Der zweite Hunderter ;-)

Hamburg hat, wie ich schon gelegentlich erwähnt habe, nur ein paar Abhänge, die den Namen auch wirklich verdienen. Hamburgs höchste Erhebung, der Hasselbrack, liegt aber in den Harburger Bergen, interessanterweise nur ein paar Meter neben der Landesgrenze zu Niedersachsen. Nun ist der Hasselbrack in Hamburg sensationell unbekannt, was nicht nur an seiner sagenhaften Höhe von 116,2 Metern liegt, sondern auch an der Tatsache, dass man von dort aus keinerlei Aussicht hat, er zudem mitten in einem Naturschutzgebiet liegt und zwar auf Karten eingezeichnet ist, aber deswegen kein Wegweiser dorthin verweist (Brutgebiet, bla). Keiner. Null. Ein Ding für Insider. Ferner sind schließlich die Harburger Berge (Wikipedia) auf der anderen Seite der Landesgrenze durchaus höher 😉
Wenn ich zusammenfassen darf: Der Hasselbrack ist eine völlig unauffällige, nicht weiter ausgeschilderte Erhebung in den Harburger Bergen (die, selbstverständlich, auch keine „Berge“ sind).
Für Wanderanfänger wie mich ist aber dies aufgrund der Tatsache, dass sie ein Endmoränengebiet sind und „für norddeutsche Verhältnisse recht zerklüftet“, ein herrliches Gebiet, um über Stock und Stein zu krabbeln und mich müde zu laufen. Dort gibt es nämlich nicht nur eine Handvoll gut beschilderter Wanderwege, sondern auch rauhe Unmengen an Trampelpfaden, steilen Mountainbike-Trails und Reitwegen.

Meine Wahl fiel (zum zweiten Mal) auf einen Teil des Wanderwegs W5 (Wander-Tour Schwarze Berge, klickst du) und zwar auf den nördlicheren. Denn der führt, wie mir beim Blick auf die Karte klar geworden war, ziemlich dicht am Hasselbrack vorbei, und ich hatte auch schon so eine Vermutung, wo ich abbiegen müsste. Außerdem hatte ich mit dem Weg, zumindest dem zweiten Teil, noch ein Hühnchen zu rupfen. Und ich wollte zum Hasselbrack. Einfach just for fun.

Geparkt habe ich am Wildpark Schwarze Berge, der viel Spaß machen kann, wenn man reingeht, besonders mit Kindern (Hängebauchschweine, Ziegen zum Streicheln), und ich mag speziell die Flugshow (Greifvögel). Mein Weg führt aber südlich dran vorbei, und nach relativ kurzer Zeit stand ich entzückt am Moisburger Stein, einem alten Grenzstein. Nun lief ich der Markierung W5 folgend weiter in den Wald hinein, wo der Weg die ganze Zeit sanft anstieg und ich in größeren Abständen anderen Wanderern begegnete, die allesamt grüßten – ich war raus aus der Stadt. Nicht zu überhören waren Geräusche im Wald, die von Mountainbikern stammten, nicht zu übersehen waren Hinterlassenschaften, die von Pferden stammten. Alles bestens. Als ich gefühlt relativ weit „oben“ war, dachte ich, dass ich jetzt eigentlich in der Nähe des Hasselbracks sein müsste, und zückte die Geheimwaffe: mein Handy. Klar hätte ich eine Wanderkarte bevorzugt, wenn ich eine gehabt hätte (was ich ändern werde), aber ich dachte, das Handy tut es auch, und wenn nicht, dann eben nicht. Und, o Wunder, ich hatte Empfang UND recht. Hier irgendwo in der Nähe sollte er sein, der Hasselbrack.

Also bog ich mutig von meinem Weg ab und wagte mich auf den Trail-Dschungel. Das Handy bestätigte mir von Zeit zu Zeit wenigstens, dass ich mich meinem Ziel näherte, denn selbstverständlich kannte es keine Trampelpfade. Irgendwann grüßte ich eine Reiterin und fragte sie, ob der Hasselbrack hinter ihr liege, und sie lächelte und antwortete freundlich: „Ja, immer geradeaus.“ Und tatsächlich, es stimmte. Dauerte nur noch ein paar Minuten …

Um die Infos zum Thema Hasselbrack auf den neuesten Stand zu bringen: Es gibt dort den Stein. Sonst nichts. Keine Bank, kein Gipfelkreuz. In den Waldboden daneben (auf meinem Bild nicht zu sehen) ist eine Kiste aus Blech verbuddelt, in der sich ein MNS und ein Geocache befanden (jedenfalls vermute ich, dass das einer war). KEIN Gipfelbuch, von dem ich schon verschiedentlich gelesen habe, und der Deckel der Kiste ist echt verbeult.

Ich hockte mich für eine kleine Weile auf einen Baumstumpf und genoss den Wald. Dann trottete ich gemächlich wieder zurück zu meinem Wanderweg. Vor mir lag, wie ich wusste, der anstrengendere Teil der Tour.

Wenn man auf der Karte (siehe Link oben) nachsieht, entdeckt man, dass W5 ein langer Rundweg ist, der teilbar ist. Und ab dem Punkt, wo man abzweigt, wird der Weg, äh, immer trailartiger. War das vorher ein Weg, den man mit Oma und Kinderwagen gut gehen konnte, kommt jetzt mehr und mehr zum Tragen, was die Wegbeschreibung als „überwiegend naturbelassene, teils wurzelige Wege mit anspruchsvollem Relief (festes Schuhwerk erforderlich)“ beschreibt. Und die hinauf und hinab zu überwindenden Abhänge werden immer steiler und die Pfade immer ausgewaschener. Mir ist schon klar, dass sich Kenner von alpinen und voralpinen Wegen vermutlich vor Lachen auf dem Boden rollen, aber ich war SEHR, SEHR dankbar für meine Wanderschuhe (meine Erstbegehung dieses Weges war der Grund, weshalb ich mir anständige Wanderschuhe zugelegt habe, denn solche Wege sind zurzeit meine Messlatte) und ich habe, als ich leichtfüßig über diverse Baumwurzeln stiefelte, schaudernd begriffen, was ich meinen Schutzengeln (Plural!) mit meinen Sandalen beim letzten Mal eigentlich zugemutet habe. Schließlich kann man auch in einer Pfütze ersaufen, wenn man Pech hat. Gute Wahl. Sehr gute Wahl. (Immer noch keine Blase gelaufen. Scheint so, dass ebenfalls meine Billig-Wandersocken nicht die schlechtesten sind – zumindest sind sie für meine bisherigen Wege geeignet. Ich weiß inzwischen immerhin, dass auch Socken ein großes Thema sind.)
Sind das übrigens Schopftintlinge, die Pilze?

Der Pfad rund um den Paul-Roth-Stein (laut Internetangaben 131 Meter über NHN; der so aussieht, als ob der Zahn der Zeit kräftig an ihm nagt und es keinen interessiert, siehe Bild) ist für Mountainbiker gesperrt. Wie ich feststellte, gibt es aber einige, die das nicht stört, denn als ich gerade dieses Baumwurzelteil (siehe Bild) erklomm, standen oben welche mit ihren Rädern und unterhielten sich (und grüßten). Weiß nicht, ob sie dann da runter sind, überholt haben sie mich jedenfalls nicht mehr.
Die Treppen, die sich ebenfalls auf diesem Teil des Weges befinden, sind robuster, als sie aussehen.

W5 führt dann noch über den Kiekeberg, wo sich ein sehr bekanntes Freiluftmuseum befindet, ein Schlenker, den ich mir schon zum zweiten Mal gespart habe, ich bin einfach über Alvesen zum Wildpark zurückgelaufen. Ich war müde genug für den Tag.
Leider musste ich dann auch feststellen, dass sich irgendwann mein Handy und damit meine Schrittzähler verabschiedet hatten. Ich kann also nicht sagen, wie weit ich gelaufen bin, was mich doppelt ärgert, da ich sogar mit der Pause in der Zählung bei dem Schrittzähler, der weniger anzeigt (der andere war komplett im Nirwana), auf über 10 Kilometer gekommen bin – und mir geschätzt eine halbe Stunde bis 45 Minuten fehlen, in denen ich mich bewegt habe. Nun. Sieht so aus, als müsste ich da noch ein drittes Mal längs. Vielleicht tappe ich dann doch noch über den Kiekeberg. Zeit ist ja genug, wenn das Wetter hält.

Sollte (wirklich?) noch jemand rätseln: Der „zweite Hunderter“ ist mein zweiter erklommener Gipfel *hust* 😉

Ebenfalls auf dem Hasselbrack war Maren von „Von Orten und Menschen“, und zwar vor knapp vier Jahren. Ihre sehr vergnügliche Schilderung, wie sie ihn fand (und Maren hat im Gegensatz zu mir Ahnung von dem, was sie tut), könnt ihr HIER lesen.

 

Ja, klar, die Fotos sind alle von mir. Klicken macht groß!

 

 

Alsterrunde ;-)

Die Hamburger Binnen- bzw. Außenalster wird gern als Hamburgs „gute Stube“ bezeichnet. Tatsächlich teilt sich die Hamburger Bevölkerung in „Alster“- und „Elbe“-Hamburger, ich weiß nicht, ob es dafür „objektive“ Kriterien gibt oder ob das eine Herzensentscheidung ist … wo war ich?

Die Alster (Wikipedia: Binnenalster, Außenalster) ist nicht nur das gleichnamige Flüsschen, sondern vor allem der große Stausee im Herzen Hamburgs. Als solcher ist die Außenalster mit einer Fläche von 164 Hektar ein beliebtes Revier für Segler, Ruderer, Tretbootfahrer und Stand-up-Paddler (das Segelrevier soll gar nicht so einfach sein aufgrund der Windverhältnisse, die wiederum aus der höchst unterschiedlichen Bebauung herrühren (von historisch-prunkvollen Villen bis zum Szeneviertel ist alles dabei)), die Alsterschifffahrt und last but not least die Alsterschwäne. Ebenso führt eine bekannte und beliebte Joggerrunde (7,4 km) um die Außenalster.

Um letztere geht es mir. Ich jogge zwar nicht, aber nicht nur am Wochenende bewegt sich ein Pulk Menschen auf dieser Route um die Alster: Radfahrer, Jogger, Flanierer (auf der „schönen“, der westlichen Seite), Familien, Grüppchen von Freunden, Gassigeher – alle. Angst vor Corona darf man nicht haben … und ich war letzten Sonntag bei schönstem Wetter mittendrin.

Ich wollte etwa 10 Kilometer Strecke machen, also habe ich so geparkt, dass ich zuerst um die Binnenalster, dann um die Außenalster gehen konnte. Außerdem bin ich entgegen dem Uhrzeigersinn gelaufen, was den Vorteil hatte, dass das letzte Stück, wenn ich eh müder sein würde, sich auf der schönen Seite, dem Alstervorland, erstrecken würde, wo es Kaffee und Eis überall zu kaufen gibt, auch to go.

Was soll ich sagen: Es war toll, die Segler hatten Spaß, die Alster war voll. Mir war nicht klar, dass Segel so laut sind, bis ich sie im Wind knattern gehört habe! Und natürlich bin ich alle Naselang stehen geblieben, um ein Bild zu schießen. Ich überlasse es denen, die Ahnung davon haben (ich hoffe auf den wertgeschätzten Herrn Olpo), zu kommentieren, was  da auf dem Wasser los war – ich habe immerhin auch zwei Katamarane dabei 😉
Ich habe mich mehr um die Hamburger Silhouette bemüht. Denn vom Norden der Außenalster aus sieht man vier von fünf der sogenannten Hamburger Hauptkirchen (Wikipedia), und noch so einiges mehr. Die Hauptkirchen wiederum sind aufs Engste mit der Hamburger Geschichte verbunden, und ich behaupte einfach mal, dass es für Hamburg-Fans dazugehört, sich wenigstens irgendwie am Horizont orientieren zu können.

Stellt euch also vor, ihr seid fast schon im Nordosten eurer Alsterrunde und befindet euch auf einer Straße mit dem sprechenden Namen „Schöne Aussicht“ ca. Höhe Feenteich. Dann seht ihr, wenn ihr Richtung Süden schaut, etwa Folgendes (Bild bitte groß klicken, ich hab mal durchnummeriert).

 

Hamburg, Außenalster, Stadtsilhouette | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, Ende August 2020

 

  1. Mariendom (kath.), St. Georg
  2. Hl. Dreieinigkeits-Kirche, St. Georg
  3. Hauptkirche St. Jacobi, Innenstadt, Arp-Schnitger-Orgel
  4. Hauptkirche St. Katharinen, Nähe Speicherstadt, die mit dem Goldring aus Störtebeker-Gold am Turm
  5. Hauptkirche St. Petri, Altstadt, bronzener Türzieher in Form eines Löwenkopfs von 1342
  6. Ruine St. Nikolai, ehem. Hauptkirche, Mahnmal 2. Weltkrieg
  7. Rathaus, Altstadt (nicht irritieren lassen, weil auch grün)
  8. Elbphilharmonie, HafenCity (unverwechselbar, ich sags ja nur)
  9. Hauptkirche St. Michaelis, Neustadt, Michel, DIE Kirche Hamburgs
  10. Alsterfontäne

Es fehlt die fünfte (aktuelle) Hauptkirche, St. Nikolai in Harvestehude, die 1962 das Mahnmal in dieser Funktion ablöste. Ihr seht den schmalen grünen Turm auf den Bildern bei der Krugkoppelbrücke, sie ist bei diesem Standpunkt schräg rechts hinter mir.

Hatte ich schon erwähnt, dass das Gute an dieser Spazierstrecke ist, dass man in recht kurzen Abständen einkehren könnte, und zwar egal wo? Drüben im Alstervorland, wo alles ein bisschen nobler und teurer ist (und/oder gern so tut), wo man bummelt, um zu sehen und gesehen zu werden (Stichwort: Cliff), gab es dann auch „Parkmusik“ zum Eis, eine Band habe ich abgelichtet, ich fand sie richtig gut.

Ich auf jeden Fall war froh, als ich wieder am Auto war, denn die Menge an Leuten fing irgendwann doch an zu nerven. 14.288 Schritte verzeichneten meine Schrittzähler, der eine behauptete, es seien 9,3 Kilometer, der andere wollte 9,7 getrackt haben. Ich nehme die Mitte, mir war es recht. Keine neuen Erkenntnisse bezüglich Ausrüstung, nur dass mein Handy bessere Bilder macht als die kleine Kamera. Welche Überraschung, wenn ich das Alter vergleiche.

Ob ich das öfter mache? Ja, auf jeden Fall könnte das eine nette Strecke für alle möglichen Zwecke sein, wenn ich mal nicht allein durch die Pampa trotten will. Je weiter der Herbst voranschreitet, desto mehr, vermute ich.

 

 

 

Von Baum und Wald

Junger Baum

Die Sonne küßte seine Zweige,
Ihm wurde wunderlich zu Mut.
Die Winde sagen: Neige, neige,
Neig dich zur Erde, junges Blut.

Er aber bog mit schlichter Geste
Wie hundert Arme sonnenwärts
Die lichtverhärmten nackten Äste
Und zog den Himmel an sein Herz.

(Heinrich Leberecht Fleischer, Junger Baum, Online-Quelle)

 

An eine Linde

Schöne Linde!
Deine Rinde
Nehm den Wunsch von meiner Hand:
Kröne mit den sanften Schatten
Diese saatbegrasten Matten,
Stehe sicher vor dem Brand!
Reißt die graue Zeit hier nieder
Deine Brüder;
Soll der Lenz diese Äst
Jedes Jahr belauben wieder
Und dich hegen wurzelfest.

(Johann Klaj / Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken, An eine Linde, aus: Pegnesisches Schäfergedicht, Erstdruck: Pegnesisches Schäfergedicht, Nürnberg (Wolfgang Endter) 1644, Online-Quelle)

 

Mein Wald – Mein Leben

Ich sah den Wald im Sonnenglanz,
Vom Abendrot beleuchtet.
Belebt von düstrer Nebel Tanz,
Vom Morgentau befeuchtet.
Stets blieb er ernst, stets blieb er schön,
Und stets mußt ich ihn lieben.
Die Freud an ihm bleibt mir bestehn,
Die andern all zerstieben.

Ich sah den Wald im Sturmgebraus,
Vom Winter tief umnachtet,
Die Tannen sein in wirrem Graus
Vom Nord dahingeschlachtet.
Und lieben mußt ich ihn noch mehr,
Ihn meiden könnt ich nimmer.
Schön ist er, düsterschön und hehr,
Und Heimat bleibt er immer.

Ich sah mit hellen Augen ihn,
Und auch mit tränenvollen;
Bald hob er meinen frohen Sinn,
Bald sänftigt er mein Grollen.
In Sommersglut, in Winterfrost
Konnt er mir nicht mehr geben.
So gab er meinem Herzen Trost.
Und drum: Mein Wald – mein Leben.

(Emerenz Meier, Mein Wald, mein Leben, aus: Gedichte, 1897, Online-Quelle)

 

Kahle Bäume | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Kommt gut in die neue Woche!

Oh, und völlig off-topic: Hamburger und solche, die in der Gegend wohnen! Am nächsten Wochenende ist wieder Maskenzauber an der Alster (hier mehr dazu, es ist eh jedes Jahr das Gleiche, hier Fotos vom letzten Jahr, hier vom vorletzten, ja, ich steh auf Portraits).

 

Der Straßenkarneval im barocken venezianischen Stil

Samstag, 8. Februar 2020

Flanierende Masken 11:00 bis 14:00 Uhr
Höhepunkt Alsterarkaden ca. 13:30 Uhr

 

Sonntag, 9. Februar 2020

Flanierende Masken 15:00 bis 18:30 Uhr
Höhepunkt Alsterarkaden ca. 16:15 Uhr
Gemeinsames Abschlußdefilée für alle maskierte Hamburger 17:30 Uhr
Startpunkt Colonnaden Mitte vor dem Bocksbeutel

 

KOMMT WER MIT?

 

Dem Auge fern …

November 2019, Alter Harburger Friedhof | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
Klicken macht groß

 

Grabschrift

„Dem Auge fern, dem Herzen nah!“

Als ich die alte Grabschrift sah
Im eingesunk’nen Marmorstein,
Da fiel mein totes Lieb mir ein …

O Gott, ich schrieb schon tausendmal
Das gleiche Lied aus gleicher Qual,
Und war doch keins wie dieses da:

„Dem Auge fern, dem Herzen nah!“

(Ludwig Jacobowski, Grabschrift, aus: Ausklang. Gedichte aus dem Nachlass, Vom dunklen Leben, Online-Quelle)

 

Als ich beschlossen hatte, mich der Blogaktion auf dem Totenhemd-Blog anzuschließen, und überlegte, über welchen Friedhof ich denn wandern wollte, war mir eins ziemlich schnell klar: Nicht schon wieder Ohlsdorf! Klar, dort sind die Engel schöner, die Ruhenden prominenter und der Friedhof so viel gewaltiger von seinen Ausmaßen her – aber Ohlsdorf kann jeder, ich bleibe in meinem Stadtteil. Harburg. Kommt also mit, ich zeige euch ein paar Impressionen vom Alten Harburger Friedhof.

 

Quelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
Klicken macht groß

 

Na? Besonders, oder? Hier gibt es den offiziellen Wikipedia-Eintrag dazu, dem kann man entnehmen, dass der Friedhof 1828 eröffnet wurde und seit 1937 offiziell stillgelegt ist, aber bis in die 60er-Jahre immer noch Bestattungen vorgenommen wurden. Inzwischen ist er ein öffentlicher Park. „Im Jahr 1984 wurde der Friedhof mit seinen historischen Grabdenkmälern, darunter viele mit bekannten Namen aus der Stadtgeschichte, unter Denkmalschutz gestellt und die historischen Wegbeziehungen wiederhergestellt. Dennoch verfielen die Anlagen oder wurden durch Vandalismus zerstört. Erst 2006 gründete sich ein Verein zur Pflege des Alten Friedhofs und zur Erhaltung wertvoller Grabmale, der seitdem Pflegemaßnahmen auf dem Gelände durchführt.“ (Quelle: Wikipedia, s. o.)

Und damit sind wir mitten im Problem. Ja, es ist ein Park, er ist nicht besonders groß, hat alten Baumbestand und ist wunderschön. Aber/und die Steine sind allgemein in keinem besonders guten Zustand. Seht ihr das Foto von der Statue mit dem Marienkäfer(?) auf der Stirn? Seht ihr (Bild davor), dass an dieser Figur offensichtlich nur das Gesicht erneuert wurde und der Rest der Figur sich in einem viel schlechteren Erhaltungszustand befindet? Die Frau, der dieser Grabschmuck gilt, starb 1905. Ich vermute, der eben erwähnte Verein dürfte finanziell nicht so üppig ausgestattet sein.

Zudem ist die Lage des Parks nicht wirklich glücklich. Er grenzt an einer Seite an das Phoenix-Viertel, das (begründet) einen schlechten Ruf als sozialer Brennpunkt hat. Als ich am Sonntagvormittag im Park war, habe ich zumindest anfangs junge Männer gesehen, von denen ich angenommen habe, dass sie mir was verkaufen wollten, was allerdings nicht sehr viel später durch die üblichen Hundeausführer*innen, Paare mit und ohne Kinderwagen und Vor-dem-Mittagessen-Spaziergänger ersetzt wurde. Einige dürften von dem Gottesdienst der angrenzenden Kirche aus nach Hause gegangen sein.

„Fotografiere etwas, das Dir auffällt/dich irritiert/anspricht/ berührt“, war die Aufgabe, die Petra und Annegret gestellt haben. Nun. Was mir dieses Mal wirklich auffiel, war das hier.

 

November 2019, Alter Harburger Friedhof | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
Klicken macht groß

 

Das ist – erraten? – ein Freimaurer-Grab, und zwar die Grabstätte von Herrn Ferdinand Ernst Albrecht Rickel (*1837, andere Angabe *1845, †1925, Tafel am Grab fehlt), ein Honoratior der Stadt Harburg, der unter anderem Mitbegründer und Fabrikdirektor der Jutefabrik in Harburg (Norddeutsche Jute-Spinnerei und Weberei) sowie auch Mitglied des Bürgervorsteher-Kollegiums in Harburg war. (Ich weiß noch nicht, was das für ein Haus auf der Tafel ist, die Jute-Fabrik scheint damals anders ausgesehen zu haben, rechts hinter dem Busch ist noch eins.) Nach ihm wurde (noch zu seinen Lebzeiten, 1914) eine Straße benannt, die Rickelstraße in HH-Eißendorf. Und er war Freimaurer, er gehörte zur 1858 in Harburg gegründeten Loge „Ernst August zum goldenen Anker“, wie so einige (was ich nicht wusste) bekannte Hamburger, denen die Stadt viel verdankt (hier mehr dazu, für Rickel unter „Harburg“ nachsehen). An der gleichen Stelle steht: „Schauen wir zurück und werfen einen Blick in unsere Mitgliederlisten, dann stellen wir fest, daß bis zum Ende des Jahrhunderts fast ausschließlich das aufstrebende und einflußreiche Bürgertum Harburgs in unserer Loge vertreten war. Einige von Ihnen waren herausragende Persönlichkeiten der Stadt Harburg. Sie haben oft, ohne besonderes Aufsehen, nach dem freimaurerischen Humanitäts- und Sozialprinzip, d.h. aus der freimaurerischen Idee schöpfenden Grundhaltung ihre Fabriken geführt oder ihre Aufgaben ausgerichtet. Noch heute sind davon einige Namen bekannter und bedeutender Bürger und Logenbrüder der Stadt Harburg zu finden, denen zu Ehren hier Straßen benannt wurden.“

Die Loge ist aktiv (hier die Homepage), was mich zu der Frage brachte, was mir (außer Verschwörungstheorien) eigentlich über die Freimaurerei bekannt ist. Mit euch teilen möchte ich einen kurzen Text zum Thema Symbole der eben erwähnten Loge (Link), sehr aufschlussreich fand ich ebendort „100 Fragen zur Freimaurerei“ und einen großen Rundumschlag versucht der Deutschlandfunk in seinem Artikel.

Seitdem weiß ich auch, dass die evangelische Kirche kein Problem damit hat, wenn eines ihrer Gemeindeglieder gleichzeitig auch Freimaurer ist, während die katholische Kirche beides für unvereinbar hält. Damit ist mir dann ebenfalls klar, warum Herr Rickel völlig selbstverständlich an prominenter Stelle zwischen anderen (vermutlich evangelischen) Toten ruht. Es dürfte damals einfach kein Anlass zur Diskussion gewesen sein.

Alles in allem hat mein Spaziergang über den Friedhof bei mir mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Nicht nur zur Freimaurerei. Ich mag das. Ich war bestimmt nicht zum letzten Mal dort; und ich plane einen Besuch in unserer Bücherhalle zum Thema „Harburger Geschichte“, schließlich bin ich ja über die Elbe zugewandert … 😉

 

Das Schöne vom Tag

Gelegentlich habe ich euch davon erzählt, dass hier auf meinem Lieblingsteich ein Schwanenpaar zu Hause ist, das in schöner Regelmäßigkeit im Vorfrühling brütet und meist so im Mai die lustwandelnde Spaziergängerschar mit Schwanenkindern (in der Regel 6 bis 10) in Entzücken versetzt. So weit, so normal, unten ein Foto vom letzten Jahr. Ihr erinnert euch?

Im Herbst sind die Küken so weit, dass sie sich allein durchschlagen können bzw. müssen. Irgendwann sind sie dann meist verschwunden, und es scheint so zu sein, dass der Schwanenvater sie einsammelt, damit sie eine Karriere als Alsterschwan machen und den dortigen Genpool bereichern. Wer mehr über das traditionelle Hamburger Schwanenwesen lesen möchte, kann hier schauen: offizielle Seite.

Dieses Jahr war kein gutes Jahr. Die Anzahl der Küken dezimierte sich rasch, bis es nur noch vier waren (von mindestens sieben im Mai), und irgendwann im Sommer fiel nicht nur mir auf, dass einer der Altvögel stark hinkte und hinter dem anderen mit den Küken weit zurückblieb. Das ist extrem ungewöhnlich, denn normalerweise gibt es die beiden nur im Doppelpack, wo der eine ist, ist auch der andere.

Nun kann alles der Grund sein. Das sind alte, erfahrene Schwäne, die wissen, wie sie mit freilaufenden Hunden (und Kindern. Und Grillvolk) umzugehen haben. Er/sie schien auch nicht sichtbar verletzt. Trotzdem war zu sehen, dass es nicht besser wurde (aber auch nicht schlimmer ) – und dann waren sie plötzlich weg. Alle. Beide Altvögel und die verbliebenen Jungvögel gleich mit. Das Hörensagen berichtete, dass der Schwanenvater sich gekümmert habe. Prima. Aufatmen.

Und heute … heute waren sie wieder da. In alter Schönheit zogen sie ihre Runden. Und ich hatte die Kamera dabei! Gut, ich habe nur einen das Wasser verlassen gesehen, aber das dürfte nur eine Frage von Tagen sein. Hach, ich bin froh, der Teich war echt leer ohne sie.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Das Schöne vom Tag

Stellt euch vor: einfallende nächtliche Schwärze, die ersten Sterne zeigen sich. Hunderte Menschen sitzen geduldig und gesellig um einen Parksee und warten. Und dann ein freudiges Aaaaaaaah!, als die ersten Fontänen emporschießen, der Wind einen feuchten Sprühnebel herüberweht und die Klänge der „Fanfare for the Common Man“ wie jeden Abend die Zuschauer begrüßen …

Das, ihr Lieben, sind die Hamburger Wasserlichtkonzerte, abends DAS DING in einem unserer schönsten Parks: Planten un Blomen. Eine halbe Stunde farbig angeleuchtete Wasserfontänen, die im Rhythmus der Musik, die dazu knatternd aus den Lautsprechern dringt, steigen, kreisen und fallen. Live gespielt auf der Wasserlichtorgel.

Und mittendrin: Frau Myriade und ich. Gebührend andächtig und verzückt wie alle anderen. Umsonst und draußen. Ein herrlicher Abschluss eines Abends.

 

Wasserlichtkonzert in Planten und Blomen, Hamburg | 365tageasatzadayHandyfoto, ich bitte, ALLES an diesem Bild zu entschuldigen außer dem Motiv 😉

 

Von Spitzohren, zwei Drachen und einem Androiden

Kurz gesagt: Wir schreiben 2019, und vor einer Woche war Maskenzauber an der Alster in Hamburg. Nachdem ich mich jedes Mal aufs Neue dazu wiederhole, verweise ich für Infos jetzt einfach mal auf meinen Ankündigungspost („Maskenzauber für Kurzentschlossene„) und auf die Fotos vom letzten Jahr („Maskenzauber 2018: die Bilder„). Vielleicht mag ja auch der eine oder die andere vergleichen. Es sind nämlich viele Wiederholer dabei, und manche tauschen auch die Kostüme.

Es war wunderbares WARMES Wetter und der Zaubertrank (der neue Räume hat!) war auch wieder dabei. Meine Fotos sind wieder Doppelportraits (oder Viererportaits), außerdem habe ich manchmal zwei Masken kombiniert … oder, oder oder. Der eine Drache lief auf Stelzen, der Baum war nicht dabei, und wo der Mensch ohne Kopf geguckt hat, habe ich auch nicht rausbekommen. Ebenfalls sieht man nicht, dass die eine Elfe fast überwiegend an einer Straßenlaterne herumhing (was man halt so tut, wenn man Flügel hat). Das ist der Nachteil von Portraits, aber irgendwas ist ja immer. (Ja, ich finde diese Kontaktlinsen auch total irritierend.) Frage für Fortgeschrittene: Ist der Hund ein Leonberger?

Wer mehr sehen möchte (zum Beispiel, wie die Masken von Kopf bis Fuß ausgesehen haben), findet hier die Links zur Facebook-Maskenzauber-Gruppe (öffentlich sichtbar) und zur Maskenzauber-Sektion in der fc (fotocommunity).

Es würde mich freuen, wenn euch die Bilder gefallen, ich jedenfalls hatte viel Spaß. Die Fotos kann man allesamt groß klicken, dass es sich lohnt und ich gern eure Highlights wüsste, ist klar, oder?

 

Quelle: ichmeinerselbst, aber sowas von

 

 

Maskenzauber für Kurzentschlossene

Wer bei mir schon ein bisschen liest, der weiß, dass ich alle Jahre wieder in schöner Regelmäßigkeit Werbung für den Maskenzauber an der Alster mache. Den Traum vom Karneval in Venedig, einzigartig und wunderschön. Die Kostüme sind alles von venezianisch über historisch bis Fantasy oder einfach schlicht. Die Gewandeten sind zwischen sehr jung und alt, viele sind jedes Jahr dabei – die Fotografen übrigens auch 😉
Es ist, mit einem Wort, ein Ereignis. Jedes Jahr aufs Neue. Kommendes Wochenende.

 

Die Termine für dieses Jahr sind:

Samstag, 16. Februar 2019
Flanierende Masken an den Colonnaden 11:00 bis 12:30 Uhr
Flanierende Masken an den Alsterarkaden 12:30 bis 14:00 Uhr
Höhepunkt Alsterarkaden ca. 13:30 Uhr

Sonntag, 17. Februar 2019
Flanierende Masken an den Alsterarkaden 15:00 bis 16:30 Uhr
Höhepunkt Alsterarkaden ca. 16:00 Uhr
Flanierende Masken an den Colonnaden 16:30 bis 17:30 Uhr
Gemeinsames Abschlußdefilée 17:30 Uhr

Startpunkt Colonnaden Mitte beim Bocksbeutel

 

Besagter Maskenzauber ist umsonst und draußen, bei jedem (!) Wetter (er war auch schon mal an einem Wochenende, als die Alster zugefroren und freigegeben war), und besteht aus einem Defilee zwischen den Colonnaden über den Jungfernstieg an der Alster entlang und durch die Alsterarkaden hindurch zum Rathausmarkt. Auf dem Rathausmarkt findet alle Jahre wieder der gleiche Tanz statt, dies ist der Höhepunkt der Veranstaltung.

Ich hatte mir überlegt, ob ich dieses Jahr dazu was auf den Blog stellen wollte oder nicht. Endgültig entschieden hat das ein Newsletter des ebenfalls von mir schon häufiger erwähnten Zaubertranks (hier und hier; yes! alive and kicking!), in dem Hans-Georg der Welt mitteilt, dass er doch dabei ist, was bisher in den Sternen stand. Es steht immer noch nicht auf der Zaubertrank-Homepage, ich hoffe also, dass ich, wenn ich Samstagmittag auf dem Rathausmarkt bin, dort die wohlbekannte mittelalterliche Bude des Zaubertranks sehe – denn Maskenzauber ohne Zaubertrank, das geht eigentlich gar nicht.

Wer noch ein bisschen in Bildern schwelgen will, findet Impressionen aus den letzten drei Jahren hier, hier und hier.

Die Wettervorhersage verspricht trockenes bis sonniges Wetter zwischen 8 °C und 11 °C für das Wochenende. Ich habe bisher vor, an beiden Tagen dort zu sein, und falls ihr Lust bekommen habt und vorbeischauen wollt, lasst es mich gern wissen, ich würde mich freuen.

 

Maskenzauber 2018 Teaser | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Zaubertrank, Hamburg, Hilfe, sofort und dringend

Ihr Lieben (aus Hamburg und drumherum),

im Januar bereits habe ich euch um Hilfe für den Zaubertrank gebeten. Jetzt ist die Bombe geplatzt: Der Gerichtsvollzieher war da, sie werden geräumt, sie brauchen immer noch DRINGEND neue Räumlichkeiten, aber mindestens genauso dringend Möglichkeiten, Sachen irgendwo unterzustellen, und natürlich auch Hilfe bei Umzug. Wer etwas weiß, der möge bitte schnellstmöglich reagieren.

Hans-Georg schreibt:

„Jetzt am Sonnabend ab 07:30 Uhr will der Gerichtsvollzieher mit der Räumung unseren Ladens beginnen. Wenn Du Platz hast von mir Sachen bei Dir zu lagern, z.B.: Kisten, Fässer o.ä., dann melde Dich bitte sofort. Wenn Du mithelfen kannst, diese Dinge bei mir mit rauszuräumen ebenfalls.
Telefonisch erreicht Ihr uns wieder unter den Zaubertranknummern. Auch unter der Handynummer 0160/xxxxxxx.
Einige wichtige Dinge konnten wir mitnehmen und können die auch liefern. Telefonische Orts- und Zeitabsprache vorausgesetzt.
Wir brauchen für die Dinge in unserem Laden ab sofort etwa 400 qm bis 600 qm, je nach Raumschnitt und Deckenhöhe. Wenn es geht im Hamburger Stadtgebiet nördlich der Alster und nicht im Überschwemmungsgebiet. Und günstig sollte die Miete auch sein, nicht dass wir nach wenigen Monaten pleite sind.
Hoffentlich finden wir bald Räume, sonst gibt es den Zaubertrank bald nicht mehr und das wäre sehr schade.“

Der Zaubertrank (Link zur Homepage) ist erreichbar unter der Festnetznummer 040 22 00 60 4. Wer die Handynummer braucht, von der ich annehme, dass sie halb privat ist, melde sich bitte in den Kommentaren, damit ich die Mailadresse habe, ich bin heute und morgen viel unterwegs.

 

Zaubertrank Hans-Georg Schaaf | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, allerdings schon bisschen älter

 

Begegnung | (abc.etüden)

Ich wollte IHN in persona sehen oder besser hören. Nein, nein, das ist nicht das Ende – oder der Anfang – einer Lovestory, das ist der Grund, warum ich aufbrach, um dem kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Vorstellung seines neuen Buches „Kriegslicht“ zu begegnen. Klar kenne ich ihn aus Fernsehen und Internet, lange schon. Alles nicht damit zu vergleichen, dieses Timbre live zu hören.

Die Veranstaltung erwies sich als eine Mischung aus Interview (viel) und Lesung (wenig). Ondaatje beherrschte die Szene auf sehr zurückhaltende, souveräne Art. Für meinen Geschmack hätte er länger lesen dürfen, ich werde nicht müde, ihm zuzuhören, er weiß, was er da tut. Auch das Interview mochte ich: Gute Interviews sind eine Kunst, aber hierbei war kein Fremdschämen nötig, beide hatten größtenteils ihren Spaß, denke ich. Ondaatje performte nicht für die vollen Ränge, er konzentrierte sich auf seinen Gesprächspartner (gleichzeitig Moderator, Interviewer und Dolmetscher) und spielte mit. Und immer diese wachen Augen und dieses verschmitzte Lächeln in dem zauseligen Charakterkopf. Natürlich verflog die angesetzte Zeit im Nu.

Last but not least die ersehnte Signieraktion. Der Mann ist schnell, seine Unterschrift wenig mehr als eine schwungvolle Linie. Irgendwann stand ich am Kopf der Schlange, er sah freundlich zu mir und dem frisch erstandenen Buch auf und murmelte mir ein „For you?“ zu, ich bestätigte das erstaunt, er kritzelte, wir lächelten einander an, ich bedankte mich und zog glücklich mit meinem veredelten Buch von dannen.

Seitdem lese und schwelge ich und bin verzückt, wieder mal. Ach, dieses lyrisch anmutende Verschwenden von überbordenden, die Sinne berührenden Bildern, ein sorgfältig hingetupfter Flickenteppich, den man auf jeder Seite immer wieder neu entrollen kann. Dieses Innehalten, Sich-Wundern, Beglückt-schön-Finden. In jeder Szene freue ich mich schon neugierig und verzaubert auf die nächste; Pageturner im anderen Sinne, fürwahr eine hohe Kunst. Wie ich seine Bücher liebe.

300 Wörter

Die Veranstaltung fand am 11. September im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg statt. Ondaatje hat am 12. September Geburtstag, er wurde 75. Hier mehr Infos zum Abend und zum Nachhören. Da gibt es auch ein paar anständige Bilder, auf dem Bild vom Publikum bin ich übrigens auch drauf, wie ich festgestellt habe. Ach, war schön.

Mehr Infos zu Ondaatje gibt es auch auf seiner Seite seines deutschen Verlags, dem Hanser-Verlag.

Nebenbei, fast hätte ich es vergessen, ist dies auch noch ein Beitrag für die abc.etüden, Woche 37/38.2018: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die zu verbauenden Worte stammen dieses Mal von mir und lauten: Kunst, müde, verschwenden.

 

Ondaatje "Kriegslicht" Signatur | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Löffelliste oder die Sache mit dem Apfelbäumchen

 

Ach komm, geh weg! Annäherung.

Ich kann nicht mit Listen, grummele ich, das ist doch voll unkreativ und engt nur ein. Ich mache mir höchstens Einkaufslisten, so! Aber Listen haben doch was mit Struktur zu tun? Struktur(en) finde ich sehr nützlich. Und Kreativität braucht auch Struktur, da erzähl mir keiner was anderes, am besten eine selbst entwickelte.
Außerdem liebte mein Vater Listen, daher KANN das schon mal nichts Schlechtes sein. Ja, sehr logisch, weiß ich. Hm. So weit, so gut.

Okay, Löffelliste. Du hast zugesagt, dass du mitmachst (Aufruf zur Challenge im Totenhemd-Blog, da war ich noch hoffnungsfroh, dass es easy werden würde, danke, Petra!), also setz dich hin, schreib eine: Was willst du in deinem Leben unbedingt noch auf die Reihe kriegen, bevor du den Löffel abgibst?

„Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Okay, die erste Assoziation mal beiseite, darum geht es nicht. Wer weiß, dass er bald stirbt, wird das Bedürfnis haben, in seinem Leben ein paar Dinge zu klären und etwas dafür zu tun, dass ihn was überlebt. Klar.

Ich habe nicht mal Lust, mir Gedanken zu machen, meutere ich innerlich. Nicht darüber, den Löffel abzugeben, das ist unausweichlich, das juckt mich nicht, jetzt noch nicht, aber dieser ganze Bucket-List-Kram (das ist der englische Begriff dafür), das erinnert mich so furchtbar an „100 Orte, wo du im Leben gewesen sein musst“, „100 Dinge, die du gemacht haben musst, bevor du 30/40/50/60 bist“ – solche Sachen. Diese Listen zu lesen, das ist manchmal ja schon ganz witzig, aber genauso oft denke ich dabei, ich bin echt im falschen Film. Warum soll ich das jetzt machen oder wollen, wer hat mir das vorzuschreiben, das hat doch mit mir null zu tun? („Hast du schon mal bei Liebeskummer im Bett gesessen und einen ganzen Becher Eis gegessen, weil du im TV gesehen hast, dass man das dann so macht?“ Äh, nein, bin ich bescheuert?)

Aus mir ist in diesem Leben keine Reisende geworden, aber als Kind habe ich mir schon gewünscht, die Welt zu sehen, das bedaure ich irgendwo, die Zeit ist fast rum, wo das easy geht. Aber so viel von diesem ganzen hippen Scheiß von den Listen passt einfach nicht auf mich und mein kuscheliges Leben. Ich bin weder wahnsinnig gut (und begeistert), was Heim, Küche und Familie angeht, noch im Job der finanzielle Überflieger, noch der Fashion-/Party-/Serienvictim mit dem großen Freundes- und Bekanntenkreis und dem ach so aufregenden Leben, mit dem andere ihre Blogs und Bücher füllen. Das ist das Gefährliche, was die Medien einem vorleben und die Twitter- und Instagram-Kultur nachlebt: Die Messlatte liegt hoch, und wenn es nicht klappt mit der coolen Selbstinszenierung, fühlt man sich wie der letzte Versager. Das passiert mir ab und an, manchmal fällt es mir gar nicht leicht, das zuzugeben.

Fakt ist für mich: Ich stehe am Rand, egal wovon. Das verbessert zwar den Überblick (finde ich), aber verschiebt die Prioritäten.

 

Gesagt …

Es geht hier nur um die Löffelliste, hallo, komm mal wieder runter! Deine wird also nicht in die Top 100 der angesagtesten Listen kommen, aber was sollte denn nun rauf?

Okay, okay. Ich unterteile mal in den Teil, den man mit Geld kaufen kann, und in den ohne, und ich fange mit letzterem an, der ist kürzer.

Klar, es gibt eine Menge Sachen, die ich noch erreichen möchte, die ich noch machen möchte, wo Geld nur die nachgeordnete Rolle spielt. Ich möchte zum Beispiel wieder fit genug werden, zu Fuß auf den Michelturm steigen zu können. 452 Stufen (83 Meter), ist (noch) nicht drin, ihr seht den Turm in der Ferne auf einem der Bilder, da gibt es eine Plattform oben über der Uhr (und einen Fahrstuhl). Tolle Aussicht übrigens auch von da.
Lebensträume, Ziele, es gibt dafür viele Worte. Eins ist aber sicher: Davon wird hier nichts stehen, das geht die Öffentlichkeit schlichtweg nichts an. Schreibe nichts im Internet, was du nicht auch auf einem Marktplatz erzählen würdest. Danke also, nein.
Zu gegebener Zeit vielleicht, wenn was konkret ist und ich den Blog noch habe. Dann komme ich vielleicht auch auf die Sache mit dem Apfelbäumchen in meiner Fasson zurück (ein Zitat, das definitiv nicht von Luther stammt).

Würde mir dagegen dieser berühmte Pott mit Gold in den Schoß fallen, würde ich schon gern reisen. Ostafrika ist tatsächlich ein alter Traum, auch Neuseeland (ja, Herr der Ringe, ich geb’s zu), den Westen von Kanada würde ich ebenfalls gern sehen, die USA sind inzwischen mit einem weinenden Auge dauerhaft von der Wunschliste gestrichen, Asien lockt mich nicht, die Südsee muss auch nicht sein und mit Kreuzfahrten kann man mich jagen (okay, da gäbe es bei genauem Nachdenken mindestens eine Ausnahme). Mein Europa hat auch noch jede Menge weiße Flecken.
Wird mein Alltag ohne Lottogewinn aber eher nicht hergeben, und nein, das ist keine selbsterfüllende Prophezeiung, das sagt ein nüchterner Blick auf mein Bankkonto. Denn bevor ich reisen kann, muss der Alltag stehen, und wenn ich für eine hypothetische Reise auf den Ausflug am Wochenende, den Restaurantbesuch mit Freunden, Klamotten oder Bücher verzichten muss, um zu sparen, ich greife jetzt einfach mal was raus, dann weiß ich, was ich wähle, und bedaure es nicht.

Dann gibt es das, was ich in meiner Löffellisten-Etüde als „kreative Unwesentlichkeiten“ benannt habe. Das sind die Sorte Wünsche, bei denen ich entzückt „Oh ja, wollte ich auch immer mal“ sage, die Wünsche, bei denen ich breit grinse, wenn ich daran denke, und wo mein Herzchen hüpft. Wichtig, klar, gut für die Farbe im Leben. Aber „unbedingt haben müssen“? UNBEDINGT?

Davon kann ich gern etwas teilen, die Reihenfolge ist keine Wertung:

  • Heißluftballon fahren
  • Tandemsprung Paragliden von irgendeinem Berg oder größerem Hügel
  • Käse selber machen
  • Einen Tag mit Greifvögeln verbringen
  • Bei „Voice of Germany“ im Publikum sitzen, gern bei den Blind Auditions
  • Zu Silvester um Mitternacht auf der Cap San Diego (siehe Bild) das Horn betätigen (wer jemals Silvester im Hamburger Hafen war, weiß, wovon ich spreche)
  • Einen Baum pflanzen und ihn über Jahre hinweg wachsen sehen, und zwar NICHT in meinem Vorgarten, ja, siehe oben, dürfte auch ein Apfelbaum sein, ich mag Äpfel …

Falls es wer bemerkt hat, ein zweites Tattoo steht NICHT auf der Liste. Jedenfalls nicht im Moment, ich schließe langfristig nichts aus.

 

… getan!

Es ging auch darum, von der Liste irgendwas abzuhaken. Was hast du nun davon schon gemacht?

Zur letzten Kategorie gehörte eindeutig auch die Feststellung, dass ich mal in die Elbphilharmonie muss, sehr low-level, das Ziel. Nicht zwangsläufig ins Konzert, wobei ich das bestimmt auch noch hinbekomme, aber wenigstens mal rein, nachdem ich das Teil während des Baus nach Kräften ignoriert habe, und mich jetzt erst so langsam an die prägende Silhouette ohne Baukräne gewöhne. Man sieht das Ding gefühlt wirklich von überall, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Über die Umstände, unter denen sie erbaut worden ist, Stichwort „Millionengrab“, rege ich mich dagegen immer noch auf.

In die Elbphilharmonie kann man auch so rein, nämlich in/auf die sogenannte Plaza (hier mehr darüber lesen), erreichbar mit Zugangskarte (um den Zulauf der Massen zu steuern) über die „Tube“ (Röhre), eine gebogene, lange Rolltreppe. Dort passiert zwar nicht sehr viel außer dem Elbphilharmonie-Shop und einem Café bzw. dem Restaurant (und Hotel) und den Aufgängen zum Großen und Kleinen Saal, also den eigentlichen Eingängen ins Konzerthaus, und den Aufzügen zu den Wohnungen, zum Hotel, dem Parkhaus etc., aber man kann dort ins Freie („Außenplaza“) und auf einem Drittel Höhe quasi einmal um die Elbphilharmonie herumgehen. De facto ist die Plaza eine Aussichtsplattform auf 37 Meter Höhe, nämlich an der Stelle, wo diese monströse Glas-Dingsda-Konstruktion auf den alten Kaispeicher A (Kakao, Kaffee, Tee) aufgesetzt worden ist. Deshalb stehen daneben auch (wieder) drei alte Schiffsentladekräne (Halbportalkräne), um zu zeigen, dass Hamburg die Geschichte des Ortes nicht vergessen hat *augenroll*.

Die Plaza ist schon sehr beeindruckend, aber sie hat den Charme eines neuen Bahnhofswartesaals, es herrscht Rauchverbot auch draußen auf der Außenplaza, es ist ein Eldorado für Fotografen, die Spiegelungen und Aussichten lieben, aber es zieht wie Sau, trotz dieser unglaublichen geschwungenen Glaswände. Mag bei Wärme ja ganz nett sein, ich spare mir jetzt aber weitere Ausführungen zum Thema Hamburg und Sommer. Die Aussicht jedenfalls ist zum Niederknien umwerfend, die Temperatur ist es ebenso, jedenfalls zurzeit *hust*.

Wer fotografiert, und ihr wisst, dass ich das tue, versteht, dass man da hoch MUSS. Ich habe also ein paar Außenaufnahmen, ein paar Innenaufnahmen und ein paar Aufnahmen von Blicken über Hamburg, gemacht von der Plaza, für euch. Wenn es wieder wärmer ist, gehe ich unbedingt noch mal hin. Ob der Kaffee taugt, weiß ich nämlich noch nicht; aber für die Schneekugel wäre ich mit EUR 29,90 dabei gewesen. Und jetzt kommt ihr.

 

Und die Moral von der Geschicht’? Ich für mich, ich weiß immer noch nicht, wofür für mich eine  Löffelliste dienlich sein soll. Was ich allerdings immer gut finde, ist, sich über seine Prioritäten im Klaren zu sein. So als Beitrag zu dem viel größeren und unendlich spannenden Thema „Erkenne dich selbst“. Wer bin ich, wer könnte ich vielleicht sein, was will ich (überhaupt, noch)? Sich dafür eine (Löffel-) Liste zu schreiben und sich auf diese Weise (von hinten durch die Brust ins Auge) auf die Spur zu kommen, tiefer in die eigene Seele einzutauchen, sich sich selbst und seinen Sehnsüchten, auch den enttäuschten, zu stellen, dafür ist so eine Liste nur eine Möglichkeit von vielen – und dann wiederum finde ich sie voll korrekt.

Tut mir leid, ist wohl ’n bisschen länger geworden. Schön, dass ihr alle noch da seid.  😉

 

 

 

 

 

Ode an die Freude?

Dass der G20-Gipfel für die Teilnehmer eine Ode an die Freude war/ist, wage ich zu bezweifeln, auch wenn Gastgeber Deutschland mit dem abendlichen Konzert in der Elbphilharmonie zweifellos angeben wollte. Kulturelles Ereignis und so, bestens geeignet für die, die mit dem Europagedanken der Europahymne eh auf Kriegsfuß stehen, hier bekommen sie ihn sie gleich noch mal mit Text!
Deswegen vermutlich auch die Entscheidung für Hamburg: tags wichtig-wichtige politische Arbeit, abends repräsentativ ausgehen ins teuerste/schickste (?) Konzerthaus, das die Republik zu bieten hat und sich hinterher ebendort zu einem kleinen Dinner versammeln. Nicht kleckern, sondern klotzen eben. Und mittendrin unser wichtig-wichtiger Bürgermeister, dem ja schon ein Zacken aus der Krone (mit Sicherheit ein finanzieller) gefallen ist, als sein Volk sich gegen die Olympiabewerbung entschieden ist. Hamburg, das ist jetzt die Strafe.

Für alle, die es mögen, ein Lied, das ich schon pfeife, seit ich weiß, dass Hamburg den Gipfel bekommt … habt einen guten Tag!

 

 

Ich mag die Stimme von Henning May. Und das Lied macht mich sehr nachdenklich.