Überraschung! | Lieblingsetüden

Wer ein bisschen länger bei mir liest, der kennt sie: Die Etüden, wo der*die geneigte Leser*in am Ende merkt, dass er*sie aufs Glatteis geführt wurde. Nicht wie in einem Krimi, wo man über die Auflösung nachdenken muss, nein, ganz direkt.

In der Kategorie habe ich einige Etüden, natürlich und speziell ein paar Kattitüden, wo sich der Protagonist irgendwann als ein gewisser Fellträger (Ähnlichkeiten zu lebenden Tieren nicht komplett ausgeschlossen) entpuppt. Klar. Die liebe ich aus den üblichen Gründen auch sehr.

Woran ich euch aber erinnern bzw. euch neu vorstellen möchte, ist eine Etüde aus dem Jahr 2017, Woche 36. Damals galt noch die 10-Sätze-Regel. Ich wollte gern mal etwas wirklich Kurzes schreiben, habe alles weggelassen, was nicht wirklich unbedingt notwendig war, und bin immer noch ziemlich stolz auf das Ergebnis.

 

„Wie viel?“
Sie sagte es ihm.
Bei manchen war die Frequenz, in der sie zu ihr kamen, ganz schön hoch. Immer am liebsten zu ihr, sie wusste auch warum, schließlich achtete sie pingelig auf Sauberkeit. Egal, sie konnte sie alle nicht ausstehen …
Hier gibts die komplette Etüde.

 

Na? Naaaaaaaa??? Was sagt ihr? 😀

Ja, die Kommentare sind da inzwischen zu (Spamschutz, ich finds so nervig). Aber hier nicht.

Dies ist ein Beitrag für die Lieblingsetüden des diesjährigen Etüdensommerpausenintermezzos.

Off topic: Ich habe versprochen, daran zu erinnern: Die ersten beiden Etüden für den Adventskalender sind schon da!

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

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Etüdensommerpausenintermezzo 2019-II: Herzen

Zur Idee: Ludwig, der Etüdenerfinder, hat die Etüden im Januar 2017 ins Leben gerufen. Seit April 2017 hoste ich sie. Viele von euch schreiben mit, seit mein Blog die Etüden übernommen hat, einige sind aber auch von Anfang an dabei. Das heißt, die Etüden machen dieses Jahr zum dritten Mal Sommerpause. Aller guten Dinge sind drei? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe in den drei Jahren 158 Etüden als abc.etüden gekennzeichnet, ich dachte mir, da wäre ein kleiner Rückblick doch fein, was es denn schon alles gab.

Laufzeit: 21.07.2019 (Sonntag) bis 03.08.2019 (Samstag) – zwei Lieblingsetüden-Wochen

Jede*r hat Lieblingsetüden. Jede*r hat Etüden, an denen sein*ihr Herz hängt. Sei es, dass ihr das Thema besonders mochtet, sei es, dass ihr gewisse Formulierungen (oder den kompletten Text) besonders gut gelungen/kühn/zum Dahinschmelzen fandet, sei es, dass euch das Feedback aus den Latschen gehauen hat: eure Sache.

Jede*r hat Lieblingsetüden. Verratet der Etüdenwelt, welche das sind! Rebloggt sie bei euch, schreibt einen Beitrag und verlinkt sie bzw. veröffentlicht sie neu! Euch ist völlig freigestellt, wie viele das sind. Wenn ihr mögt, erzählt die Geschichte dazu, wenn es eine gibt, und verlinkt euren Beitrag unbedingt hierher, ich mache zum Ende wieder mal eine Liste!
Meine Bedingung dabei ist nur, dass es die regulären Etüden sind (inklusive Extraetüden, die hatte ich vergessen, danke, dergl), also NICHT die von irgendeinem vergangenen Etüdensommerpausenintermezzo (und erst recht nicht die vom aktuellen), sonst, das schwöre ich euch, dürft ihr meinen „Wassermaler“ (den ich liebe) noch mal in voller Länge lesen, und das wollt ihr doch alle unbedingt, oder? 😉

Abgrenzung: Das müssen nicht unbedingt die Etüden mit den meisten Kommentaren, mit den meisten Likes oder mit den meisten Aufrufen sein. Eure Lieblingsetüde kann auch gerade mal fünf Likes und zwei Kommentare haben – ihr entscheidet. Schietegol, wie sie hier oben sagen. Es geht wirklich und ausschließlich um eure Lieblingsetüden, um die, die euch ans Herz gewachsen sind.

Die Illustration kann wie immer eingebunden werden, muss aber nicht.

Nur für alle Fälle: Den Aufruf für das mit dem Adventskalender habt ihr alle gelesen, ja?

 

Lieblingsetüde | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I: Die Sache mit dem Adventskalender

Ich hoffe, ihr habt Kaffee und Kuchen parat, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, dies hier wird etwas länger. Denn es gilt nicht nur, die letzte Etüdenrunde zu beleuchten, es gilt auch, zwei Teile des Etüdensommerpausenintermezzos einzuläuten. Dies ist der erste Teil, warum es geteilt ist, dazu später mehr.

Statistik first: Nachdem Gerhard uns zum ersten Mal seine Wörter zum Spielen überließ, hatte ich zwar gehofft, dass diese mehr Mitschreiber auf den Plan rufen würden, der Plan ging aber leider nicht auf. Die Statistik belegt, dass in den letzten beiden Wochen 31 Etüden von 20 teilnehmenden Blogs (Stand ohne Nachzügler) gemeldet wurden. An den Wörtern lag es sicher nicht, da bin ich sicher, wenn ich mir meine eigene Müdigkeit anschaue, dann hat es mich die beiden letzten Wochen überallhin gezogen, nur nicht zum Schreiben an den Rechner. Aber wir haben seit längerer Zeit mal wieder eine Neue: Begrüßt die Hoffende von ihrem Blog „ICH & MEHR“ in unserer Runde!
Die Spitzenplätze der Liste belegen die üblichen Verdächtigen: Werner Kastens mit fünf sowie dergl und Anna-Lena mit jeweils drei Etüden.

dergl von Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel: hier, hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
LadyAngeli auf Mein Leben ist bunt: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier
Werner Kastens auf Mit Worten Gedanken horten: hier, hier, hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier
Viola auf viola-et-cetera: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Veronika auf vro jongliert: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Jacqueline auf Jacquelines Lebenstagebuch: hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Checkt wie immer bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – wie immer, ihr kennt das Prozedere ja inzwischen zu Genüge. Ebenfalls wie immer vielen Dank an alle, die geschrieben, gelesen, gelikt und kommentiert haben – und an Gerhard fürs Vorbeischauen.

Die regulären Etüden starten wieder am 1. September, der passenderweise ein Sonntag ist.

 

Und nun zum *lufthol* Etüdensommerpausenintermezzo (wie ich dieses Wort liebe)!

In 157 Tagen ist Weihnachten, ohne jetzt irgendwen erschrecken zu wollen, und wenn die Etüden wieder losgehen, liegen auch schon wieder Lebkuchen in den Läden … In der Vorweihnachtszeit haben die meisten den Kopf voll mit allem Möglichen, und häufig hat das nicht sehr viel mit Schreiben zu tun. Wenn doch, denke ich nur an die ganzen Jahresrückblicke und diverse Mengen an Grußkarten mit allerherzlichsten Weihnachts- und Neujahrswünschen, die neben dem ganzen familiären Kram, der auch noch koordiniert werden will, zu erstellen sind.

Außerdem wollte ich schon immer mal einen Adventskalender auf meinem Blog … 🙂

Die Idee (hier noch mal die ursprüngliche Idee von dergl nachlesen) ist also, dass ihr jetzt während der Etüdensommerpause eine Etüde schreibt und (NICHT öffentlich!!!) an mich schickt (für die, die meine Mailadresse nicht haben: Ich habe ganz neu ein Kontaktformular), die ich im Dezember im Advent dann veröffentliche. Jeden Tag eine, irgendwann früh am Morgen auf meinem Blog, selbstverständlich mit der genauen Angabe, von wem/welchem Blog sie ist. Ihr kennt das. Und selbstverständlich dürft und sollt ihr rebloggen, ich habe dann die Reblogs auf (danke, Sabine!).
Online stellen möchte ich eure Etüden vom 01.12. bis zum 24.12. bzw., wenn genug Leute mitgemacht haben, bis Silvester. Das kommt dieses Jahr optimal hin, da der 1. Dezember gleichzeitig auch der erste Sonntag des Monats ist. (Das heißt auch, dass es im Dezember keine Extraetüden geben wird.)

Auch wenn in der letzten Zeit eher weniger Leute als zwanzig mitgeschrieben haben, sind wir trotzdem doch viel, viel mehr, und alle, die schon mal eine Etüde veröffentlicht haben, sind teilnahmeberechtigt. Daher geht ein Aufruf auch an die, die nicht regelmäßig dabei sind/sein können: JA, DU AUCH! GERN! (Und sollte irgendwer von euch bei „Etüden-Abtrünnigen“ lesen oder kommentieren: Erinnert sie! 🙂)

Sucht euch von den unten stehenden Wörtern drei aus und schreibt damit in bewährter Manier eine Etüde, soll heißen, mit nicht mehr als 300 Wörtern. Sie soll im Herbst/Winter spielen, und mir ist völlig egal, wo (und wann) der stattfindet, auf Alpha Centauri, in der Südsee, in Hamburg-Altona, in Hintertupfingen oder … Weihnachten kann drin vorkommen, muss aber nicht, es darf geliebt, gehasst und gelebt werden wie immer … eine normale Etüde eben.

Zeitrahmen: Ihr habt dafür Zeit vom (So) 21.07. bis (Sa) 31.08.2019, denn am 01.09. starten die regulären Etüden wieder. Sollten mich bis dahin nicht genügend Etüden erreicht haben, denke ich mir noch was aus bzw. komme zum Jammern rum. Sollten mich mehr Etüden erreichen, als der Dezember Tage hat, kann ich entweder a) losen oder b) frei nach Schnauze aussuchen. Sagt mir unbedingt, was euch lieber wäre. (Update: Nein, vergesst das, war hirnrissig. Keine Einsendung wird irgendwie unter den Tisch fallen. Wenn ich weiß, wie viele ich bekommen habe (also nach dem 1. September), dann sehen wir weiter.)

Ich bin ziemlich happy mit dem Ergebnis der Ziehung, weil es sowohl die „Nussallergie“ als auch die „Jungratte“ geschafft haben 🙂. Eigentlich wollte ich uns nur 15 Begriffe anbieten, uns hier ist aber beim Ziehen entgangen, dass sich zwei Zettel ineinander verhakt hatten. Daraufhin habe ich das als ein Zeichen genommen; sie sind jetzt beide drin. Ich glaube, es waren die beiden Herbst-Begriffe.

Für die, die Grafiken nicht aktiviert haben, dies sind die Wörter:

Armut, Bärenfell, Glatteis, Herbstdepression, Herbststurm, Hundegebell, Hunger, Jungratte, Kuscheltier, Nussallergie, Pudelmütze, Schneeflocken, Steinwüste, Teekanne, Weihnachtszauber, Wintersonnenwende

Hab ich noch was vergessen? Gibt es Kritik, gibt es Anmerkungen? „Mag ich / mag ich gar nicht, weil …“? Her damit! Ansonsten, wie immer: Viel Spaß und gute Ideen! Ich freue mich auf eure Geschichten.

So viel zum ersten Teil des Etüdensommerpausenintermezzos, der „Langläufer“. Ich habe euch ja mehrere Teile versprochen. Hier ist der nächste, der erste „Kurzläufer“! Etüdensommerpausenintermezzo 2019-II: Herzen.

 

Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Etüdensommerpausenintermezzo 2019 – Hinter den Kulissen

Unser Etüdensommerpausenintermezzo besteht auch dieses Jahr wieder aus mehreren Teilen, so viel sei jetzt schon mal verraten. Dies ist das Vorgeplänkel zu dem Teil hinter den Kulissen.

Wer hier länger liest und schreibt, erinnert sich vielleicht an die Adventskalender-Aktion, die dergl vorschlug (hier nachlesen). Ich würde die gern aufgreifen, aber ein wenig abwandeln, Details erfahrt ihr nächsten Sonntag.

In guter Etüdensommerpausentradition brauche ich dazu jetzt erst mal Wörter von euch, aber Achtung, es geht um eine Etüde für einen Adventskalender! Ich möchte die Begriffe nicht unbedingt an die Vorweihnachtszeit geknüpft wissen, ich würde aber schon vorschlagen, dass eure Etüde im kühleren Halbjahr angesiedelt ist (ja, damit ist Oktober bis März gemeint). Und es müssen auch nicht zwangsläufig Naturbeschreibungen sein, ich nehme auch so was wie „Schokoladennikolaus“, „Nässe“ oder „Streusalz“.
Ach ja, ich hätte bitte gern nur Hauptwörter/Substantive: Jede*r darf drei, ich lasse später auslosen. Jede*r, der*die bei den abc.etüden schon mal mitgeschrieben hat, ist spendenberechtigt. (Bitte keine Wörter, die wir schon hatten, die Liste ist hier.) Schreibt eure Spende offen in die Kommentare, ich picke sie mir dann raus.

Die Wörterannahme schließt am Freitag, den 19.07., um 20:00 Uhr CEST.
Das Ergebnis lest ihr nächsten Sonntag, dann gibt es noch mehr Erklärungen und den offiziellen Startschuss.

Ich bin wie immer sooooooooo gespannt!

Oh, noch eine Off-topic-Frage: Weiß jemand, ob es eine Möglichkeit gibt, über die Statistik die Einträge mit den meisten Likes herauszufinden? Wie man an die mit den meisten Aufrufen kommt, weiß ich, aber das ist ja nicht deckungsgleich.

 

Etüdensommerpausenintermezzo goes Adventskalender | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

 

Die aktuelle Liste, wird laufend ergänzt:

 

Abdeckplane

Apfelsine

Alpenglühen

Bärenfell

Eisbaden

Eisblume

Eisnebel

Engelshaar

Erkältungsbad

Flockengestöber

Gänsehaut

Geschenkpapier

Glatteis

Graupelschauer

Hagebutte

Herbstdepression

Herbststurm

Holzstapel

Honigeisaufguss

Hundegebell

Hunger

Jungratte

Kälte

Kamin

Kristall

Kuscheltier

Lawine

Nebelschwaden

Nussallergie

Pudelmütze

Rentier

Ruhe

Rumtopf

Schafwolle

Schneebesen

Schneeflocken

Schneekugel

Schneerose

Schwärze

Schweissperlen

See

Steinwüste

Sturmtief

Teekanne

Topfpalme

Torffeuer

Treibjagd

Wachskerze

Wanne

Weihnachtszauber

Windvogel

Winterschlaf

Wintersonnenwende

Wolkenbruch

Zauberelfe

Zimt

 

Kloß im Herz | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Sie stand hinter dem Fenster und blickte nach draußen. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie die Decke mit der kleinen bepelzten Kugel sehen, die im Tiefschlaf pustete. Die Bank, auf der die Kugel lag, war eines der Dinge, die noch von zu Hause stammten, solides Holz, Fichte, glaubte sie, und erinnerte sich daran, dass sie ihrem Vater als Kind geholfen hatte, es abzuschleifen, bevor unter seinen Händen die Bank entstanden war, die später meist ihren Dienst in der kühlen, immer leicht feucht riechenden Waschküche verrichtete, durch deren winzige Fenster auch eine ebensolche Kugel aus und ein gegangen war.
Was nahm man mit, wenn man eine Wohnung, ein Haus, ein Leben auflöste? Wenn aus einer Gegenwart Erinnerungen wurden, unwiederbringlich, deren Gewicht für lange Zeit das Herz abschnürte?

Wir haben doch alles.

Sie hatte sich schweren Herzens nur für Dinge entschieden, die sie nicht so schnell loslassen konnte oder wollte, die halfen, die klaffende Wunde zu verpflastern. Wertgegenstände halt, auch wenn der Wert eher ideell als materiell war. Das geliebte Schränkchen. Bücher. Die Trauringe ihrer Eltern, die scheußliche goldene Kette, die die Mutter „für gut“ getragen und sehr in Ehren gehalten hatte. Küchenkram, na klar. Praktische Kleinigkeiten, die ihr später irgendwann ein Lächeln abringen würden, weil sie so sehr den Geist ihrer Mutter atmeten. Und vieles, was sie mit ihrer eigenen Kindheit verband.
Ach, dachte sie, mit der Zeit ist es wie mit einer Wanderbaustelle, irgendwann ist es vorbei. Und was wird dann von mir bleiben außer einem Namen auf dem Friedhof? Und ist es nicht gut so, wie es ist? Wer bin ich denn schon? „Mein Teil, es soll verloren gehen“, eine Zeile aus einem Bachmann-Gedicht, gelesen, zugestimmt, erschrocken ob der Endgültigkeit und nie vergessen.

Ihre Gedanken verweilten bei ihrer Mutter, die abends mit langsamen Schritten das Haus umrundet hatte, im Garten kontrollierte, ob etwa Erdbeeren oder Johannisbeeren so reif waren, dass sie gepflückt werden mussten, oder wie es um die Äpfel stand. Im Sommer kam es der Tochter manchmal so vor, als ob die Mutter bei den abendlichen Telefonaten nur von den Falläpfeln sprach: Apfelmus, Apfelpfannkuchen, Blechkuchen mit Äpfeln und Rosinen und Zimt zu allen Gelegenheiten, die sich nur ergeben konnten. Und Zwetschgen. Später im Jahr dann die Zeit, wo sie am Gartentor stand und das fliegende V hoch über ihr flüchtige Anzeichen von Heimweh auslöste: Graugans nach Graugans, nach Nordosten oder von dort zurück, Ostpreußen. Ferne, schöne Heimat, für immer überschattet von Krieg und Vertreibung.
Sie hatte über fast alles Schlimme geschwiegen, hatte ihre Lebensgeschichten ihrer Tochter nicht zumuten wollen, auch wenn die sich an Geschichten über Muckefuck und Ernteeinsätze und Badeausflüge zur Ostsee erinnerte, und dass sich die Mutter entgegen aller Flüsterpropaganda, was mit ihnen unter den Russen geschehen würde, geweigert hatte, ein Schiff zu besteigen, als alles verloren war: Wasser hat keine Balken! Wie war es wirklich, hatte sie gefragt. Furchtbar, hatte die Mutter gesagt und abwehrend den Kopf geschüttelt, aber es gibt gute und schlechte Menschen überall, ich glaube nicht, dass die deutschen Soldaten immer besser waren. Es gab so viel, was wir damals nicht wussten.
Dass ihr Volk, das der Dichter und Denker und der Waldeinsamkeit, dazu fähig war, Vernichtungslager zu bauen und zu betreiben, hatte ihren Glauben an die Welt nachhaltig erschüttert. Sie hatte als Jugendliche die dahinterstehenden Ideen unkritisch mitgetragen, ihre Tochter hatte sich manchmal gefragt, ob sie ihr Schicksal als eine Art Buße dafür angesehen hatte, so gutgläubig gewesen zu sein. Heute ist es leichter, sich zu informieren, dachte sie nun, aber die Schlüsse daraus sind genauso schwierig und oft nicht weniger falsch.

Draußen auf der Terrasse schwangen die solarbetriebenen Lampions im abendlichen Windhauch. Die Pelzkugel stand auf, machte einen Buckel, warf ihr einen langen Blick zu und ging gemessen ihrer Wege.

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem zweiten Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge einzubauen:
Flüsterpropaganda, Graugans, Holz, Johannisbeeren, Lampion, Muckefuck, Schritte, Waldeinsamkeit, Wanderbaustelle, Windhauch.

Gestern Abend habe ich mich mit Myriade darüber unterhalten, wie wir schreiben, da wir beide uns oft aus den Etüden einen Ausgangsbegriff herauspicken (ich oft unbewusst, wie mir aufgefallen ist), um den herum sich die Geschichte dann entwickelt. Dazu merkte sie dann an: „Na ja, ich denke es gibt verschiedene Herangehensweisen. Man kann die Geschichte um ein Wort bauen und die anderen hereinziehen oder zuerst eine Geschichte haben und die Wörter dann einbauen oder nur die Wörter irgendwie aneinanderreihen. Sehr spannend finde ich irgendetwas Persönliches zu schreiben und dann zu sehen, ob die Wörter irgendwelche zusätzliche Gedanken oder Themen eröffnen. Das ist dann so ähnlich wie ein Rohrschach-Test nur mit Wörtern. Das ist für mich ein Gewinn, ansonsten könnte ich ja genauso gut einfach irgendeine Geschichte erfinden oder Betrachtungen über irgendwas schreiben. Aber es würde mich sehr interessieren, wie andere an die Sache herangehen.“ (Originalkommentar hier.) Und ich dachte, oh, das probiere ich mal aus, mich anders zu nähern, denn mir war fast gleichzeitig der Eintrag von Petra Schuseil im Totenhemd-Blog ins Auge gesprungen, wo sie fragt, ob man schon mal eine Wohnung aufgelöst habe. Ja, musste ich, und es ist auch nicht mehr ganz frisch, also war es relativ leicht, daraus eine Geschichte zu spinnen …

 

10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo II-18

Eine Pause ist eine Pause ist eine Pause. Mir jedenfalls tut sie gut, immer noch, führt sie doch dazu, dass sich bereits ZWEI Ideenpakete bei mir eingestellt haben, von denen ich das Gefühl habe, dass sie mein Leben verändern könnten – und die nichts mit den Blogs zu tun haben, okay, eine könnte sich vielleicht in die Richtung ausdehnen. Alles zu seiner Zeit. Habe ich also Lust, meine Sommerfrische zu beenden? Mitnichten! Ich harre der Dinge, die da kommen, und lebe. (Und arbeite.) Offline. Weitgehend.

Da trifft es sich gut, dass ich (aus anderen Gründen, manche werden sie kennen) dergl (deren momentane Abstinenz ich bedaure, aber verstehe und hoffe, dass sie bald beendet ist und sie wieder mitschreibt) gebeten hatte, dass sie aus der Liste der von euch gespendeten Wörter 15 neue aussucht, auf dass wir mit ihnen spielen/schreiben können. Und wem meine Wörter ein bisschen zu sehr dem bunten Bällebad entsprungen waren, der wird sich sicherlich jetzt über mehr Tiefe freuen, der Tenor ist ganz anders.

Sucht euch aus der Liste (mindestens) 10 Wörter aus und verarbeitet sie in einem Text. LÄNGE: egal. TEXTART: egal. Zusätzliche Gedicht- oder Liedzeile: gestrichen.

 

Hier sind sie (in alphabetischer Reihenfolge):

Flüsterpropaganda
Graugans
Holz
Johannisbeeren
Kaninchenstallscharnier
Knäckebrot
Lampion
Langsamkeitswahn
Muckefuck
Sarkasmus
Schaukelbär
Schritte
Waldeinsamkeit
Wanderbaustelle
Windhauch

 

Anders als ursprünglich geplant, geht es mit den Etüden nicht am ersten Septemberwochenende weiter, sondern erst am zweiten, wir sprechen also über Sonntag, den 9. September. Vorher melde ich mich bei euch, WIE es denn nun weitergeht. Die Abstimmung zeigt bisher jedenfalls, dass ihr mit großer Mehrheit eine maximale Wörteranzahl statt 10 Sätzen befürwortet bzw. zumindest tolerieren würdet. Wir können es ja mal probieren. Wie gesagt, Näheres dazu kommt.

Last but not least sind des Herrn lz. wunderhübsche Illustrationen (danke, Ludwig) dazu gedacht, als Bilder von euch bei euren Beiträgen eingebunden zu werden (die Frage tauchte neulich auf). Kein Muss, aber ein Angebot.

Und bitte hierhin verlinken/kommentieren … ich freue mich und bin wie immer sehr gespannt, was euch so einfällt! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!

 

Sommeretüdenintermezzo II-1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo II-2 | 365tageasatzaday

 

Undercover | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

Tanztee, ha! Die bessere Gesellschaft! Die Versammlung der Eitelkeiten in Abendgarderobe nervte Ronja. Dass sie miterlebte, mit welcher Nichtachtung man ihrer Freundin Elise begegnete, die an jenem Abend an der Garderobe Dienst schob, machte es nicht besser. Bleib professionell, beschwor sie sich, halt die Ohren offen, du bist schließlich nicht zum Spaß hier.

Schön, es war nicht das Klügste gewesen, dass sie es sich gegönnt hatte, hinter dem Rücken der fetten Dame im Federkleid ein trotziges „Federn stehen Vögeln am besten“ zu raunen, woraufhin die so schnell herumgefahren war, dass die langen Ohrringe klimperten und ihr fast die Gabel vom Teller mit der Sachertorte gerutscht war. „Haben Sie was gesagt?“, hatte sie Ronja angefahren, und Ronja hatte ihr das Tablett mit den Getränken entgegengereckt und stockend „Wünschen Sie …?“ geantwortet, als ob sie der Sprache nicht so ganz mächtig wäre. Das klappte immer.

Die Dame konzentrierte sich lieber wieder auf den Sermon der Fabrikantengattin. „‚Schau mal her, Walter‘, habe ich zu ihm bei der Besichtigung gesagt, ‚das ist das Biedermeierschränkchen deiner seligen Ururgroßmutter Hedwig, ich bin ganz sicher!‘ Und wissen Sie, wie schade, dass die Polizei dieses Lager erst jetzt gefunden hat, wo wir die Sache mit der Versicherung schon abgewickelt haben! Jetzt bekommen wir zwar die Möbel zurück, zusammen mit dem ganzen anderen Firlefanz, Sie wissen ja, Schmuck, Bilder, Teppiche und so, aber wir haben uns ja längst neu eingerichtet, der furchtbare Einbruch ist doch über sechs Monate her.“ Sie wedelte mit der Hand und lächelte fahrig.

Tja, dachte Ronja, Besitz ist ohne Frage eine mächtige Fußfessel, die Gier nach Geld eine nicht zu unterschätzende Motivation. Oder war es vielleicht etwas ganz anderes? Sie zweifelte nicht daran, dass es in der Fischkonservenfabrik viele stille Eckchen für überflüssige Möbel gab. Platz genug war ja, die Geschäfte liefen dem Vernehmen nach nicht so rosig. Als die Fischkonservenfabrikantengattin jedoch einige Zeit später Stein und Bein schwor, dass das Möbelstück alt und wertvoll sei, sie habe schließlich Ahnung davon, hörte sie dann wieder genauer hin. Die fette Dame bekundete Interesse, Freundschaftspreis vorausgesetzt, falls sie sich von dem Schränkchen trennen wollen würde.
Das war jetzt schon die fünfte an diesem Abend. Ronjas unauffälliges Herumlungern mit dem Tablett würde sich vielleicht doch auszahlen.

Tat sie es wohl aus Liebe oder eher aus schnödem Eigennutz, die Gattin? Wusste sie, dass sie und Ronja ein Geheimnis teilten, dass es nämlich diese Besichtigung des konfiszierten Diebesguts so nie gegeben hatte und die ach so alten Möbel sogar durch ein Bad im Baggersee nicht wesentlich an Wert verloren hätten? Sie waren so neu, dass man eigentlich die Farbe noch hätte riechen müssen.

Irgendwann war auch dieser Abend vorbei und Ronja, der scheinbar dienstbare Geist, auf dem Heimweg. Sie begann, leise zu pfeifen. „Dieser Fall ist klar, lieber Herr Kommissar, auch wenn Sie and’rer Meinung sind: Den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahr’n, kennt heute jedes Kind.“

Kriminalhauptkommissarin Ronja Kaiser witterte Betrug.

 

Sommeretüdenintermezzo 2 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Baggersee, Biedermeierschränkchen, Federkleid, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel,  Liebe, Ohrring, Sachertorte, Tanztee.

Ach, hier kommt das Zitat her, wer es nicht erkannt hat:
Falco – Der Kommissar (Link zu YouTube)

Kein direkter Song zum Text, aber aus Gründen:
Faun – Federkleid (Link zu YouTube)

 

Dylan und Lilo. (Fast) Ein Wassermärchen. | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

 

Sie sagen, unsereins hätte keine Seele, aber ach, was wissen sie schon von der Liebe …

Lilo. Ich kenne sie, seit sie ein Kind war und mit ihren Freundinnen zum Schwimmen an den See kam. Sie durften so weit von zu Hause weg, wie sie die Kirchturmspitze noch sehen konnten, und wenn es abends läutete, mussten sie heim zum Abendessen. Damals war sie ein unbeschwertes Mädchen, das sich gern vor Lachen ausschüttete und dabei ihre weißblonden Haare fliegen ließ. Eine Haarfarbe, die unserer so sehr gleicht, wenn wir an Land gehen, dass ich schon zu jener Zeit dachte, dass sie eine von uns sein müsse. Oder ihre Eltern. Oder einer ihrer Vorfahren. Ein Zeichen. Aber bei uns war sie unbekannt, und wir haben ein gutes Gedächtnis, was die Unseren betrifft.

Sie wuchs heran. Und fast immer, wenn sie allein an den See kam, tauchte ich dort ebenfalls auf: Ein gut aussehender Kerl mit blonden Locken und einer roten Mütze, der im und auf dem Wasser zu Hause zu sein schien oder auf den See hinausstarrte, scheinbar nur wenige Jahre älter als sie. Natürlich sprachen wir bald miteinander, gingen schwimmen, tauchen, bootfahren. Oft sogar. Lilos Vater gehört die Fischkonservenfabrik am Rande der Kleinstadt, sie wuchs mit dem ganzen Firlefanz auf, den reiche Mädchen heutzutage haben, ausgedehnte Urlaube an exotischen Orten, neueste Technik, exklusive Klamotten – all das. Goldener Käfig. Viel Materie, wenig Gefühl. Sie lege keinen Wert darauf, sagte sie, und dass sie ein derartiges Leben überhaupt nicht authentisch fände. Sie liebte die Stille des Sees. Manchmal schwiegen wir den ganzen Abend.
Mir kam das zugute, ich gab das Kontrastprogramm, was sonst hätte ich tun können? Ich machte auf geheimnisvoll und am Geld uninteressiert. Zumindest Letzteres traf zu, ich habe genug. Wirklich. Frauen mögen das Gefühl, dass sie auserwählt sind, und ja, das war sie, jedenfalls, was mich anging. Klar flirtete ich mit ihr, heftig sogar, aber wir küssten uns nicht mal richtig, wir brauchten das nicht. Unser Platz wurde das See-Restaurant. Und solange wir in der Nähe des Wassers blieben, fiel ihr auch nicht auf, dass meine Hose immer ein wenig tropft.

***

Eines Abends setzt sie sich auf der Terrasse zu mir, als die Schlagerkapelle sich durch einen Oldie kämpft: „Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne.“ Ich erschrecke, denn sie ist völlig aufgelöst.

„Ich muss dir was erzählen.“
„Was ist passiert?“
„Mein Vater will mich verheiraten. Ernsthaft.“

Wie bitte? In welchem Jahrhundert leben wir? Es ist mehr als eine fixe Idee ihres alten Herrn, wie ich dann erfahre. Er hatte sie vor einigen Jahren bei einem Deal mit einem Geschäftspartner eingesetzt: Gibst du mir finanzielle Sicherheit, bekommt dein Sohn meine Tochter zur Frau. Was für ein zukunftsweisender Plan, später legt die zweite Generation das Erbe der Väter zusammen und so weiter … genau, diese Nummer. Kein Gedanke daran, dass Lilo studieren wollen und eigene Vorstellungen für die Zukunft entwickeln könnte. Sie hatte doch alles, das würde sich nicht ändern, und wenn sie erst verheiratet war und Kinder da waren, dann wäre Zeit, weiterzusehen. Eigenes Leben, eigene Entscheidung? Fehlanzeige.

Jetzt fordert der besagte Sohn die versprochene Frau, die das heiratsfähige Alter erreicht und ihr Abi in der Tasche hat. Reif für den nächsten Schritt. Oh, man kennt sich, wie Lilo berichtet, er sei nun auch kein Ekel oder so, aber der Funken, der Funken der Leidenschaft, der sei bei ihnen echt nicht in Sicht. Und überhaupt. Sie ist empört.

„Mein eigener Vater VERKAUFT mich!“

Früher war es Sitte, zu anderen Zeiten hätte es ihr zur Ehre gereicht. Es zählte nur, dass man einen Mann bekam, der fähig war, einen zu ernähren. Und die Kinder. Gefühle wurden da nicht so hoch gehängt. Aber das sage ich ihr nicht.
Stattdessen werfe ich Herz in die Waagschale und wage den Schritt, dessen Folgen mein Leben bis heute erschüttern. Ich schlage ihr die einzig vorstellbare Alternative vor. Mich.

„Dann komm mit mir. Heirate mich. Lass alles hinter dir und hau mit mir ab. Die finden uns nie.“
„Ja, aber, Dylan …“

Dylan bin übrigens ich. Jeder Name, der etwas wie „Sohn des Meeres“ bedeutet, ist meiner, da bin ich großzügig.

Lilo ist achtzehn, romantisch, idealistisch und blauäugig. Ich weniger. Wenn der Heiratsdeal platzt, weil sie mit mir geht, was geschieht dann mit der Fabrik, wenn der Geschäftspartner ihres Vaters sein Geld zurückfordert? Wird Lilo mit der Schuld leben können, ihre Eltern in den Ruin gestürzt zu haben, wenn es hart auf hart kommt? Würde ich imstande sein, sie freizukaufen – oder es wollen? Das sind Fragen, die die Luxusprobleme, die sie bisher hatte, weit übersteigen. Ich weiß, dass sie kommen werden, und nicht nur die, aber ich behalte sie für mich. Nicht fair? Nicht fair. Ich lebe schon ein paar Jahrzehnte länger und bin nach ihren Maßstäben vermutlich gerade dabei, ihr Leben zu ruinieren.

„Wo lebst du, Dylan? Und wovon?“

Ich wedele mit der Hand durch die Luft, eine Geste, die den See, der groß ist und durchaus kein popeliger Baggersee, und seine gesamten Zu- und Abflüsse einschließt. Bis zum Meer, das nicht weit weg ist.

„In einem Schloss unter dem Meer.“

Es stimmt. Ich war nie ehrlicher. Sie starrt mich an, als ob sie mich zum ersten Mal sehen würde.

„Aber dann ertrinke ich!“
„Nein. Du atmest normal weiter. Du brauchst nicht mal deine Gestalt zu ändern, wenn du das nicht willst. Dafür sorge ich. Du bist nicht die Erste, die vom Land zu uns kommt, weißt du?“

Sie denkt nach. Schluckt. Hat offensichtlich nicht kapiert, dass die Erscheinungsform, die sie von mir kennt, demnach nicht meine tatsächliche ist. Wahrscheinlich käme sie eh nur auf Fischschwanz. Arielle (der Meerjungfrau) sei Dank, sie haut nicht sofort ab, sondern riskiert eine weitere Frage.

„Wer bist du?“
„Liebste“, sage ich, „ich bin der verdammte Unterwasserkönig. Und du, Lilofee, bist meine Braut – wenn du willst. Entschuldige, dass ich nicht vor dir auf die Knie falle, es kommt auch für mich ein bisschen überraschend.“

Okay, okay. Ich bin EIN Unterwasserkönig. Kein ganz kleiner. Aber das würde jetzt zu weit führen.
Lilo schweigt. Den Schock muss sie erst mal verdauen. Als Ablenkungsmanöver mache ich verstohlen zwei, drei unauffällige Handbewegungen und puste mit gespitzten Lippen. Zum Glück weht bereits eine kleine Brise. So erscheint es fast natürlich, dass plötzlich eine von vier Pferden gezogene Kutsche, geformt aus grünblauem Wasser, Wind und weißem Schaum, quer über den See ihre Bahn zieht und genauso abrupt wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

„Schau, für dich!“, zeige ich auf das Spektakel. Von den Nebentischen hören wir erstaunte Ausrufe. Sie lacht auf und freut sich, aus ihrer Grübelei herausgerissen zu werden.
„Lass mich darüber nachdenken.“

Ich nicke. So einige Gebote bin ich bereit zu verletzen, aber nicht das der Freiwilligkeit. Sie muss unsere Verbindung wollen, sie gibt ja ihr ganzes Leben auf. Sonst bin ich nicht besser als ihr Vater, nur der Käfig ist faszinierender. Und ja, ich liebe sie schon viele Jahre; sie wird mich vielleicht lieben lernen, ich gebe mich da keinen Illusionen hin. Liebe ist die stärkste Fußfessel in dem Spiel. Liebe – und die Kinder, auf die ich setze. Denn Lilo kann als Menschgeborene jederzeit das Wasser verlassen, ich werde sie nicht hindern. Unsere Kinder jedoch nicht, nicht so einfach, die würden sterben. Wie ich, wenn unsereins zu lange vom Wasser getrennt ist. So läuft es nun mal.

Also warte ich. Warte und hoffe, dass sie am nächsten Abend wiederkommt. Oder am übernächsten. Oder nächste Woche. Dass sie zustimmt, dass ich ihr den Perlenring anstecke und die Ohrringe und die Kette aus schimmerndem Perlmutt anlege, mit denen sie unter Wasser atmen kann. Dass ich sie küsse und wir Hand in Hand hinabsteigen in mein Reich, um glücklich zu sein. Lilo. Ich werde hier sein.

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: Ludwig Zeidler

 

Ich habe mich entschieden, bei diesem Etüdensommerpausenintermezzo folgende 10 Wörter in einem Text beliebiger Länge, in dem zusätzlich eine Gedicht- oder Liedzeile vorkommen muss, einzubauen: Ablenkungsmanöver, Baggersee, Firlefanz, Fischkonservenfabrik, Fußfessel, Kirchturmspitze, Liebe, Luxusproblem, Ohrring, Unterwasserkönig.

 

Erklärungen:
Hier ist der Wikipedia-Artikel zum Thema Wassermann/Nöck, aus dem ich Motive verwendet habe.

Dylan als Name: Wikipedia (dt.), Wikipedia (engl.)

Lilofee: Die Ballade von der schönen Lilofee kenne ich als Gedicht bzw. Volkslied (Projekt Gutenberg) in verschiedenen Variationen, vertont heißt sie oft „Der wilde Wassermann“, hier empfehle ich die Versionen von Faun (YouTube) und Achim Reichel (YouTube).

 

Ja, ist ein bisschen länger … Aber nicht so lang wie letztes Jahr, und hey, es sind NICHT die Etüden, es ist das Etüdensommerpausenintermezzo. Ihr wollt auch? Dann nichts wie ran, noch ist Zeit. Hier ist der Startschuss.

 

10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo I-18

Ja ja ja ja ja ja ja, es ist so weit! Vielen Dank für eure Wortspenden! Die Etüden gehen in die wohlverdiente Sommerfrische (ist es eigentlich bei wem von euch NICHT heiß?) und wir widmen uns den Etüdensommerpausenintermezzoaufgaben. Plural? Ja, Plural, in zwei Wochen gibt es noch mehr.
Heute aber dreht es sich wie im letzten Sommer darum, dass ihr aufgerufen seid, eine Geschichte bzw. einen Text zu schreiben. LÄNGE: egal. ORT UND ZEIT: egal. ABER: Es gibt zwei Bedingungen.

1. Ihr sucht euch aus der folgenden Liste (mindestens) 10 Wörter aus (mehr geht immer), und baut die ein.
2. Ihr integriert eine Gedichtzeile (und/)oder eine Textzeile aus einem Lied in euren Text. Bitte bedenkt, dass das Urheberrecht verbietet, aktuelle Texte/Gedichte in voller Länge zu zitieren, daher beschränke ich den Aufruf auf maximal eine Zeile. Zum Beispiel könnten eure Protagonisten, während sie ins Wasser rennen, „We all live in the Yellow Submarine“ (Link zu YouTube) singen (oder was man heutzutage so singt). Bleibt im Zweifelsfall lieber kurz, ich bin aus gutem Grund da rigoros. Oder aber nehmt ein Gedicht, dessen Urheber länger als 70 Jahre tot ist, dann darf zum Beispiel die „Glocke“ auch gern komplett zitiert werden (aber NICHT in meiner Kommentarspalte! Bitte! *gggg*). Ich hatte, nur als Beispiel, bereits zwei Gedichtetüden (hier und hier – und nein, mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass es dasselbe Gedicht war).

Die Wörter, die es auf die Liste geschafft haben, lauten in alphabetischer Reihenfolge:

Ablenkungsmanöver
Baggersee
Biedermeierschränkchen
Federkleid
Firlefanz
Fischkonservenfabrik
Fußfessel
Kirchturmspitze
Liebe
Luxusproblem
Ohrring
Räumungsklage
Sachertorte
Tanztee
Unterwasserkönig

 

Zeit: Ihr habt drei Wochen, nicht nur eine wie sonst. Die Illustrationen unterliegen wie üblich dem Copyright des überaus geschätzten Herrn lz., ich hoffe, ihr kommt mit der Anzahl hin, man weiß ja nie.

Und bitte hierhin verlinken wie immer, ich bin schon sooooooo neugierig, und ich schätze, ihr seid es auch … ich freue mich! Viel Spaß beim Aussuchen und Schreiben!!!!!

 

Sommeretüdenintermezzo 1 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo 2 | 365tageasatzaday

 

Sommeretüdenintermezzo 3 | 365tageasatzaday

 

Zeigt her eure Wörter!

Jawollja, ihr Lieben, dies ist der Aufruf für das Etüdensommerpausenintermezzo 2018, das ab Woche 31 lostoben (ich mag das Wort) soll.

Ich hätte gern von euch ein Wort. Ein Substantiv/Hauptwort. Eins. In die Kommentare, bitte. Keine weiteren Vorgaben, ich vertraue auf euch.

Wer mehr als eins abgibt, kommt trotzdem nur mit einem in den Topf, und das suche ich dann gern aus. Annahmeschluss ist am 24.07.2018 um 20:00 Uhr CEST. Zu gewinnen gibt es … nichts, und ich sage NICHT, dass ich alle Wortspenden berücksichtigen kann und werde.

Was daraus werden soll, erfahrt ihr am 29. Juli 2018 zur gewohnten Zeit, denn dann ist Etüdensommerpausenintermezzoschreibaufgabenausgabe!

 

Wort gesucht | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Frau Meyer hat einen Hals | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Dieser Tag würde nicht ihr Lieblingstag werden, das wurde ihr schon morgens klar. Hatte der Sturm in der Nacht doch ihre drei Meter hohe Lieblingssonnenblume im Vorgarten geköpft! Sie nahm das persönlich. Scheißwind! Blöder Frühherbst! Frustriert erwog sie, das Büroradio, das nur dümmliche Sommerhits spielte, auf Klassik umzustellen. Und überhaupt, die Temperaturen! Selbst die Wetterfrösche zuckten bei der Frage nach besseren Aussichten nur die Achseln und bliesen Trübsal.

Mittags kam ihr Essen natürlich zuletzt und sie musste es fast herunterschlingen, sie wollte ja nicht, dass die wartenden Kollegen ihr auf den Teller starrten. Aus purem Verdruss spendierte sie später dem Labrador der nervigen Bürotratschtante ihren letzten Schokokeks und wünschte ihm Durchfall, Verstopfung oder beides. Sicherheitshalber schloss sie die Tür, dass er nicht ihr Büro vollpupsen konnte, sie brauchte heute nicht auch noch Stinkbombenalarm.
Zu Hause angekommen erwartete sie eine Urlaubskarte in Form einer Flaschenpost. Ihr Herr Sohn weilte mit Familie an der Nordsee, da fand man das offensichtlich witzig. Liebe Grüße in geschmacklosem, hirnlosem Plastik in Flachmannform mit Korkverschluss. Sie schnaubte und hätte am liebsten geschrien.

Draußen hatte die Sonne einen grandiosen Abgang in allen Rot- und Orangetönen hingelegt. Samtig und sternklar wölbte sich der Nachthimmel. Sie schlief entspannt. Endlich.

 

drabblemezzo 2 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Zum Abschluss schulde ich euch noch das Double-Drabble für mein Etüdensommerpausenintermezzo 2. Aber dazu braucht es vielleicht einige Erklärungen.

Ich habe keine Ahnung, ob man nur im Norden „soooo einen (dicken) Hals“ hat. Die Bedeutung kann man jedenfalls hier nachlesen.

Besagte Flaschenpost bekommt man hier an den Landungsbrücken und tatsächlich oft an der Nordsee, oft bunt bedruckt. Sicher für manche Gelegenheiten eine witzige Idee. Bild der Puristenform hier.

Und ja, ich weiß, dass Hunde keine Schokolade bekommen dürfen! Daher erkläre ich hiermit feierlich, dass beim Schreiben und im Verlauf dieser Geschichte kein Hund zu Schaden kam, und dass besagter Labrador einen Schokokeks (es ist ja noch nicht mal reine Schokolade und sicherlich ist der Theobromin-Anteil nicht hoch) lächelnd verdrücken kann und gern noch einen zweiten verdrückt und verträgt.

Aber – Mutter??? | Etüdensommerpausenintermezzo 2

Jedes Jahr stand sie am gleichen Augusttag vor der Tür. Oma. Am Freitag nach dem Geburtstag der Zwillinge, denn am Samstag stiegen alle in das Auto und fuhren an die See. Es gab Krabbenbrötchen und das erste Bier für Papa (ab da fuhr Mama), dann gingen sie für mehrere Stunden an den Strand, schwammen oder sonnten sich oder rannten herum, später kehrten sie in einem Landgasthof ein, der für verboten gute, selbst gebackene Torten berühmt war, und schließlich juckelten sie heim. Und am Sonntag brachten sie Oma zurück.
Jedes Jahr. Auch wenn aus der Kür längst schon viel Pflicht geworden war. Man sah sich ja auch sonst nicht mehr so oft.

Dieses Jahr hatte Oma angerufen, dass sie sich den Fuß auf der Treppe verknackst hätte und nicht laufen könne. Nun packten die Zwillinge ein Care-Paket für sie.

„Gute Idee“, sagte Mama, „sie bläst todsicher Trübsal, wenn sie herumliegen muss. Was soll denn rein?“
Schokokekse!“
„Die werden aber leicht zerdrückt.“
„Wir tun die in eine Flasche mit einem ganz breiten Hals. So eine Art süße Flaschenpost.“ Sie kicherten albern. Teenies. „Und die Sonnenblumen im Garten haben wir auch fotografiert und ausgedruckt. Ist bestimmt gut für die Laune.“

Als sie bei ihr ankamen, öffnete Oma nicht. Die herausgeklingelte Nachbarin gab ihnen einen Brief.
„Sie hat gemeint, da stünde alles drin. Ist nichts Schlimmes.“

Ihr Lieben! Macht euch bitte keine Sorgen, mir und meinem Fuß geht es gut. Wenn ihr dies lest, bin ich bis Montagabend weg. Ich habe nämlich einen netten Mann kennengelernt, den will ich mir übers Wochenende näher anschauen. Es gab leider nur diesen Termin. Ich gehe bis dahin nicht ans Handy! Claudia, guck nicht so, das gibt Falten.

Es waren natürlich die Zwillinge, die als erste einander lachend High five gaben und altklug „Pflaster für die Seele“ murmelten.

 

drabblemezzo 3 | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Mein erstes Triple-Drabble ever, und natürlich für das Etüdensommerpausenintermezzo! Ich finde es echt erstaunlich, was man in 300 Wörtern alles so erzählen kann. Und weil mir das Schreiben zugleich auch noch einen Ohrwurm beschert hat, hänge ich den mal gleich mit an. Schönen Sonntag euch!

 

 

 

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