Von Tierischem

Giraffen im Zoo

Wenn sich die Giraffen recken,
Hochlaub sucht die spitze Zunge,
Das ihnen so schmeckt, wie junge
Frühkartoffeln mit Butter mir schmecken.

Hohe Hälse. Ihre Flecken
Sehen aus wie schön gerostet.
Ihre langsame und weiche
Rührend warme Schnautze kostet
Von dem Heu, das ich nun reiche.

Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten,
Sucht nach wild vertrauten Tönen.

Da sie von uns weiter schreiten,
Träumt in ihren stillen, schönen
Augen etwas, was erschüttert,

Hoheit. So, als ob sie wüßten,
Daß nicht Menschen, sondern daß ein
Schicksal sie jetzt anders füttert.

(Joachim Ringelnatz, Giraffen im Zoo, aus: 103 Gedichte, 1933, Online-Quelle)

Der Igel

Der Löwe saß auf seinem Thron von Knochen
Und sann auf Sklaverey und Tod.
Ein Igel kam ihm in den Weg gekrochen;
Ha! Wurm! so brüllte der Despot,
Und hielt ihn zwischen seinen Klauen,
Mit einem Schluck verschling ich dich!
Der Igel sprach: verschlingen kannst du mich:
Allein du kannst mich nicht verdauen.

(Gottlieb Konrad Pfeffel, Der Igel, aus: Poetische Versuche, Zweyter Theil, Erstes Buch, entstanden 1780, Online-Quelle)

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
»Ich bin des Weltalls dunkler Raum.«
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.
Das Mondschaf.

(Christian Morgenstern, Das Mondschaf, aus: Galgenlieder, 1905, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Okay, wer die Etüden verfolgt, den wird das Thema dieser Woche jetzt nicht so wirklich wundern, und auch nicht, dass ich unbedingt schauen musste, ob es nicht doch ein Giraffengedicht von namhaften Dichtern gibt. Dass ich allerdings noch NIE die Gelegenheit gefunden habe, das Mondschaf zu zitieren, hat mich dann allerdings doch sehr gewundert. Und mit Nummer drei habe ich mich schlussendlich erwartungsgemäß schwergetan – da etwas zu finden, war nicht einfach.

Wie immer: Kommt alle gut und heil in und durch die neue Woche!


Von Ostern

Am H. Oster-Tage

Auff den 12. Psalm

Bewahr mich Herr, thu mir zu Rettung kommen.

Fegt ab von euch den Sauerteig der Erden,
Den Sauerteig der alten bösen Zeit,
Auff daß ihr so ein neuer Teig mögt werden,
Als wie ihr dann auch ungesäuert seyd.

Das Osterlamb, das Opffer, so wir haben,
Ist Christus selbst, geschlachtet für die Welt,
Drumb lasset uns die Seele mit ihm laben,
Laßt uns auch sein den Teig, der ihm gefelt.

Damit ihr mögt die neuen Ostern halten,
So seyd auch neu und werdet nach der Zeit
Ein neuer Teig, nemt für den sauern alten,
Den süssen Teig der Lieb und Lauterkeit.

(Martin Opitz, Am H. Oster-Tage, aus: Die Episteln der Sontage und fürnembsten Fest deß gantzen Jahrs, 1628, Online-Quelle)

Ewige Ostern

Als sie warfen Gott in Banden,
Als sie ihn ans Kreuz geschlagen,
Ist der Herr nach dreien Tagen
Auferstanden.

Felder dorren. Nebel feuchten.
Wie auch hart der Winter wüte:
Einst wird wieder Blüt’ bei Blüte
Leuchten.

Ganz Europa brach in Trümmer,
Und an Deutschland frißt der Geier, –
Doch der Frigga heiliger Schleier
Weht noch immer.

Leben, Liebe, Lenz und Lieder:
Mit der Erde mag’s vergehen.
Auf dem nächsten Sterne sehen
Wir uns wieder.

(Klabund, Ewige Ostern, aus: Die Harfenjule, Berlin 1927, Online-Quelle)

[Andre haben andre Schwingen]

Andre haben andre Schwingen,
Aber wir, mein fröhlich Herz,
Wollen grad hinauf uns singen,
Aus dem Frühling himmelwärts!

(Joseph von Eichendorff, Andre haben andre Schwingen, in: VI. Geistliche Gedichte, aus: Gedichte, 1841, Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Ich bin nicht fröhlich, daher tue ich mich gerade schwer mit unbeschwerten Gedichten. Andererseits: Lachen hilft. Das Herz aufwärmen hilft. Die Füße in die Erde graben und den Kopf in den Nacken legen hilft. Wenigstens kurz.
Die Balance ist schwierig.

Euch allen schöne Rest-Ostern, und kommt gut und in durch die neue Woche!


Von Phantasie

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange das,
was du willst – und nachher kriegst dus nie …
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie –!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt …
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah … beinah …
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!
(Theobald Tiger (Kurt Tucholsky), Ideal und Wirklichkeit, in: Die Schaubühne, 05.11.1929, Nr. 45, S. 710, Online-Quelle)

Nach dem Gewitter

Der Blitz hat mich getroffen.
Mein stählerner, linker Manschettenknopf
Ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf
Summt es, als wäre ich besoffen.

Der Doktor Berninger äußerte sich
Darüber sehr ungezogen:
Das mit dem Summen wär’ typisch für mich,
Das mit dem Blitz wär’ erlogen.

(Joachim Ringelnatz, Nach dem Gewitter, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Zauberschwestern

Zwiefach sind die Phantasien,
Sind ein Zauberschwesternpaar,
Sie erscheinen, singen, fliehen
Wesenlos und wunderbar.

Eine ist die himmelblaue,
Die uns froh entgegenlacht;
Doch die andre ist die graue,
Welche angst und bange macht.

Jene singt von lauter Rosen,
Singt von Liebe und Genuß;
Diese stürzt den Hoffnungslosen
Von der Brücke in den Fluß.

(Wilhelm Busch, Zauberschwestern, aus: Zu guter Letzt, 1904, Online-Quelle)

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt

Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.

(Christian Morgenstern, Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt, aus: Galgenlieder (erw. Ausgabe 1932), Online-Quelle)


Quelle: Pixabay


Es ist mir völlig egal, dass man „Phantasie“ inzwischen mit F schreibt. Zu der Zeit, als diese Gedichte entstanden, war dem jedenfalls noch nicht so.

Kommt jedenfalls bitte gut und heil und gesund in und durch die Woche!


Von Angsthaben und Hoffnung

Angst

Wald und Flur liegt tot in Schutt und Scherben.
Himmel klebt an Städten wie ein Gas.
Alle Menschen müssen sterben.
Glück und Glas, wie bald bricht das.

Stunden rinnen matt wie trübe Flüsse
Durch der Stuben parfümierten Sumpf.
Spürst du die Pistolenschüsse –
Ist der Kopf noch auf dem Rumpf.

(Alfred Lichtenstein, Angst, Erstdruck in: Die Aktion (Berlin), Nr. 27, 1913, Online-Quelle)

Angst packt mich an

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben!

(Erich Mühsam, Angst packt mich an, aus: Die Wüste. 1898–1903, Online-Quelle)

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet Wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

(Manfred Kyber, Der Wächter der Lampe, aus: Genius Astri, 1918, Online-Quelle)

Lied vor Tag

Was bewegt dich, stiller Himmel?
Was beschwingt die schweren Wolken?
Herz, wie kommt die helle Höhe
übers tiefgraue Meer?

Durch die Wolken schwebt ein Vogel,
schwebt vorbei mit hellen Flügeln,
trägt die goldne Morgenröte
übers tiefgraue Meer.

Komm zurück, du goldner Vogel!
Nimm mich hoch in deine Höhe!
Trag mein Herz, du helle Hoffnung,
übers tiefgraue Meer!

(Richard Dehmel, Lied vor Tag, aus: Weib und Welt, Ein Buch Gedichte, Vierte Ausgabe, 1913, Online-Quelle)


Quelle: Bild von dokumol auf Pixabay


Wie jede Woche: Passt auf euch auf und kommt gut und heil in und durch die neue Woche!


Von Menschlichkeit

Menschlichkeit

»Der grausamste Krieg – der menschlichste Krieg!
Zum Frieden führt er durch raschesten Sieg.«
Kaum hört’s der Gegner, denkt er: »Hallo!
Natürlich wüt’ ich dann ebenso!«
Nun treiben die beiden Wüteriche
Die Grausamkeit ins Ungeheuerliche
Und suchen durch das grausamste Wüten
Sich gegenseitig zu überbieten –
Jeder gegen den andern bewehrt
Durch zehn Millionen Leute,
Und wenn sie noch nicht aufgehört,
Dann wüten sie noch heute.

(Frank Wedekind, Menschlichkeit, Text für die »Elf Scharfrichter« (Wikipedia), 1901/02, Nachweis, Online-Quelle)

Dodona

Von Aegyptens Pyramiden
Bis zu Delphis Priesterin,
Bis zu Ganges’ Tempelfrieden
Herrsche einer Lehre Sinn:
Trost zu spenden, Schmerz zu lindern,
Licht zu wecken weit und breit,
Freiheit allen Erdenkindern,
Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.

(Hermann Lingg, Dodona (letzte Strophe), aus: Gedichte, Dritte vermehrte Auflage, 1857, Online-Quelle)

Nur liebend ist dein Herz ein Herz

Was ist die Welt, wenn sie mit dir
Durch Liebe nicht verbunden?
Was ist die Welt, wenn du in ihr
Nicht Liebe hast gefunden?

Verklage nicht in deinem Schmerz
Des Herzens schönste Triebe!
Nur liebend ist dein Herz ein Herz,
Was ist es ohne Liebe?

Wenn du die Liebe nicht gewannst,
Wie kannst du es ermessen,
Ob du ein Glück gewinnen kannst,
Ob du ein Glück besessen?

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Nur liebend ist dein Herz ein Herz, aus: Gedichte, 9. Auflage, Berlin 1887, Online-Quelle)

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Gedichte zu einem bestimmten Thema zu finden ist eins. Bei Weitem mehr zeitlichen Aufwand treibe ich mit der korrekten Quellenangabe, der ich mich mit Begeisterung und Angriffslust verschreibe: Mal sehen, ob sich dazu etwas finden lässt.

Daher danke ich für die Suchanlässe nicht nur Ulli, die den Lingg retweetet hatte, und wobei ich ganz besonders gebauchklatscht bin, dass ich herausgefunden habe, dass das eine letzte Strophe ist, sondern auch Karin, von deren Blog (privat) nicht nur der Hoffmann von Fallersleben stammt, sondern auch diese wunderbar sanfte Coverversion von Sting mit Fragile, auf der er selbst zu hören ist. Meine Empfehlung, wenn ihr Zeit habt.

Ansonsten gelten für mich gerade Brechts Zeilen aus den »Nachgeborenen«: Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Dennoch geht die Sonne auf und unter und scheint »über Gerechte und Ungerechte«, wie es so schön heißt. Die Blumen blühen, die Vögel singen, wer bin ich, das nicht zu würdigen, gerade ich? Es tut mir gut, auch wenn ich mich sprachlos fühle und es den Riss nicht heilt.

Passt auf euch auf und kommt gut in und durch die Woche.

 

 

Vom Menschen

Der Mensch.

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Thränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält Nichts und Alles wahr;
Erbauet und zerstöret,
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret,
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

(Matthias Claudius, Der Mensch, aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil, 1782, Online-Quelle)

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
Ein kleines Hirn und ein großer Mund,
Und eine Seele – daß Gott erbarme! –.

Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
Muß essen und feilschen und Karren lenken,
Muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
Muß hoffen und muß sein Glück verpassen
Und leiden wie ein geschundner Hund.

(Erich Mühsam, Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme, aus: Wolken, 1909–1913, Online-Quelle)

Gebet an die Menschen

Ich geh in den Tagen
Wie ein Dieb.
Und niemand hört
Mein Herz zu sich klagen.

Habt, bitte, Erbarmen.
Habt mich lieb.
Ich hasse euch.
Ich will euch umarmen.

(Alfred Lichtenstein, Gebet an die Menschen, Erstdruck in: Die Aktion (Berlin), 1913, Online-Quelle)

Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.

(Friedrich Nietzsche, Ecce homo, aus: Die fröhliche Wissenschaft, Erstdruck 1882, Online-Quelle)

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

(Rainer Maria Rilke, Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt, aus: Erste Gedichte/Advent, 1898, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Auch wenn ich meine Worte seltsam dürr finde, sind sie so gemeint: Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Vom Herz des Krieges

Loretto

Einen Tag lang in Stille untergehen!
Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen
und die Hände fallen lassen
und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:
Einen Tag lang nicht töten.

(Edlef Köppen, Loretto, in: Die Aktion, 1915, Online-Quelle)

(Infos zu Edlef Köppen: hier und hier; „Loretto“ ist ein Kriegsschauplatz an der Westfront im Ersten Weltkrieg: hier (Wikipedia))

An die Nachgeborenen

Ich darf den Herrn Bertolt Brecht noch nicht zitieren (wegen Urheberrecht), also verweise ich auf die, die es dürfen. Auf diesem Portal – Lyrikline.org – finden sich auch ukrainische (und russische) Dichter*innen; es ist mehr als beachtenswert (1504 Dichter*innen, 88 Sprachen).

Zu Brecht, dessen Gedicht „An die Nachgeborenen“ ich über die Jahre wieder und wieder gelesen habe (es begleitet mich wirklich seit meiner Jugend), bitte hier entlang: Hier klicken.


Zum guten Schluss ein bisschen Musik gefällig? Die meisten von euch werden das Lied kennen, es ist von 1981, aber nicht diese Version. Es ist immer noch erschreckend wahr.

Udo Lindenberg feat. Joan Baez: Wozu sind Kriege da?



 

Quelle: Pixabay

 

Das Herz des Krieges sind immer die Menschen, über die die Kriege Leid bringen und die darin zerrieben werden. Warum erinnern sich Politiker ud Mächtige (egal wo) anscheinend nicht, dass sie auch (nur) Menschen sind?
Last but not least: Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

Von Übergängen

Alles ist nur Übergang

Alles ist nur Übergang.
Merke wohl die ernsten Worte:
Von der Stunde, von dem Orte
Treibt dich eingepflanzter Drang.
Tod ist Leben, Sterben Pforte.
Alles ist nur Übergang.

(Wiener Brückeninschrift (angeblich), Verfasser unbekannt, Online-Quelle (siehe unter Depeschen))

Februarmorgen

Bleiche Morgenhelle,
Drin der Vogel singt,
Deren Frühlingswelle
Land der Nacht verschlingt –

Früh’ um Frühe eher
Weckt dein Lerchenschlag,
Und der Spätaufsteher
Tritt in lichten Tag.

(Christian Morgenstern, Februarmorgen, aus: Vorfrühling, in: Einkehr, 1910, Online-Quelle)

Amsel singt im Himmelssaal

Amsel singt im Himmelssaal.
Eine kahle Pappelspitze
Wählte sie sich aus zum Sitze
Für ihr Lied hoch überm Tal.
Wolken stiegen in den Raum,
Wie die Pferde ohne Zaum,
Jagen an dem Berg entlang,
Leidenschaftlich von Gebärde
Wie der frische Amselsang.

(Max Dauthendey, Amsel singt im Himmelssaal, aus: Lusamgärtlein, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 234/235)

 

Quelle: Pixabay

 

Jeden Montag aufs Neue: Kommt gut in und durch die neue Woche, möge sie euch alles geben, was ihr braucht!

Die Brückeninschrift, die angeblich aus Wien stammt, ziert auch eine Tafel unter dem Januskopf am Bremer Weserwehr (Bremen-Hastedt), allerdings ohne den Verweis auf Wien. Hier gibt es Fotos dazu.

 

Vom Licht in der Nacht

Leise Lieder

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

(Christian Morgenstern, Leise Lieder, aus: Ich und die Welt, 1898/1911, Online-Quelle)

Ich lösch das Licht

Ich lösch das Licht
Mit purpurner Hand,
Streif ab die Welt
Wie ein buntes Gewand

Und tauch ins Dunkel
Nackt und allein:
Das tiefe Reich
Wird mein, ich sein.

Groß’ Wunder huschen
Durch Dickicht hin,
Quelladern springen
Im tiefsten Sinn,

O spräng noch manche,
Ich käm in’ Kern,
Ins Herz der Welt
Allem nah, allem fern.

(Hugo von Hofmannsthal, Ich lösch das Licht, aus: Die Gedichte 1891–1898, Online-Quelle)

Lösch mir die Augen aus

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

(Rainer Maria Rilke, Lösch mir die Augen aus, aus: Das Stunden-Buch / Das Buch von der Pilgerschaft (1901), Online-Quelle; zur Interpretation im Rilke-Forum (unbedingt empfehlenswert))

 

Quelle: Pixabay

 

Wie immer wünsche ich euch eine gute neue Woche, dass ihr auf euch und eure Liebsten achten könnt und heil an Körper, Geist und Seele bleibt.

 

Vom Frieden

Der deutsche Friede

Was kostet unser Fried? O, wie viel Zeit und Jahre!
Was kostet unser Fried? O, wie viel graue Haare!
Was kostet unser Fried? O, wie viel Ströme Blut!
Was kostet unser Fried? O, wie viel Tonnen Gut!
Ergetzt er auch dafür und lohnt so viel veröden?
Ja; wem? Frag Echo drumm; wem meint sie wohl? [Echo.] den Schweden.

(Friedrich von Logau, Der deutsche Friede, aus: Salomons von Golaw deutscher Sinn-Getichte andres Tausend, Desz andren Tausend andres Hundert, 87., entstanden 1650, Online-Quelle, Online-Quelle)

Ich möchte mich laut darüber ärgern, dass ich dieses Gedicht OHNE die beiden letzten Zeilen bei einer eigentlich seriösen Quelle im Netz gefunden habe. Passte wohl den Einreichenden nicht ganz zum gewünschten Tagesbezug, muss ja gar nicht auf die letzten Jahre zutreffen 😦

II.

Verlange nichts von irgendwem,
laß jedermann sein Wesen,
du bist von irgendwelcher Fehm
zum Richter nicht erlesen.

Tu still dein Werk und gib der Welt
allein von deinem Frieden,
und hab dein Sach auf nichts gestellt
und niemanden hienieden.

(Christian Morgenstern, Verlange nichts von irgendwem, aus: Wir fanden einen Pfad, 1914, Online-Quelle)

Es wird citiert hienieden …

Es wird citiert hienieden
Ein Bild zum Ueberdruß:
Von dem Faß der Danaiden
Und dem Stein des Sysiphus.

Schafft endlich Beiden Frieden
Durch freundlichen Beschluß:
Verstopft das Faß der Danaiden
Mit dem Stein des Sysiphus.

(Albert Roderich, 1846–1938, Schriftsteller und Aphoristiker, Es wird citiert hienieden, keine Quelle bekannt, möglicherweise aus den „Fliegenden Blättern“ oder „In Gedanken. Vers-Aphorismen“, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Mein Wunsch an euch hat sich auch im neuen Jahr nicht verändert: Kommt gut (und gesund) und heiter in und durch die neue Woche!

 

Von Dunkel und Licht

Ein Licht geht nach dem andern aus

Ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird das Haus.
Ich bin allein beim Lampenschein,
ein Leuchtturmgeist in all der Nacht,
der in dem Schlaf der andern wacht
und Angst hat, auf dem Meer zu sein.

Von fern und nah umflattern blaß
der andern Liebe mich und Haß,
gelockt von meinem späten Licht;
ihr Stöhnen tönt mit Lust und Leid
in meine große Einsamkeit,
ihr Gram weht kühl um mein Gesicht.

Schon liegen sie, wie Tote tun,
als probten sie, im Grab zu ruhn,
und nur ihr Atem flackert sacht.
Ich fürchte dieses Schlafes Bann,
der mich für immer halten kann,
und bleibe wach in all der Nacht.

Für immer schloß vielleicht das Tor,
von dem der Schlüssel sich verlor,
bin ich vom Feind umstellt.
Verfallen ist mein Vaterhaus,
ein Licht geht nach dem andern aus,
und immer dunkler wird die Welt.

(Max Herrmann-Neisse, Ein Licht geht nach dem andern aus, in: I. Erinnerung und Exil, aus: Letzte Gedichte, 1941, Online-Quelle)

Auf die Reise

Um Mitternacht, auf pfadlos weitem Meer,
Wann alle Lichter längst im Schiff erloschen,
Wann auch am Himmel nirgends glänzt ein Stern,
Dann glüht ein Lämpchen noch auf dem Verdeck,
Ein Docht, vor Windesungestüm verwahrt,
Und hält dem Steuermann die Nadel hell,
Die ihm untrüglich seine Richtung weist.
Ja! wenn wir’s hüten, führt durch jedes Dunkel
Ein Licht uns, stille brennend in der Brust.

(Ludwig Uhland, Auf die Reise, aus: Sinngedichte, 1861, Online-Quelle)

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

(Manfred Kyber, Der Wächter der Lampe, aus: Genius Astri, 1918, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay (Leuchtfeuer auf Texel)

 

Hab überlegt, ob ich euch zwischen den Jahren Lieblingsgedichte servieren sollte. Aber dann bin ich denen hier begegnet … Kommt gut durch Nacht und Tag und gesund und fröhlich in und durch die neue Woche!

 

Von Einsamkeit und Weggehen

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind

Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

(Joachim Ringelnatz, Dorthin geh, wo die Andern nicht sind, aus: Gedichte, 1910, Online-Quelle)

Ich will alleine über die Berge gehn

Ich will alleine über die Berge gehn,
und keiner soll von meinen Wegen wissen;
denn wer den Pfad zu meinen Höhn gesehn,
hat mich von meinen Höhn herabgerissen.

Ich will alleine über die Berge gehn,
mein Lied soll ungehört am Fels verklingen,
und meine Klage soll im Wind verwehn; –
nur wer dem eignen Herzen singt, kann singen; –

nur wer dem eigenen Herzen klagt, kann klagen;
nur wer das eigne Herz erkennt, kann sehn. –
Hinauf zu mir! Ich will der Welt entsagen,
und will alleine über die Berge gehn.

(Erich Mühsam, Ich will alleine über die Berge gehn, Aus: Der Krater, 1909, Online-Quelle)

Der Einsiedler

Er hatte seit Jahren nicht mehr gesät
Verstreut noch reifte ihm das Getreide
Zuletzt ließ er den Hafer ungemäht
Sein Pferd verlor sich auf der Weide.

Er brach eine Zeit noch Beeren vom Ast
Als müßte er einen Hunger stillen,
Dann vergaß er auch diese letzte Last
Um seiner tieferen Ruhe willen.

Er saß vor der Hütte bei Tag und Nacht
Die Hütte verfiel in Wind und Regen
Allmählich wuchsen die Gräser sacht
Seinen Füßen und Knien entgegen

Und wuchsen langsam durch seine Hand.
Er ward wie ein Sieb, ohne Außen und Innen.
Gleichmäßig und ganz ohne Widerstand
Konnten die Jahre durch ihn rinnen.

(Maria Luise Weissmann, Der Einsiedler, aus: Imago, 1923, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Willkommen zum letzten Mal bei den Montagsgedichten zu Adventüden-Zeiten! Ich versuche wieder, einen Aspekt der heutigen Etüde aufzugreifen und hoffe, ihr könnt mir folgen und mögt meine Auswahl …

Viermal werden wir noch wach, heißa, dann …. also, ihr wisst schon: Kommt gesund und einigermaßen heil in und durch die angebrochene Woche! Ich weiß noch nicht, ob es nächste Woche Montagsgedichte geben wird, falls nein, wünsche ich euch hier schon sanfte Feiertage und versichere euch, dass euch die Montagsgedichte auch nächstes Jahr erhalten bleiben werden … 😉