Über Träume | abc.etüden

Heute war der große Tag, an dem er 13 wurde, und heute würde ES passieren, er war so aufgeregt! Mit seiner Mutter ging Lukas auf den Korb des Heißluftballons zu, wo die anderen Passagiere schon warteten.

Der Mann stellte sein Stativ in einiger Entfernung auf, befestigte mit geübten Handgriffen die schwere Kamera mit dem dicken Tele und fluchte, weil sich ein Bein in den unbefestigten Boden bohrte. Egal, Fotos und ein kleiner Film waren das Mindeste, was er tun konnte, er würde es durchziehen, sein eigener Kindheitstraum war genau das, ein Traum, jetzt ging es um seinen Sohn, der vor Aufregung bestimmt die letzten drei Nächte nicht geschlafen hatte und diesem Sonnenaufgang entgegenfieberte, seit sie ihm gesagt hatten, was er zum Geburtstag bekommen würde. Natürlich hatte Lukas dann alles über Heißluftballons und Wetterbedingungen in sich aufgesaugt; er war in seinem Alter nicht anders gewesen.
Ach, so gern wäre er jetzt mit ihm in diesen Korb geklettert, aber er brauchte gar nicht damit anzufangen, irgendwelchem Stress in seiner gescheiterten Ehe nachzuspüren und die Schuld zu geben, er hatte schlicht und ergreifend schon immer diese verdammte Höhenangst, die so schlimm war, dass ihm sogar auf jeder Leiter schlecht wurde.
Und er hatte es vor Lukas nicht zugeben wollen, hatte aus abergläubischer Angst, ihn mit seinem Makel „anzustecken“, einfach geschwiegen. Später am Tag, wenn alles gut gegangen war, würde er ein Vater-Sohn-Gespräch mit ihm führen, das schuldete er ihm.

Als der Ballon majestätisch über seinen Kopf hinwegschwebte, entdeckte Lukas ihn und fiel vor Winken und Rufen fast aus dem Korb. Er war zum Glück zu weit oben und zu begeistert, als dass er gesehen hätte, dass seinem Vater dicke Tränen über die Wangen rannen.

 

lz abc.etueden schreibeinladung 2 visitenkartemyblog 30.17 | 365tageasatzadayVisuals: lz. (ludwigzeidler.de)

 

Ich hätte da zum Thema Träume und nicht errungene Sehnsüchte noch einen Gedichtlink: Isolde Kurz, „Über ein Glück“.

Und dank des Kommentars von Frau dergl (s. u.) gibt es auch ein Lied zum Tag: Wolfsheim, Kein Zurück

 

Für die abc.etüden, Woche 30.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Anna-Lena (visitenkartemyblog.wordpress.com) und lauten: Stativ, Kindheitstraum, nachspüren.

 

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32 Kommentare zu “Über Träume | abc.etüden

      • Genau das hatte ich als ich den Satz schrieb auch im Kopf. Ich wollte es nur nicht sagen, weil ich irgendwie eine dunkle Erinnerung habe (kann falsch sein und ich das verwechseln), dass du mal gesagt hast, du mögest die nicht so, von daher war mir nicht klar ob dir der Titel sofort was gesagt hätte. Nun gut von diesen späten waren einige in den Charts und im Radio, aber das ist ja nun auch schon etwas länger her.

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        • Du hast absolut recht. Ich mag von denen (so weit ich mich erinnere) auch nur das, und von „kennen“ kann keine Rede sein. Vermutlich habe ich es wirklich aus dem Radio. Aber macht ja nichts, wenn es sich bei mir so tief eingräbt, ist mir (fast) egal, von wem es stammt.

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  1. Liebe Christiane, ich mag den Vater sehr, der zu sich steht und doch seinem Sohn nicht verwehrt, was er sich sehnlichst wünscht. Klug, dass er erst später mit ihm über seins sprechen will- Dass er weinen kann, spricht auch für ihn!
    Ich selbst würde mich auch nicht trauen, aber ich schaue gerne in den Himmel und träume…
    herzliche Grüße
    Ulli

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    • Ich will noch. Immer noch. Aber irgendwie …
      Ja, ich mag den Vater auch sehr (welch Wunder), der mit der Situation eigentlich schlecht kann, aber die Träume seines Sohnes über seine eigene Befindlichkeit setzt.
      Liebe Grüße aus dem Regen
      Christiane

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        • Hm. Die Frage stürzt mich bisschen in Verwirrung. Ich hatte einen liebevollen, stressanfälligen Vater, der konsequenterweise leider viel zu früh gestorben ist. Darüber hinaus eher nein, was Väter angeht. Was ich ganz ausgeprägt habe, ist ein „Kriegsenkel“-Thema (meine Eltern waren schon ziemlich alt, als sie mich bekamen, was bei mir dazu führte, dass ich immer das Gefühl hatte, ich müsste eigentlich 10 Jahre älter sein), was mir aber erst langsam bewusst wird.

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  2. Pingback: Männergespräch | abc.etüden | Irgendwas ist immer

Ja, eben. Und du so?

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