Von Gedichten und dem Reimen

 

»Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich sind, gar vernichtet werden?«
»Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst enthalten und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in acht nehmen sollte.«

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 2. Buch, 2. Kap., Online-Quelle)

 

Ein Gedicht, dessen Lektüre nicht mit einem stillen, tiefen Einatmen endet, ist kein solches ersten Ranges.

(Carl Ludwig Schleich, aus: Erlebtes Erdachtes Erstrebtes, 1928, Online-Beleg)

 

Die Leute die den Reim für das Wichtigste in der Poesie halten, betrachten die Verse wie Ochsen-Käufer von hinten.

(Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), aus: Sudelbücher KS, KA141, Online-Quelle)

 

Man gibt über lyrischen Gedichten oft die Versart an
|— ◡◡ | — — — — | — ◡◡◡ |  pp.
Wenn man die Gedanken darin mit Eins und den Nonsense mit Null anzeigte, so würde es zuweilen so aussehn:
000 | 000 | 000
oder so.

(Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), aus: Sudelbücher J, J294, Online-Quelle)

 

* * *

 

Avant-propos

Ich kann mein Buch doch nennen, wie ich will
Und orthographisch nach Belieben schreiben!
Wer mich nicht lesen mag, der laß es bleiben.
Ich darf den Sau, das Klops, das Krokodil
Und jeden andern Gegenstand bedichten,

Darf ich doch ungestört daheim
Auch mein Bedürfnis, wie mir’s paßt, verrichten.
Was könnte mich zu Geist und reinem Reim,
Was zu Geschmack und zu Humor verpflichten? –
Bescheidenheit? – captatio – oho!

Und wer mich haßt, – – sie mögen mich nur hassen!
Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen
Sowie an den avant-propos.

(Joachim Ringelnatz, Avant-propos, aus: Kuttel-Daddeldu, 1924, Online-Quelle)

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tat’s um des Reimes willen.

(Christian Morgenstern, Das ästhetische Wiesel, aus: Galgenlieder, 1905, Online-Quelle)

Kritik

Hör mir nicht auf solch Geschwätze,
Liebes Herz, daß wir Poeten
Schon genug der Liebeslieder,
Ja zuviel gedichtet hätten.

Ach, es sind so kläglich wenig,
Denn ich zählte sie im stillen,
Kaum genug, dein Nadelbüchlein
Schicklich damit anzufüllen.

Lieder, die von Liebe reimen,
Kommen Tag für Tage wieder;
Doch wir zwei Verliebte sprechen:
Das sind keine Liebeslieder.

(Theodor Storm, Kritik, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich selbst schreibe keine Gedichte, und ich mag Reimereien selten. Aber ich habe großen Respekt vor allen, die sich daran versuchen und ihr ganzes Herz darein legen, dass es „gut“ wird, was auch immer sie unter „gut“ verstehen.

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Über Vertrauen

 

Ich setzte den Fuß in die Luft
und sie trug.

(Hilde Domin, Nur eine Rose als Stütze, 1959, Motto des zweiten Teils)

 

Kalender 2021 | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, wie immer. Klicken macht groß!

 

Wer länger bei mir liest, kennt vielleicht meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018, 2019, 2020). Jedes Jahr aufs Neue bastele ich aus eigenen Fotos ein Kalenderposter (eigenes Design, eigenes Kalendarium, alles handgeklöppelt), das im neuen Jahr meine und (meistens) eine Tür ausgewählter Mitmenschen verschönert. Aber selten hatte ich bisher so dringend das Gefühl, dass es nötig wäre, dass wir alle mit mehr Vertrauen, mehr Zuversicht (und mehr Gelassenheit) ins neue Jahr schauen und es um sein Wohlwollen bitten, und das hat sich auch in meinem Zitat niedergeschlagen.

Sollte ich irgendwem, der/die dies liest, kein gutes neues Jahr 2021 gewünscht haben, sei es hiermit nachgeholt und nicht weniger herzlich gemeint.

(Glaubt mal nicht, dass ich schon wach wäre …)

Coming up next: Sonntag gehen die regulären Etüden wieder los! Der Etüdenerfinder hat sich feine Wörter ausgedacht und ich habe die neuen Wortspender ausgelost und schicke demnächst die entsprechenden Mails herum – hoffentlich noch vor der ersten Schreibeinladung. Stay tuned! 😀

 

Tag 01 | 30 Days Book Challenge

 

01 Ein Buch aus Deiner Kindheit

Ich konnte lesen, als ich in die Schule kam, und zwar mehr als meinen Namen. Dennoch fällt es mir ein bisschen schwer, Bücher aus meiner „Kindheit“ aufzulisten, weil ich bei vielen absolut nicht mehr sicher bin, wann sie bei mir eingezogen sind.

Eins aber, von dem ich das aber ziemlich sicher weiß, ist „Die großen Abenteuer des kleinen Ferdinand“ von Ondřej Sekora. Ich besitze die DDR-Ausgabe, meine Großeltern väterlicherseits, die damals beide noch lebten, hatten sie mir anlässlich eines Sommerbesuchs dort geschenkt. Das Buch ist auf Deutsch 1971 erschienen und trägt statt einer ISBN nur den Vermerk „© der deutschen Ausgabe ALBATROS, Praha 1971“. Gefühlt kommt das hin.
Ich sehe mich neben dem Kachelofen in der winzigen Wohnung meiner anderen Großmutter sitzen und lesen und den Gesprächen der Erwachsenen bestenfalls desinteressiert folgen, und höre meinen Großvater fragen, was denn „das Kind“ da tue, worauf meine Großmutter ihn informiert: „Hermann, sie liest das Buch, das du ihr mitgebracht hast!“

Ferdinand ist eine Ameise, ich habe das Buch sehr geliebt und daher nicht weggegeben, aber ich erinnere mich überhaupt nicht mehr an den Inhalt.

Hier ist ein Wikipedia-Eintrag zum Autor.

Mit Dank an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben stammen, und Frau Vro, bei der ich über die Challenge gestolpert bin.

 

Tag 01 | 30 Days Book Challenge | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Über Hoffnung

 

Die Hoffnung ist der Regenbogen über den herabstürzenden jähen Bach des Lebens.
(Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 1876 bis Sommer 1877, 23[119], Online-Quelle)

 

Kalender 2020 | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst, aber so was von!

 

Wer regelmäßig bei mir mitliest, kennt meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018, 2019). Jedes Jahr aufs Neue entsteht vor Weihnachten in mühevoller (aber geliebter) Kleinarbeit ein Kalenderposter, das im folgenden Jahr meine und (meist) die Türen weniger ausgewählter Mitmenschen verschönert. Auch das abgelaufene Jahr machte da keine Ausnahme. Wie im letzten Jahr bereits ist die Kalenderkachel weiß geblieben, weiß macht alles gefühlt bisschen leichter, vielleicht brauche ich das gerade.

Sollte ich irgendwem, der/die dies liest, bisher kein frohes gutes neues Jahr 2020 gewünscht haben, sei dies hiermit nachgeholt und nicht weniger herzlich gemeint.
Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen und habt die Zeit der Festlichkeiten einigermaßen unversehrt überstanden.

Glaubt mal nicht, dass ich schon wach wäre, dies ist ein vorgeplanter Beitrag.

Coming up next: Sonntag gehen die regulären Etüden wieder los, ich wollte es nur mal erwähnt haben.

 

Menschliches und Frühlingsanfang

 

Letzter Versuch.

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in’s Wasser gesprungen:
Sie erwischten mich bei den Füßen.
Ich habe die Adern geöffnet mir:
Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
Weich hat der Sand mich gebettet.
Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
Woran man sonst kann verderben –
Nun werd’ ich wieder zu leben versuchen:
Vielleicht kann ich dann sterben.

(Ada Christen, Letzter Versuch, aus: Lieder einer Verlorenen, 1868, Online-Quelle)

 

DIE VERSUCHUNG

Nein, es half nicht, daß er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
alle seine trächtigen Sinne warfen
unter kreißendem Gekreisch

Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.

Und schon hatten seine Sinne Enkel;
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.
Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
seine Hände griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht —.

Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
Und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,

daß er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jäsen destillier.

(Rainer Maria Rilke, Die Versuchung, aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1918, Online-Quelle)

 

…ALS EINE REIHE VON GUTEN TAGEN

Wir wollen uns wieder mal zanken,
Auf etwas hacken wie Raben,
Daß unsre zufriednen Gedanken
Eine Ablenkung haben.

Wir wollen irgendein harmloses Wort
Entstellen,
Dann uns verleumden und zum Tort
Etwas tun; das schlägt dann Wellen.

Wir wollen dritte aufzuhetzen
Versuchen,
Dann unsere Freundschaft verfluchen,
Einmal sogar ein Messer wetzen,
Dann aber uns – in Blickweite –
Auseinander zusammensetzen,
Um superior jedem weiteren Streite
Auszuweichen;
Mit dem Schwur beiseite:
Uns nimmermehr zu vergleichen.

Dann wollen wir, jeder mit Ungeduld,
Ein paar Nächte schlecht träumen,
Dann heimlich eine gewisse Schuld
Dem anderen einräumen,
Dann lächeln, dann seufzen, dann stöhnen,
Dann plözlich uns gründlich bezechen,
Dann von dem vergänglichen, wunderschönen
Leben sprechen.

Und dann uns wieder einmal versöhnen.

(Joachim Ringelnatz, …als eine Reihe von guten Tagen, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

 

Der Lenz ist da!

Das Lenzsymptom zeigt sich zuerst beim Hunde,
dann im Kalender und dann in der Luft,
und endlich hüllt auch Fräulein Adelgunde
sich in die frischgewaschene Frühlingskluft.

Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze?
Ist er denn nicht das ganze Jahr in Brunst?
Doch seine Triebe kennen keine Grenze –
dies Uhrwerk hat der liebe Gott verhunzt.

Der Vorgang ist in jedem Jahr derselbe:
man schwelgt, wo man nur züchtig beten sollt,
und man zerdrückt dem Heiligtum das gelbe
geblümte Kleid – ja, hat das Gott gewollt?

Die ganze Fauna treibt es immer wieder:
Da ist ein Spitz und eine Pudelmaid –
die feine Dame senkt die Augenlider,
der Arbeitsmann hingegen scheint voll Neid.

Durch rauh Gebrüll läßt sich das Paar nicht stören,
ein Fußtritt trifft den armen Romeo –
mich deucht, hier sollten zwei sich nicht gehören …
Und das geht alle, alle Jahre so.

Komm, Mutter, reich mir meine Mandoline,
stell mir den Kaffee auf den Küchentritt. –
Schon dröhnt mein Baß: Sabine, bine, bine …
Was will man tun? Man macht es schließlich mit.

(Kurt Tucholsky/Theobald Tiger, Der Lenz ist da!, in: Die Schaubühne, 26.03.1914, Nr. 13, S. 371; Online-Quelle)

 

Im Gespräch | 365tageasatzadayQuelle: Photo by Fred Mouniguet on Unsplash

 

Ich habe mich, wie ihr möglicherweise auch, gefragt, was dieses „Jäsen“ ist (Rilke, letzte Zeile). Die Auflösung findet sich im „Frühneuhochdeutschen Wörterbuch“, dort steht unter „jäsen“: ›sich zersetzen, sich in Gärung befinden, aufschäumen (von Flüssigkeiten)‹; ütr. ›brausen, aufwallen (von Gefühlen)‹. (Online-Quelle)

Kommt gut in die neue Woche, mit Sturm, Regen oder Sonne, und feiert den Frühlingsanfang!

 

Über Poesie

Poesie ist die Erfahrung dessen, was die Wörter überschreitet.
(Yves Bonnefoy, Klappentext zu „Die gebogenen Planken„, Klett-Cotta, Stuttgart 2004, Quelle)

Quelle: ichmeinerselbst, aber sowas von

 

Wer hier schon länger ein bisschen mitliest, kennt meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018). Jedes Jahr aufs Neue handklöppele ich mir ein Kalenderposter, das dann meine und (meist) die Türen weniger ausgewählter Mitmenschen verschönert. Auch dieses Jahr ist keine Ausnahme. Neu war dieses Jahr, dass ich die Kalenderkachel von der schwarzen Grundfarbe auf Weiß umgestellt habe, erst dann war mir alles ruhig genug. Ja, nett, aber viel Arbeit, denn auch (gerade!) für die Kalenderkachel schiebe ich jedes Pixel einzeln über den Bildschirm.

Sollte ich irgendwem, der/die dies liest, noch kein frohes neues gutes Jahr 2019 gewünscht haben, sei dies hiermit nachgeholt. Ich führe nämlich diesbezüglich keine Strichlisten 😉
Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen. Denn man tau, wie sie hier oben sagen!

 

Vom Herbst und der Farbe

 

Komm in den totgesagten park und schau

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade
Dort nimm das tiefe gelb das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz
Vergiss auch diese letzen astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

(Stefan George, Komm in den totgesagten park und schau, aus: Das Jahr der Seele, 1897, Infos bei Wikipedia, Online-Quelle)

 

Herbstgefühl

Müder Glanz der Sonne!
Blasses Himmelblau!
Von verklungner Wonne
Träumet still die Au.

An der letzten Rose
Löset lebenssatt
Sich das letzte, lose,
Bleiche Blumenblatt!

Goldenes Entfärben
Schleicht sich durch den Hain;
Auch Vergehn und Sterben
Deucht mir süß zu sein.

(Friedrich Karl von Gerok, Herbstgefühl, 1860, Online-Quelle)

 

Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle.
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

(Georg Trakl, Der Herbst des Einsamen, 1915, Online-Quelle)

 

Herbstwald | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ja, ich bin wieder zurück. Irgendwann heute schaue ich bei euch vorbei, es war gestern/letzte Woche nur alles bisschen viel.
Kommt ihr unterdessen gut in die neue Woche!

 

Im Affenhaus

Letzte Woche hatten wir in den Etüden den „Affenkasten“. Ich habe, wie viele andere vermutlich auch, zuerst an Zoos gedacht, die ich nicht (mehr) so besonders mag. Und dann hat Natalie aus dem Fundevogelnest ein altes Gedicht dazu nachgereicht, das ich einfach nur großartig finde. Aber lest selbst!

Fundevogelnest

Zur letztwöchigen  Etüdenrunde mit dergls Wortspende, die das Wort Affenkasten enthielt, schrieb  Myriade eine Geschichte über eine malende Orang-Utan-Frau, die in mir viel zum Klingen brachte.

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Regen und Sommer

 

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.

Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

(Max Dauthendey, Der Regen schlägt das Haus mit Ruten, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 255/256)

 

Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald –
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn –
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

(Christian Morgenstern, Von den heimlichen Rosen, aus: Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin, 1900, Online-Quelle)

 

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen
geht sie zum Himmel der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber welche nichts gefunden
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …

(Rainer Maria Rilke, Einsamkeit, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 2, S. 47, 1906, Online-Quelle)

 

Wann immer ich dieses Gedicht lese, habe ich die Stimme von Katharina Franck im Ohr. Da sich das zu einem Dauerzustand auswächst (interessant!), möchte ich euch das dazugehörige Video ans Herz legen: Klickt bitte hier für den Link zu YouTube.

Draußen ist in den letzten beiden Tagen doch erfreulicherweise recht viel Regen gefallen, zum Glück ohne größere Flurschäden anzurichten. Daher habe ich die Abkühlung genossen und gern unter dem rauschenden Regen geschlafen … bis ein gewisser Herr Fellträger verkündete, ER sei jetzt nass und hungrig, ob ich wirklich gewillt sei, damit zu leben, dass er unglücklich sei … undsoweiter 🙂

Kommt gut in die neue Woche!

 

Quelle: ichmeinerselbst; Klick macht groß!

 

Die Hochzeit der Seele mit der Natur

Die Hochzeit der Seele mit der Natur macht den Verstand fruchtbar und erzeugt die Phantasie.

(Henry David Thoreau, Journal 4:3–6 (21.08.1851), Quelle Original)

Kalender 2018 | 365tageasatzadayQuelle: Ichmeinerselbst, aber sowas von

 

In den letzten Tagen habe ich ziemlich exzessiv mit Weihnachts- und Neujahrswünschen um mich geworfen und ich hoffe sehr, dass ihr alle welche abbekommen habt, wenn ihr wolltet. Sollte das nicht eingetreten sein: Sorry, ich habe nach dem 50. Weihnachts- und dem gefühlt 100. Silvester- und Neujahrswunsch den Überblick verloren und war eh mehr online, als ich eigentlich wollte. Es war also bestimmt keine böse Absicht. Fühlt euch geherzt und Gutes gewünscht.

Was obiges Zitat jetzt mit dem Ganzen zu tun hat? Nun, es prangt auf dem abgebildeten Kalenderposter, genauer gesagt in der Mitte der Kalenderkachel, was man nur sieht, wenn mans weiß, zugegeben  😉
Dieses von mir höchstselbst fotografierte und handgeklöppelte Kalenderposter (ich begrüße jedes Jahr fast jedes Pixel persönlich) verschönert auch dieses Jahr eine meiner Türen und ebenso bei einem kleinen Kreis ausgewählter Mitmenschen, deren Begeisterung dafür mich sehr freut.

Abgesehen davon finde ich das Zitat einfach gut.

Kommt also gut in die erste (Arbeits-) Woche des neuen Jahres!

 

Du machst mich traurig – hör

Du machst mich traurig – hör
(Hans Adalbert)

Bin so müde.
Alle Nächte trag ich auf dem Rücken
Auch deine Nacht,
Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?
Ich blies dir arge Wolken von der Stirn
Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

(Else Lasker-Schüler, 1917, Quelle)

 

 

(Zum Innehalten. Kein spezieller Anlass. Oder zu viele.
Einfach nur … so.)

 

Regen weit und breit

Da draußen regnet es weit und breit.
Es regnet graugraue Verlassenheit.
Es plaudern tausend flüsternde Zungen.
Es regnet tausend Erinnerungen.
Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht.
Die Seele gern dem Regen lauscht.

Der Regen hält dich im Haus gefangen.
Die Seele ist hinter ihm hergegangen.
Die Insichgekehrte ist still erwacht,
Im Regen sie weiteste Wege macht.
Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster,
Empfängst den Besuch der Regengespenster.

(Max Dauthendey, Regen weit und breit, aus: Gesammelte Werke, Bd. 2 „Aus fernen Ländern“, S. 588/589, Albert Langen, München 1925)

 

Was habe ich euch die Ohren vollgeheult mit „meinem“ Regengedicht des Herrn Maximilian (Max) Dauthendey und dessen online nicht vorhandener Quelle! Gut, ich habe dadurch einen Dichter für mich entdeckt, und zwar wesentlich tiefer, als ich es sonst getan hätte, das gebe ich gern zu und darüber bin ich froh. Um so mehr freut es mich jetzt, dass mir gestern Bernd (redskiesoverparadise.wordpress.com, der wohl einfach klüger gesucht hat als ich) den Tipp zukommen ließ, wo es steht: in den Gesammelten Werken (was ich annahm/hoffte), in den Tagebüchern (was ich inzwischen, nachdem ich den Gedichtband durchgeschaut hatte, ebenfalls annahm/hoffte, aber nicht wusste, wie die hießen, geschweige denn, dass selbige online als Text zu finden gewesen wären, nein, so einfach ist das mit dem Dauthendey dann doch wieder nicht).

Gesagt, getan, ich bat also meine großartige Freundin, die in einer Universitätsbibliothek arbeitet, die eine Ausgabe der „Gesammelten Werke“ besitzt, um Mithilfe, und schon nachmittags hatte ich einen Scan der fraglichen Seiten in der Mail. Yes! Strike!

 

Dauthendey Regen weit und breit | 365tageasatzadayDas Zusammenschnipseln habe ich besorgt, das Gedicht geht tatsächlich über einen Seitenumbruch. Hach, ich bin so glücklich! Vielen, vielen Dank euch beiden!!!

Und da der Herr Max Dauthendey so einige bemerkenswert schöne Regengedichte verfasst hat (wie ich finde), und da er HEUTE seinen 150. Geburtstag feiern würde (hier ist ein sehr lesenswerter Link zu seinem Wikipedia-Eintrag) und es hier (und wohl auch bei einigen von euch) regnet, hier ein weiteres Regengedicht.

 

Der Regen wandert über den Fluß

Der Regen wandert über den Fluß
Und Wasser durchs Wasser waten muß.
Es ist als schwimmen die Ufer fort,
So triefend stehen die Berge dort.
Und Regen und Fluß durchs Land hingehen
Und können ihr eigenes Ende nicht sehen.
So wanderten Sehnsucht und Blut oft zusammen
Und alle Ufer überschwammen.

(Max Dauthendey, Der Regen wandert über den Fluß, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbstvollStolz

 

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