Meter hohe Lieblingssonnenblume im Vorgarten geköpft! Sie nahm das persönlich. Scheißwind! Blöder Frühherbst! Frustriert erwog sie, das Büroradio, das nur dümmliche Sommerhits spielte, auf Klassik umzustellen. Und überhaupt, die Temperaturen! Selbst die Wetterfrösche zuckten bei der Frage nach besseren Aussichten nur die Achseln und bliesen Trübsal.

Mittags kam ihr Essen natürlich zuletzt und sie musste es fast herunterschlingen, sie wollte ja nicht, dass die wartenden Kollegen ihr auf den Teller starrten. Aus purem Verdruss spendierte sie später dem Labrador der nervigen Bürotratschtante ihren letzten Schokokeks und wünschte ihm Durchfall, Verstopfung oder beides. Sicherheitshalber schloss sie die Tür, dass er nicht ihr Büro vollpupsen konnte, sie brauchte heute nicht auch noch Stinkbombenalarm.
Zu Hause angekommen erwartete sie eine Urlaubskarte in Form einer Flaschenpost. Ihr Herr Sohn weilte mit Familie an der Nordsee, da fand man das offensichtlich witzig. Liebe Grüße in geschmacklosem, hirnlosem Plastik in Flachmannform mit Korkverschluss. Sie schnaubte und hätte am liebsten geschrien.

Draußen hatte die Sonne einen grandiosen Abgang in allen Rot- und Orangetönen hingelegt. Samtig und sternklar wölbte sich der Nachthimmel. Sie schlief entspannt. Endlich.

 

drabblemezzo 2 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Zum Abschluss schulde ich euch noch das Double-Drabble für mein Etüdensommerpausenintermezzo 2. Aber dazu braucht es vielleicht einige Erklärungen.

Ich habe keine Ahnung, ob man nur im Norden „soooo einen (dicken) Hals“ hat. Die Bedeutung kann man jedenfalls hier nachlesen.

Besagte Flaschenpost bekommt man hier an den Landungsbrücken und tatsächlich oft an der Nordsee, oft bunt bedruckt. Sicher für manche Gelegenheiten eine witzige Idee. Bild der Puristenform hier.

Und ja, ich weiß, dass Hunde keine Schokolade bekommen dürfen! Daher erkläre ich hiermit feierlich, dass beim Schreiben und im Verlauf dieser Geschichte kein Hund zu Schaden kam, und dass besagter Labrador einen Schokokeks (es ist ja noch nicht mal reine Schokolade und sicherlich ist der Theobromin-Anteil nicht hoch) lächelnd verdrücken kann und gern noch einen zweiten verdrückt und verträgt.

Aber – Mutter??? | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Jedes Jahr stand sie am gleichen Augusttag vor der Tür. Oma. Am Freitag nach dem Geburtstag der Zwillinge, denn am Samstag stiegen alle in das Auto und fuhren an die See. Es gab Krabbenbrötchen und das erste Bier für Papa (ab da fuhr Mama), dann gingen sie für mehrere Stunden an den Strand, schwammen oder sonnten sich oder rannten herum, später kehrten sie in einem Landgasthof ein, der für verboten gute, selbst gebackene Torten berühmt war, und schließlich juckelten sie heim. Und am Sonntag brachten sie Oma zurück.
Jedes Jahr. Auch wenn aus der Kür längst schon viel Pflicht geworden war. Man sah sich ja auch sonst nicht mehr so oft.

Dieses Jahr hatte Oma angerufen, dass sie sich den Fuß auf der Treppe verknackst hätte und nicht laufen könne. Nun packten die Zwillinge ein Care-Paket für sie.

„Gute Idee“, sagte Mama, „sie bläst todsicher Trübsal, wenn sie herumliegen muss. Was soll denn rein?“
Schokokekse!“
„Die werden aber leicht zerdrückt.“
„Wir tun die in eine Flasche mit einem ganz breiten Hals. So eine Art süße Flaschenpost.“ Sie kicherten albern. Teenies. „Und die Sonnenblumen im Garten haben wir auch fotografiert und ausgedruckt. Ist bestimmt gut für die Laune.“

Als sie bei ihr ankamen, öffnete Oma nicht. Die herausgeklingelte Nachbarin gab ihnen einen Brief.
„Sie hat gemeint, da stünde alles drin. Ist nichts Schlimmes.“

Ihr Lieben! Macht euch bitte keine Sorgen, mir und meinem Fuß geht es gut. Wenn ihr dies lest, bin ich bis Montagabend weg. Ich habe nämlich einen netten Mann kennengelernt, den will ich mir übers Wochenende näher anschauen. Es gab leider nur diesen Termin. Ich gehe bis dahin nicht ans Handy! Claudia, guck nicht so, das gibt Falten.

Es waren natürlich die Zwillinge, die als erste einander lachend High five gaben und altklug „Pflaster für die Seele“ murmelten.

 

drabblemezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Mein erstes Triple-Drabble ever, und natürlich für das Etüdensommerpausenintermezzo! Ich finde es echt erstaunlich, was man in 300 Wörtern alles so erzählen kann. Und weil mir das Schreiben zugleich auch noch einen Ohrwurm beschert hat, hänge ich den mal gleich mit an. Schönen Sonntag euch!

 

 

 

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Profilneurose | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Der Käfer war nicht von seinem Vorhaben abzubringen. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst, wenn die Leute eine Flaschenpost mit mir drin und mit einer Sonnenblume dran sehen, die im See schaukelt, dass sie die nicht rausziehen würden? Dann komme ich bestimmt ins Fernsehen und werde endlich berühmt!“

Leider erwies sich die Sonnenblume als zu schwer für die Flasche, die kippte und unspektakulär im Wasser herumdümpelte. Als auch noch Wasser eindrang, musste er endgültig akzeptieren, dass nichts so laufen würde wie geplant. Schließlich retteten seine Kumpels den Halbertrunkenen, worauf der ohne ein Wort des Dankes erneut in finsterste Trübsal versank.

 

drabblemezzo 1 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Klarer Fall von „dumm gelaufen“. Tja. So kanns gehen.  :-)
Kleiner Drabble-Nonsens zum Dienstag für das Etüdensommerpausenintermezzo 2.

 

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Etüdensommerpausenintermezzo 2 – es drabbelt!

Hallo, liebe Etüden-Verrückte und sonstige Mitleser-/innen und -schreiberinnen, habt ihr euch in den letzten beiden Wochen genug ausgetobt, längenmäßig gesehen? Wer gern noch mal nachlesen möchte, was alles so zusammengekommen ist, findet hier eine Übersicht.

Die Schreibanregung für die nächsten beiden Wochen ist dafür wieder ganz anders: Schreibt ein Drabble, ein Double-Drabble oder ein Triple-Drabble (oder gern auch alle drei) und baut (na klar!) ein paar Wörter ein. Wie, was, wo … Ägyyyyyyyypppptennn? Kommt jetzt.

Ein Drabble ist eine kleine Geschichte, die aus GENAU 100 Wörtern besteht, das ist der Witz daran. 100 Wörter (ohne Überschrift). Keins mehr, keins weniger. Wörter ZÄHLT man übrigens über 1. Word, 2. jegliches Schreibprogramm sonst, 3. WordPress, jedenfalls am PC (links unten unter dem Eingabefeld, da steht bei mir „Anzahl der Wörter im Text:“ und dann eine Zahl), 4. von Hand, was ich völlig frustrierend finde und daher ablehne.
Mein ernst gemeinter Appell an euch: Behumpst euch nicht selbst, der Spaß daran ist die Zahl. Schafft ihr es, eine Geschichte in genau 100 Wörtern zu erzählen?

Dies wären nicht die Etüden, auch wenn es „nur“ das Etüdensommerpausenintermezzo 2 ist, wenn es keine Wörter gäbe, die eingebaut werden sollten. Und Drabbles (100 Wörter) gibt es auch als Double-Drabbles (200 Wörter) und Triple-Drabbles (300 Wörter). Also habe ich mir Folgendes vorgestellt, es soll ja nicht langweilig werden:

Schreibt eine Geschichte in Form eines …

Drabble: Bringt diese 3 Wörter in 100 Wörtern (gezählt ohne Überschrift) unter. 100 Wörter, keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume.

 

Double-Drabble: Bringt diese 4 Wörter in 200 Wörtern (gezählt ohne Überschrift) unter. 200 Wörter, keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume
Schokokeks.

 

Triple-Drabble: Bringt diese 5 Wörter in 300 Wörtern (gezählt ohne Überschrift) unter. 300 Wörter, keins mehr, keins weniger.

Flaschenpost
Trübsal
Sonnenblume
Schokokeks
Pflaster.

 

Selbstverständlich könnt ihr so oft mitmachen, wie ihr wollt, gerne natürlich auch mehrmals pro Drabble-Kategorie. Selbstverständlich stammen die Illustrationen dazu (eine pro Drabble-Kategorie) wieder aus der Feder/dem Computer des freundlichen Herrn lz. (danke, Ludwig!). Nicht selbstverständlich ist, dass ihr wieder zwei Wochen Zeit habt, aber schließlich ist das hier ein Intermezzo, „the real thing“ kommt dann wieder Anfang September, und zwar am Sonntag, den 3. Ach so, selbstverständlich bitte wieder hierhin verlinken/verpingen.
War’s das? Glaub schon.
Viel Spaß!  :-D

 

DRABBLE

drabblemezzo 1 | 365tageasatzaday

DOUBLE-DRABBLE

drabblemezzo 2 | 365tageasatzaday

TRIPLE-DRABBLE

drabblemezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

 

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Etüdensommerpausenintermezzo – danke!

Zwei Wochen, liebe Mitleser/innen und -schreiber/innen, ist eine lange Zeit. Umso schöner, spannender, gehaltvoller, trauriger, lustiger waren die Geschichten, die ihr geschrieben und veröffentlicht habt, um mein Etüdensommerpausenintermezzo damit zu füttern. Herzlichen Dank dafür!

Ich möchte euch Dank sagen, indem ich hier alle, die zum Intermezzo verlinkt/gepingt haben, noch einmal aufführe. 21 Geschichten, ihr seid toll, allesamt! Wenn noch was kommt, werde ich es hier noch anhängen, wenn ich was/wen vergessen habe, sagt bitte Bescheid!

Ich möchte euch aber auch ankündigen, dass es morgen ein zweites Intermezzo geben wird, und es wird GANZ ANDERS als das erste. Also dann, bis morgen, ich freu mich!

 

Hier zum Nachlesen alle Geschichten in der Reihenfolge ihrer Einlieferung:

Das wahre Ausmaß der Klimakatastrophe | Red Skies over Paradise

Eine Schwesterngeschichte | Fädenrisse

Etüdensommerpausenintermezzo | Geschichtszauberei

Etüdensommerpausenintermezzo (1) | Meine literarische Visitenkarte

[ABC.etüden.SOMMEREDITION] Regen im Süden | deifelinchen

Jubiläumsfeuer am Wasserturm | Transworte auf Litera-Tour

Feuerwasser | Transworte auf Litera-Tour

Etüdensommerpausenintermezzo (2) | Meine literarische Visitenkarte

BLOGAKTION: Etüdensommerpausenintermezzo | hatmakerspartyblog

Der Wassermaler, Teil I | Irgendwas ist immer

Nun war alles vorbei. Dank HAARP. Und Trump. … | Red Skies over Paradise

Etüdensommerpausenintermezzo (3) | Meine literarische Visitenkarte

Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo | Irgendwas ist immer

Eine Geschichte per Kommentar von Natalie, unbedingt! lesen!!!

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser | Fädenrisse

Etüdensommerpausenintermezzo: Sommerblues | umgeBUCHt

Neuanfang | Transworte auf Litera-Tour

Der Wassermaler | Etüdensommerpausenintermezzo – Wurst & Zimt

Leere | Transworte auf Litera-Tour

WORTWERT: Etüdensommerpausenintermezzo ~ schreibwochen 31.17 und 32.17 | FiktiveWelten

Sommer-Pause – ein Intermezzo | Red Skies over Paradise

Natalie hat eine Fortsetzung geschrieben, auch diese bitte hier unbedingt lesen!

 

 

intermezzo 3 danke! | 365tageasatzadayvisuals: ludwigzeidler.de, verfremdung von mir

 

 

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Der Wassermaler, Teil II | Etüdensommerpausenintermezzo

Willkommen bei der zweiten Hälfte meines Etüdensommerpausenintermezzos! Es ist die etwas längere Hälfte *hust* – man sollte mir keine Zeit geben, etwas zu überarbeiten, dann findet sich Halbsatz nach Halbsatz ein … Immerhin habe ich nichts mehr wirklich umgeschrieben!  :-)

(Es geht in diesem Intermezzo darum, folgende Wörter in einen Text beliebiger Länge, in dem REGEN irgendwie eine Rolle spielen muss, einzubauen: Badelatschen, Hitzefrei, Höhenfeuer, Liegestuhl, Qualle, Qualm, Schwimmflügel, Sommersprossen, Ventilator, Wassermaler.)

Falls ihr den ersten Teil nicht gelesen habt, solltet/könnt ihr das hier nachholen. So endet der erste Teil:

… Er beschattete mit der Hand die Augen und konzentrierte sich. Da war doch im Tiefen, ein Stück jenseits der Absperrung, eine Badekappe mit einem rosa Schwimmring, oder täuschte er sich? Ihm war gar nicht bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte, als er schon zu der Station der Rettungsschwimmer rannte. Mick und sein Kumpel sahen durch ihre Ferngläser in die Richtung, in die er nach Luft ringend deutete, einer rief „Oh, Scheiße“ und griff nach seinem Funkgerät. Wenige Sekunden später sahen sie einen der Wachgänger ins Wasser rennen und zügig loskraulen.

 

Das Schlimmste war dieses quälende Gefühl des Vorherwissens, was weiter geschehen würde. Die Erinnerung überflutete ihn wieder, er wollte lieber nicht hinsehen, konnte sich aber nicht zurückhalten und wappnete sich irgendwie für das Schlimmste, während er den Weg des Rettungsschwimmers verfolgte. Zu seinem Glück bemerkte er aber noch rechtzeitig, dass an seinem Stand ein Ehepaar darauf wartete, dass er auftauchte, also überließ er das Geschehen halb widerwillig, halb erleichtert dann doch den Profis und ging hin – er konnte es sich nicht leisten, potenzielle Kunden zu ignorieren. Und wirklich, heute war ein guter Tag, sie nahmen zwei Bilder zu einem sehr akzeptablen Preis.
Nachdem sie abgezogen waren und er sich sofort wieder den Hals nach dem Geschehen am Strand verrenkte, sah er lediglich den DLRG-Jüngling mit einem Kind auf dem Arm und dem rosa Schwimmring in der Hand langsam über den Strand wandern und sich seinen Weg zwischen Schirmen und Handtüchern hindurch bahnen. Gott sei Dank. Er atmete tief durch und fühlte sich plötzlich schlapp wie ein angepikter Luftballon und ein bisschen albern. Nichts war passiert, anscheinend, sonst wäre da jetzt die Hölle los.
Alles nur Kino in seinem Kopf.
Schlechtes.
Und ob das Kind die Nicht-Marie war, brauchte ihn jetzt auch nicht mehr zu kümmern. Noch mehr Kids hatten rosa Schwimmringe.
Er beschloss zusammenzupacken und heimzugehen, es sah inzwischen verdammt nach Regen aus, und zwar bald. Genug Aufregung für heute. Schade nur um das Feuerwerk.

 

Sonntag

„Die Rettungsschwimmer haben gesagt, ich solle mich bei dem Wassermaler bedanken, wenn überhaupt, sie hätten nur ihre Pflicht getan und würden nichts dafür annehmen. Das waren doch Sie? Gestern?“
Er sah überrascht von seinem Buch hoch und schob die Lesebrille über den Haarkranz. Kein Wetter zum Malen heute; nach dem Regen, der fast die ganze Nacht über heruntergerauscht war, war es unbeständig und schwül-warm. Aber ihn hielt nichts im Haus, schlechtes Wetter schon mal gar nicht, also hatte er beschlossen, wie jeden Tag zur Seepromenade zu kommen und an der frischen Luft einen Espresso zu trinken. Für alle Fälle lag seine Skizzenkladde neben ihm.

Natürlich erkannte er sie sofort. Die Mutter des Mädchens, das bestimmt nicht Marie hieß. Sie war es also doch gewesen! Heute trug sie einen knallroten Rock und darüber ein schwarzes, ärmelloses Top, das verkündete, sie stünde mit beiden Beinen fest im Glitzer. Na dann.
„War ich“, sagte er, stand auf und streckte ihr die Hand hin, „darf ich mich vorstellen, mein Name ist Max Hansen. Sagen Sie Max.“ Sie ergriff sie.
„Helene Matthies, und sagen Sie bloß nicht Helene, so nennt mich nur meine Oma. Ich bin Lena.“
„Setzen Sie sich, Lena, und trinken Sie einen Kaffee mit mir.“
Ein schneller Blick auf die Uhr.
„Ja, gern.“
„Wie geht es Ihrer Tochter, hat sie den Schreck überstanden? Wie konnte sie überhaupt ins offene Wasser geraten?“
Lena seufzte.
„Lilli behauptet, und ich sage nicht, dass ich ihr das so glaube, dass sie gar nicht bemerkt hätte, dass sie schon jenseits der Absperrung war. Außerdem wären auch noch andere Kinder dabei gewesen, zumindest am Anfang. Und sowieso hätte sie alles voll unter Kontrolle gehabt und sie verstünde gar nicht, warum ich mich jetzt so aufregen würde. Ehrlich gesagt halte ich das mit der Absperrung für einen Fall von ‚Das Gras ist auf der anderen Seite vom Zaun grüner.‘.“
Er lachte los, er konnte sich nicht zurückhalten.
„Sie lachen“, sagte sie und grinste dabei auch ein bisschen schief, „okay, der Rettungsschwimmer, der sie gestern zurückgebracht hat, hat ihr einiges über ‚ablandigen Wind‘, ‚Sog‘, ‚gefährlich‘ und ’sich nicht überschätzen‘ erzählt. Sie findet ihn total toll und will jetzt auch Rettungsschwimmerin werden. Immerhin will sie ihn nicht gleich heiraten. Ich frage mich, was das erst gibt, wenn sie in die Pubertät kommt.“ Sie verdrehte gespielt genervt die Augen.
„Aber Sie hätten das Gezeter gestern Abend hören sollen, weil das Höhenfeuer ausfiel! Wo sie mir schließlich abgetrotzt hatte, dass sie so lange aufbleiben durfte, wegen Ferien und so! Als ob ich gemacht hätte, dass es zur Strafe regnet und das Feuerwerk nicht stattfindet! Und heute Morgen hat sie die ganze Zeit gequengelt, dass ich ihr doch jetzt nicht etwa verbieten würde, zum Schwimmkurs zu gehen, wo sie doch jetzt schon richtig gut wäre. Hatte ich nie vor, muss ich sagen, ich bin ja heilfroh, dass sie so easy schwimmen lernt und Spaß hat. Und überhaupt, meint sie, das gestern sei doch nur ein kleines Missgeschick gewesen. Manchmal frage ich mich, woher sie mit sieben so viele Wörter kennt. Von mir hat sie das nicht.“

„Finde ich gut, dass sie sofort wieder ins Wasser will, das ist wichtig“, sagte er. „Marie, also meine Tochter, war auch so. Nicht aus dem Wasser zu kriegen, nachdem sie erst mal damit vertraut geworden war.“
„War?“, fragte Lena behutsam. Eine Pause entstand, in der er kurz überlegte, ob es fair war, sie mit seinem Kummer zu belasten. Ach, warum nicht.
„Ein Segelunfall“, platzte er heftiger als beabsichtigt damit heraus, „als sie acht Jahre alt war. Der Jüngsten-Segelschein. Auch so ein Kurs, bei dem nie was passiert, wie diese Seepferdchenkurse. Eine plötzliche Windböe, drei Optimistenjollen rasseln zusammen und kentern, ein Kind gerät unglücklich unter Wasser und kann nicht rechtzeitig wiederbelebt werden …
Es ist jetzt gut zehn Jahre her, aber es verfolgt mich manchmal noch immer in den Schlaf. Und Ihre Lilli sieht ihr ähnlich, das muss ich zu meiner Verteidigung sagen.“
„Oh Gott, wie furchtbar!“, stieß sie hervor. „Das muss schrecklich gewesen sein! Entschuldigen Sie bitte, dass ich gefragt habe, ich wollte gewiss keine bösen Erinnerungen aufrühren. Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn Lilli etwas passieren würde. Seit Lillis Vater uns verlassen hat, habe ich nur noch sie.“
Er nickte.
„Ging uns damals auch so. Meine Frau und ich, wir sind beide auf unsere Art damit nicht fertiggeworden. Ich dachte, ich müsste ihr den starken Mann vorspielen und war dabei vielleicht mindestens ebenso bedürftig wie sie, nur halt anders. Habe ihr ständig erzählt, dass sie nach vorn blicken müsste. Und als sie es dann endlich konnte, bin ich eingeknickt und habe sie hängen lassen, weil ich nicht dazu fähig war. Eineinhalb Jahre nach dem Unfall haben wir uns getrennt. Es ging nicht mehr. Ich bin hierher zurückgekommen, weil ich nicht weit weg geboren bin und es dort bei ihr nicht mehr ausgehalten habe.“
Er atmete tief durch und zwang den letzten Schluck kalten Espresso hinunter.
„Hört sich schlimm an, ich weiß, war auch schlimm. Inzwischen geht es mir wieder einigermaßen. Die Zwischenstadien erspare ich Ihnen. Aber so ist dann ganz langsam ein etwas kauziger Wassermaler aus mir geworden.“

Sie schwiegen beide. Er las in ihren Augen, dass er ihr irgendwie leidtat. Na ja, das war normal. War es auch normal, dass er sich irgendwie befreit fühlte, wie von einer Last? Er sprach selten über Marie, und schon gar nicht mit Fremden.
Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl.
„Es ist mir schrecklich peinlich, ausgerechnet jetzt aufbrechen zu müssen“, sagte Lena, „aber in zehn Minuten ist Lillis Seepferdchenkurs aus, und danach bin ich mit ihr bei der Rettungsschwimmer-Station verabredet, weil sie sich bedanken und natürlich schauen will, ob ihr Held von gestern heute auch da ist. Wollen Sie mitkommen? Lilli freut sich. Sie hat gestern nämlich bestimmt dreimal gefragt, ob das auch ganz sicher Sie gewesen wären.“

Früher hätte er abgelehnt, hätte die Situation irgendwie komisch oder doof gefunden und keinem zur Last fallen wollen. Aber auch ein alter Esel konnte lernen.
So nickte und lächelte er und erwiderte schon im Aufstehen: „Wissen Sie was? Die Rettungsschwimmer arbeiten alle ehrenamtlich für ’n Appel und ’n Ei, aber ich kann Ihnen verraten, dass das Café, vor dem wir gerade sitzen, verdammt guten Kuchen hat. Wenn Sie also eine Runde ausgeben wollen, hier böte sich eine gute Gelegenheit. Ich helfe Ihnen gerne tragen.“

ENDE

 

Na, alle noch da? Oder hab ich euch breit gequasselt? Geschieht euch recht!  :-D

 

intermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

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