Morgenskizze mit Fellträger | abc.etüden

Häufig beginnt mein Tag damit, dass ich auf der Ofenbank hocke und aus dem nach Osten weisenden Fenster nach orangen Wolken Ausschau halte, auf dass sie beim Sonnenaufgang besseres Wetter als das zurzeit alltägliche Dauergrau verheißen mögen. Gleichzeitig lese ich mich durch meinen WP-Reader und schlürfe den ersten Kaffee.

Hin und wieder werde ich dabei unterbrochen. Dem Fellträger meines Herzens ist nämlich jüngst erst aufgefallen, dass er auf meiner Augenhöhe ist, wenn er sich auf der Fensterbank platziert, und seitdem steht gelegentlich ein Kater vor meiner Nase und starrt mich an. Besagte »Ofenbank« ist der Heizkörper meiner Nachtspeicherheizung und in bequemem Abstand zum Fenster montiert. Ein Lieblingsplatz von uns beiden.

»Na, Schnurri«, begrüße ich ihn zärtlich, schiebe weg, was ich in der Hand halte, lehne meinen Kopf an seinen und kraule ihn am Hals und hinter den Ohren. Wenn er gekommen ist, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen, hält er still, stellt seinen eingebauten Lautsprecher an und kann sogar so laut losschnurren, dass das Geraspel buchstäblich den ganzen Katerkörper erschüttert. So sitzen wir da, die Stirnen aneinandergedrückt, die Augen geschlossen, eine Minute … zwei … fünf, und vergewissern uns ohne weitere Worte, dass bei dem anderen alles in Ordnung ist.
Mütter haben mir versichert, sie müssten nur an ihren Babys riechen, um zu wissen, ob sie okay sind, und ich habe festgestellt, dass das irgendwie übertragbar ist, auch sein Geruch ist nicht immer gleich … Was er auf diese Weise von meinem Innenleben mitbekommt, wüsste ich gern, bin aber überzeugt, es dürfte einiges sein, vermutlich mehr als ich umgekehrt.

Wir verharren in diesem Zustand ziemlich bewegungslos, bis einem von uns etwas einfällt, das mehr Priorität bekommen muss. Meist will er fressen oder schlafen, und ich gehe an meine Arbeit.

 

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 03/04.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulrike und ihrem Blog Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern.

Natürlich ist das autobiographisch, glaubt ja wohl keiner was anderes, oder? 😉
Versuch in der Ich-Form. Bin noch nicht so ganz überzeugt.

 

Von Warten und Sehnsucht

Morgenfahrt zur Geliebten

Die Felder rauchen
Den weißen Flor
Und goldbraun tauchen
Die Bäume empor.
Und alles so eigen,
Feld, Wiesen, Wald –
Warten und Schweigen –
Und jetzt: Beben und Neigen –
Die Sonne kommt bald.

(Emil Alphons Rheinhardt, Morgenfahrt zur Geliebten, aus: Stunden und Schicksale, 1913, Online-Quelle)

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch – – –
wie Blüthen sterben im Kellerloch,
die ewig auf ein bischen Sonne warten.
Wie Thiere sterben, die man lieblos hält,
und alles Unbetreute in der Welt!
Man denkt nicht mehr; »Wo wird sie sein –?!?«
Ruhig erwacht man, ruhig schläft man ein.
Wie in verwehte Jugendtage blickst Du zurück,
und irgendeiner sagt Dir weise: »S‘ ist Dein Glück!«
Da denkt man, dass es vielleicht wirklich so ist,
wundert sich still, dass man doch nicht froh ist!

(Peter Altenberg, Und endlich stirbt die Sehnsucht doch, aus: Cyclus: Gedichte an Ljuba, in: Was der Tag mir zuträgt, 1921, Online-Quelle)

Das ist mein Streit

Das ist mein Streit:
Sehnsuchtgeweiht
durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit,
mit tausend Wurzelstreifen
tief in das Leben greifen –
und durch das Leid
weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!

(Rainer Maria Rilke, Das ist mein Streit, aus: Erste Gedichte/Gaben an verschiedene Freunde, Insel 1913, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Erinnerungen | abc.etüden

Sie presste sich in die Ecke der Couch und schloss die Augen. Die Helligkeit der Lampe verblasste zu einem orangen Fleck auf dem Inneren ihrer Augenlider. Die Musik tröpfelte sanft aus dem Lautsprecher. Sie atmete tief aus und ließ sich einsinken. Mit der Musik kamen die Erinnerungen.

Er war der erste Welterklärer gewesen. Stundenlang. Begeistert. Der erste Mann, der sie ernst genommen hatte, mit ihr diskutiert hatte, mit dem sie ihre Wertvorstellungen entwickelt hatte. Und mehr.

Auch mit ihm hatte sie diese Musik gehört, die ihn so gar nicht ansprach, und die er zu verstehen und mögen versucht hatte, weil es ihre war. Für die sie in jenem rauchgeschwängerten Arbeitszimmer die Anlage aufdrehen durfte, bis die Klänge das Haus ausfüllten und erschütterten.

Der erste in ihrem Leben, der gescheitert war. Der erste, der ungewollt viel zu früh gehen musste. Der erste, dessen Zerbrechlichkeit sie erkannte und dessen Verletzlichkeit sie zu beschützen versucht hatte, weil sie es weder anders gewusst noch gekonnt hätte.
Dessen Wärme und Liebe sie vermisste.

Mal mehr, mal weniger, aber immer wieder.

Die Musik schwoll auf, ebbte schließlich ab und verstummte. Sie stand auf, wischte ein paar verirrte Tränen weg und sah auf das Bild an der Wand.

»Happy Birthday, Papa.«

 

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 03/04.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulrike und ihrem Blog Blaupause7. Sie lauten: Lautsprecher, orange, erschüttern.

Ja, auch (AUCH!) autobiographisch. Er wäre dieser Tage 95 geworden.
Und ich wollte auch mal eine Miniatur.

 

Die Musik zur Etüde: Mike Oldfield, Platinum, Part I bis Part IV (bis 19:13)

 

Das Bild zur Etüde ❤

Foto: privat 🙂

 

 

Von Gedichten und dem Reimen

 

»Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich sind, gar vernichtet werden?«
»Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst enthalten und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in acht nehmen sollte.«

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 2. Buch, 2. Kap., Online-Quelle)

 

Ein Gedicht, dessen Lektüre nicht mit einem stillen, tiefen Einatmen endet, ist kein solches ersten Ranges.

(Carl Ludwig Schleich, aus: Erlebtes Erdachtes Erstrebtes, 1928, Online-Beleg)

 

Die Leute die den Reim für das Wichtigste in der Poesie halten, betrachten die Verse wie Ochsen-Käufer von hinten.

(Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), aus: Sudelbücher KS, KA141, Online-Quelle)

 

Man gibt über lyrischen Gedichten oft die Versart an
|— ◡◡ | — — — — | — ◡◡◡ |  pp.
Wenn man die Gedanken darin mit Eins und den Nonsense mit Null anzeigte, so würde es zuweilen so aussehn:
000 | 000 | 000
oder so.

(Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), aus: Sudelbücher J, J294, Online-Quelle)

 

* * *

 

Avant-propos

Ich kann mein Buch doch nennen, wie ich will
Und orthographisch nach Belieben schreiben!
Wer mich nicht lesen mag, der laß es bleiben.
Ich darf den Sau, das Klops, das Krokodil
Und jeden andern Gegenstand bedichten,

Darf ich doch ungestört daheim
Auch mein Bedürfnis, wie mir’s paßt, verrichten.
Was könnte mich zu Geist und reinem Reim,
Was zu Geschmack und zu Humor verpflichten? –
Bescheidenheit? – captatio – oho!

Und wer mich haßt, – – sie mögen mich nur hassen!
Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen
Sowie an den avant-propos.

(Joachim Ringelnatz, Avant-propos, aus: Kuttel-Daddeldu, 1924, Online-Quelle)

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tat’s um des Reimes willen.

(Christian Morgenstern, Das ästhetische Wiesel, aus: Galgenlieder, 1905, Online-Quelle)

Kritik

Hör mir nicht auf solch Geschwätze,
Liebes Herz, daß wir Poeten
Schon genug der Liebeslieder,
Ja zuviel gedichtet hätten.

Ach, es sind so kläglich wenig,
Denn ich zählte sie im stillen,
Kaum genug, dein Nadelbüchlein
Schicklich damit anzufüllen.

Lieder, die von Liebe reimen,
Kommen Tag für Tage wieder;
Doch wir zwei Verliebte sprechen:
Das sind keine Liebeslieder.

(Theodor Storm, Kritik, aus: Gedichte (Ausgabe 1885), Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ich selbst schreibe keine Gedichte, und ich mag Reimereien selten. Aber ich habe großen Respekt vor allen, die sich daran versuchen und ihr ganzes Herz darein legen, dass es „gut“ wird, was auch immer sie unter „gut“ verstehen.

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7

Einen furiosen Start haben wir da hingelegt, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, selten bisher haben sich so viele Blogs an einer Runde beteiligt. Ludwig, das kann ich euch verraten, wundert sich beständig, dass das Projekt, das er damals aus der Taufe gehoben hat, immer noch läuft – und ich kann euch noch etwas verraten: Heute vor vier Jahren, am 17.01.2017, erschien der erste Aufruf dazu!!! 😀 Etüdengeburtstag! HAPPY BIRTHDAY, ETÜDEN!
Ludwigs alten Blog gibt es längst nicht mehr, aber ich verlinke euch mal meine allererste Etüde: Ein ganzes Leben – sie erschien am Tag drauf, ich habe sogar die allererste Illustration noch. Ich glaube, in einem anderen Leben hätte ich einen guten Archivar abgegeben. Und ein paar von euch waren damals ja auch schon dabei, erinnert ihr euch?

Statistik first. Ludwigs wunderbare Wortspende hat 62 Etüden von 40 Blogs hervorgebracht. Die Zahl der Etüden ist hoch, wurde aber schon übertroffen; aber 40 Blogs ist richtig viel, danke euch allen! Die Liste führen Christian, Gerhard und Puzzleblume mit jeweils 4 Etüden an, gefolgt von Kain Schreiber mit 3 Etüden.

Vielen Dank wie immer an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben! Vielen Dank an jede*n, die*der mit durch die teilnehmenden Blogs gegangen ist und kommentiert/diskutiert hat.
Ich schreibe das immer wieder, denn es stimmt auch immer wieder: Ich freue mich über jede*n, der*die Lust dazu hat, man lernt die anderen Blogger*innen besser kennen und rückt ein bisschen näher zusammen, und sei es nur virtuell, ist doch egal.

Wie immer bitte ich euch, die Liste zu kontrollieren, ob jede eurer Etüden dort verzeichnet ist oder ob euch sonst was komisch vorkommt. Ich trage gerne nach, wenn irgendwas nicht stimmt, ihr wisst das, es ist keine böse Absicht.
Kaffee und Keks parat? Hier kommt die Liste.

Disclaimer: Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Bernd von Red Skies over Paradise: hier und hier
Olpo Olponator auf olpo run: hier und hier
Karin in meinen Kommentaren: hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier
Donka auf onlybatscanhang: hier und hier
Anja auf Annuschkas Northern Star: hier
Heidi auf heidimariaskleinewelt: hier
Heidi auf Erinnerungswerkstatt: hier
Resi Stenz in meinen Kommentaren: hier
Ulrike auf Blaupause7: hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Ellen auf nellindreams: hier und hier
Christian auf Wortverdreher: hier, hier, hier und hier
Doro auf DORO|ART: hier
Elke H. Speidel auf Transworte auf Litera-Tour: hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier, hier, hier und hier
Jane auf Blood, Tears, Gold & Minds: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier, hier und hier
Judith auf Mutiger leben: hier und hier
Maren auf Ich lache mich gesund: hier und hier
Das andere Mädchen auf Das andere Mädchen: hier
Kain Schreiber auf Gedankenflut: hier, hier und hier
Werner auf Werner Kastens: hier und hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Wortman auf Wortman: hier
Lea auf Kommunikatz: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier
Melina auf Innen-Reise-Wege: hier
Yvonne von umgeBUCHt: hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier und hier
Monika-Maria auf Zauberei mit Buchstaben: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier
Stepnwolf auf Weltall. Erde. Mensch … und Ich.: hier
Marion auf Findesatz: hier

Nachzügler:
Veronika auf vro jongliert: hier

Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lauten:

Lautsprecher
orange (NICHT die Frucht, die Farbe)
erschüttern.

 

Wie immer möchte ich euch an dieser Stelle den öden, blöden Etüden-Disclaimer nahebringen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 7. Februar 2021, aber zuvor, am 31. Januar, startet eine Woche Extraetüden, denn das ist der 5. Sonntag im Monat Januar.
Habt weiterhin ein schönes Wochenende und gute Einfälle!

 

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

abc.etüden 2021 03+04 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Von Enttäuschung, Mißmut und Wundern

Schon mit ihren schlimmsten Schatten

Schon mit ihren schlimmsten Schatten
Schleicht die böse Nacht heran;
Unsre Seelen sie ermatten,
Gähnend schauen wir uns an.

Du wirst alt und ich noch älter,
Unser Frühling ist verblüht.
Du wirst kalt und ich noch kälter,
Wie der Winter näher zieht.

Ach, das Ende ist so trübe!
Nach der holden Liebesnoth,
Kommen Nöthen ohne Liebe,
Nach dem Leben kommt der Tod.

(Heinrich Heine, Schon mit ihren schlimmsten Schatten, aus: Emma, VI., in: Neue Gedichte, 1844, Online-Quelle)

Mißmut

Ein Rauch verweht.
Ein Wasser verrinnt.
Eine Zeit vergeht.
Eine neue beginnt.
Warum? Wozu?
Denk’ ich dein Fleisch hinweg, so bist
Du ein dünntrauriges Knochengerüst,
Allerschönstes Mädchen du.

Wer hat das Fragen aufgebracht?
Unsere Not.
Wer niemals fragte, wäre tot.
Doch kommt’s drauf an, wie jemand lacht.

Bist du aus schlimmem Traum erwacht,
Ist eine Postanweisung da,
Ein Telegramm, ein guter Brief, –
Du atmest tief
Wie eine Ziehharmonika.

(Joachim Ringelnatz, Mißmut, aus: Allerdings, 1928, Online-Quelle)

Wohin ich schaue

Wohin ich schaue, Wunder über Wunder,
Wohin ich lausche, alles wunderbar.
Ihr sprecht von Sinn, Gesetz und von gesunder
Vernunft: Ihr schaukelt zwischen falsch und wahr!

Mich hat als Kind das Wunder tief getroffen!
Ich schlug es tot, weil’s mir die Ruh’ vergällt.
Nun halt ich wieder Kinderaugen offen
Und weiß, das Wunder ist der Grund der Welt.

(Jakob Bosshart, Wohin ich schaue, in: Träume der Wüste. Gedichte., Bd. VI der Werkausgabe v. 1951, Beleg, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gut und heiter in und durch die neue Woche!

 

On the Road Again?

Ihm klingelten immer noch die Ohren von dem Zetermordio, das sie geschrien hatte, und von dem Tränenausbruch, der unweigerlich gefolgt war. Irgendetwas war gar nicht in Ordnung in der letzten Zeit.
Sie aß komische Dinge! Sie roch fremd! Sie war anders mit ihm! Okay, er hatte ein Bedürfnis nach Unabhängigkeit und war viel unterwegs, aber offenkundige Respektlosigkeit konnte er nicht tolerieren, sie kannte ihn schließlich gut, das musste er sich nicht bieten lassen.
»Tja, Griff ins Klo, was? Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dir ein Ei auf den Kerl zu backen«, hatte ihre Freundin gesagt und böse geschaut. Besser war es aber dennoch nicht geworden, auch wenn ihre Hand wie üblich zu ihm gewandert war. Und was hatten die Frauen überhaupt mit »sitzen lassen« gemeint? Er hatte jedenfalls nichts falsch gemacht, da war er sich sicher, und wenn er sie auf der Couch heulen sah, dann hielt das sein weichmütiges Herz kaum aus.
»Ich habe Sorgen«, hatte sie ihm neulich gestanden, »und eigentlich habe ich ziemlich Angst vor dem, was da auf mich zukommt.« Er hatte sie zu trösten versucht, aber es war nicht genug gewesen. Er hasste es, hilflos zu sein.

Sie war hektisch. Sie räumte die Wohnung um. Sie kümmerte sich noch weniger um ihn. Sie machte die Schlafzimmertür zu, was er als Affront empfand. Außerdem wurde ihr Bauch immer dicker und ihre Laune meistens noch schlechter.
Er verstand nicht, was geschah, er fühlte sich unerwünscht und zog seinerseits die Reißleine.

Nun lag er gemütlich auf einer Veranda in der Schrebergartenkolonie, hörte den Regen auf das Dach trommeln und schlug die Pfoten unter. Mäuse gab es genug, für Essen war also gesorgt. Sie fehlte ihm trotzdem. Er wollte, dass alles in Ordnung war. Morgen würde er mal vorbeischauen. Oder übermorgen. Oder nächste Woche. Bestimmt.

 

abc.etüden 2021 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 01/02.2021: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder. Sie lauten: Zetermordio, weichmütig, backen.

 

Auch ich, ich gestehe es, treibe mich gelegentlich im Netz auf Katzenseiten herum, nicht nur der Fellträger hinter meinem Rücken 😉 Es gibt nichts, was einem so schnell bessere Laune bescheren kann, aber auch nichts, wo einem so schnell das Herz zerfließen kann, man muss also durchaus vorsichtig sein. Zum Glück passt meiner auf mich auf, dass ich nicht aus Versehen das »Catlady-Einstiegsset« ordere und er demnächst seinen Schlafplatz mit ein paar Katzenkindern teilen muss …
So landete ich jedenfalls auf einer Seite über »Wie geht die Katze damit um, wenn ein Baby ins Haus kommt?« (hängt sehr von der Katze und ihrer Menschbezogenheit ab, aber man kann was machen), und dachte, dass das ein prima Thema für eine Etüde/Kattitüde sei, wo die Situation wirklich aus dem Ruder gelaufen ist und »der Katz« mal nicht automatisch alles unter Kontrolle hat …

Kennt sich jemand von euch damit aus? Katha, habt ihr euch schon Gedanken dazu gemacht, falls du dies hier liest?

Dass dabei dann zufällig gerade Willie Nelson aus dem Radio tropfte und mir mit »On the Road Again« den Etüdentitel (+ Ohrwurm) bescherte, war Zufall. Hier, falls ihr auch wollt – ja, gut aussehender Mann, zumindest auf dem Pic (ich weiß, wie alt er ist, aber mich würde interessieren, wie alt er da war 😉 ):

 

 

Schönen Sonntag zusammen!

 

Update! Bekommt noch jemand seine Mails/Benachrichtigungen über GMX? Ich kann seit 9:00 Uhr Mails zwar verschicken, aber nicht mehr empfangen, und wüsste gern, ob es noch jemandem von euch so geht …

 

Von Winter und Dämmerung

Dämmerung in der Stadt

Der Abend spricht mit lindem
Schmeichelwort die Gassen
In Schlummer und der Süße
alter Wiegenlieder,
Die Dämmerung hat breit
mit hüllendem Gefieder
Ein Riesenvogel sich
auf blaue Firste hingelassen.

Nun hat das Dunkel von den Fenstern
allen Glanz gerissen,
Die eben noch beströmt
wie veilchenfarbne Spiegel standen,
Die Häuser sind im Grau,
durch das die ersten Lichter branden
Wie Rümpfe großer Schiffe,
die im Meer die Nachtsignale hissen.

In späten Himmel tauchen Türme
zart und ohne Schwere,
Die Ufer hütend,
die im Schoß der kühlen Schatten schlafen,
Nun schwimmt die Nacht
auf dunkel starrender Galeere
Mit schwarzem Segel
lautlos in den lichtgepflügten Hafen.

(Ernst Stadler, Dämmerung in der Stadt, 1911, Erstdruck in: Das neue Elsaß. Jg. 1, Nr. 4, 20. Januar 1911, Online-Quelle)

ERLEBNIS

Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden,
Durchsichtgen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da,
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,
Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber Seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer –
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

(Hugo von Hofmannsthal, Erlebnis, aus: Gedichte, 1922, entstanden 1892, Online-Quelle)

Und abermals wirst du geboren werden

Und abermals wirst du geboren werden
auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
und wirst auf die Wege gehen allen Lebens,
in Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln,
Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
so wisse du: der Bruder ruft nach dir,
der abermals dem Tode sich entrang
gleich dir und abermals das Leben wandelt
auf andern Sternen fern und trauervoll.

(Walter Calé, Und abermals wirst du geboren werden, aus: Nachgelassene Schriften, 1907, Online-Quelle 3. Auflage 1910)

 

Quelle: Pixabay

 

Kommt gesund und heiter (na ja) in und durch die Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler

Willkommen zurück, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, und willkommen im neuen Jahr! Wem ich es bisher noch nicht gewünscht habe: Möge es ein gutes neues Jahr werden, möge es uns wohlwollen, möge es uns mit kreativen Einfällen überschütten und unterstützen – auch gerne über die Etüden hinaus! 😀 Schön, dass ihr (wieder) dabei seid!

Ich möchte mit einem kurzen Fazit zu den Adventüden 2020 beginnen, und dazu gehört vor allem die Statistik. Die Top-3-Etüden mit den meisten Aufrufen waren:

08.12. – Annamirls magische Semmelknödel

01.12. – Alice und die Schlittenfahrt

13.12. – Ein Anfang?

 

Screenshot Statistik Adventüden2020 | 365tageasatzaday
Quelle: Blogstatistik, 02.01.2021, 11:11 Uhr

 

Was fällt mir dazu ein? Nichts Besonderes, ich bin selbst überrascht 😉
Okay, ich hätte/habe erwartet, dass die frühen Adventüden mehr Aufrufe bekommen, das hat sich dieses Jahr eher bewahrheitet. Aber einen Trend zu irgendwas lese ich aus diesem Ergebnis nicht. 2019/2020 habe ich mir zu den Adventüden noch deutlich mehr Gedanken gemacht, wer mag, der kann hier gerne noch mal nachlesen.

Was bleibt, ist meine Freude, dass sie überhaupt zustandegekommen sind, dass ihr euch im Sommer hingesetzt habt, um einen vorweihnachtlichen Text zu schreiben, und dass ihr sie auch alle (hoffentlich) genossen habt, selbst im Corona-Vorweihnachtstrubel. Wobei die Adventüden insgesamt weniger Aufrufe hatten als im Jahr zuvor, aber auch dieses Jahr ist nur eine einzige Adventüde sehr knapp unter 100 Aufrufen geblieben.
Ich war ebenfalls sehr glücklich, am jeweiligen Tag so viele Etüdenverfasser zur Unterstützung beim Kommentieren auf meinem Blog zu haben: Es mag an mir selbst und meinem Anspruch liegen, Leute auf eine Antwort auf ihre Kommentare ungern stundenlang warten zu lassen, aber 26 Tage lang hintereinander den Li-La-Launebär zu geben, unabhängig von meiner eigenen Gemütsverfassung, das ist nichts, was mir leichtfällt. Natürlich ist mir klar, dass ihr zum Teil gearbeitet habt und einfach nicht konntet.

Fazit: Es liegt an euch und an dem Interesse, dass ihr dieses Jahr den Etüden entgegenbringt, ob wir im nächsten Winter wieder Adventüden starten werden. Die Einzelheiten klären wir später, wie immer 😉

 

Jetzt aber los mit den neuen Etüden! Wie fast immer am Anfang einer neuen „Saison“ stammen die Wörter aus der Feder des Etüdenerfinders, der oft genug Wörter vorschlägt, die mir nie in den Sinn gekommen wären. Die Mails an die neuen Wortspender sind gestern Abend raus, checkt also bitte eure Postfächer!

Die Wörter für die Textwochen 01/02 des Jahres 2021 stiftete Ludwig Zeidler. Sie lauten:

Zetermordio
weichmütig
backen.

 

Zum ersten Mal in diesem Jahr mache ich euch auf den öden, blöden Etüden-Disclaimer aufmerksam: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Eventuelle Inhaltshinweise (Triggerwarnungen) und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der zugehörigen Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste bzw. muss meckern, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig. Wer sich die Illustrationen herunterladen möchte, sollte sie vorher großklicken, danach kann man sie in der Regel downloaden und bei sich wieder hochladen.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 17. Januar 2021. Habt weiterhin ein schönes Wochenende und gute Einfälle!

 

abc.etüden 2021 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

abc.etüden 2021 01+02 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay

 

Über Vertrauen

 

Ich setzte den Fuß in die Luft
und sie trug.

(Hilde Domin, Nur eine Rose als Stütze, 1959, Motto des zweiten Teils)

 

Kalender 2021 | 365tageasatzaday
Quelle: ichmeinerselbst, wie immer. Klicken macht groß!

 

Wer länger bei mir liest, kennt vielleicht meine Jahreskalender (2016, 2017, 2018, 2019, 2020). Jedes Jahr aufs Neue bastele ich aus eigenen Fotos ein Kalenderposter (eigenes Design, eigenes Kalendarium, alles handgeklöppelt), das im neuen Jahr meine und (meistens) eine Tür ausgewählter Mitmenschen verschönert. Aber selten hatte ich bisher so dringend das Gefühl, dass es nötig wäre, dass wir alle mit mehr Vertrauen, mehr Zuversicht (und mehr Gelassenheit) ins neue Jahr schauen und es um sein Wohlwollen bitten, und das hat sich auch in meinem Zitat niedergeschlagen.

Sollte ich irgendwem, der/die dies liest, kein gutes neues Jahr 2021 gewünscht haben, sei es hiermit nachgeholt und nicht weniger herzlich gemeint.

(Glaubt mal nicht, dass ich schon wach wäre …)

Coming up next: Sonntag gehen die regulären Etüden wieder los! Der Etüdenerfinder hat sich feine Wörter ausgedacht und ich habe die neuen Wortspender ausgelost und schicke demnächst die entsprechenden Mails herum – hoffentlich noch vor der ersten Schreibeinladung. Stay tuned! 😀

 

Zwischen den Jahren

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph von Eichendorff, Wünschelrute, erschienen 1838 im Deutschen Musenalmanach, aus: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, Nachlese, Die Feier, 1962, Artikel Wikipedia, Online-Quelle)

Regen weit und breit

Da draußen regnet es weit und breit.
Es regnet graugraue Verlassenheit.
Es plaudern tausend flüsternde Zungen.
Es regnet tausend Erinnerungen.
Der Regen Geschichten ums Fenster rauscht.
Die Seele gern dem Regen lauscht.

Der Regen hält dich im Haus gefangen.
Die Seele ist hinter ihm hergegangen.
Die Insichgekehrte ist still erwacht,
Im Regen sie weiteste Wege macht.
Du sitzt mit stummem Gesicht am Fenster,
Empfängst den Besuch der Regengespenster.

(Max Dauthendey, Regen weit und breit, aus: Gesammelte Werke, Bd. 2 „Aus fernen Ländern“, S. 588/589, Albert Langen, München 1925)

Die Nicht-Gewesenen.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,
Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,
Tröstet die alles heilende Zeit.
Aber die Träume, die nie errung’nen,
Nie vergeß’nen und nie bezwung’nen,
Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

(Isolde Kurz, Die Nicht-Gewesenen., aus: Gedichte, 1888, Online-Quelle)

Aus tausend Quellen quillt die Nacht

Aus tausend Quellen quillt die Nacht
Und übernimmt den Himmel unsrer Träume.
Da ist ein Licht noch – dort noch Bäume,
Dann nichts mehr. Sintflut. Nur noch Nacht.

Aus Ozeanen ohne Licht erheben sich Gedanken,
Wie Meerestiere schwimmen unsre Träume
Mit schweren Flossen durch die Finsternis der Räume
Und kreisen um die Hoffnungsschiffe, die versanken.

(Guido Zernatto, Aus tausend Quellen quillt die Nacht, entstanden 1942 in New York, aus: Die Sonnenuhr, Gesamtausgabe 1961, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ausnahmsweise gibt es zwischen den Jahren mal Lieblingsgedichte. Manche werdet ihr vielleicht kennen, andere nicht.

Genießt die hoffentlich ruhigen Tage und rutscht gut rüber, falls wir uns vorher nicht mehr lesen sollten!

 

Das Weihnachtsessen | Myriades Impulswerkstatt

Der Schnee fiel in dicken Flocken, und sie war so genervt, dass sie das schon fast als persönlichen Angriff empfand. Scheißkarre, warum musste die gerade jetzt verreckt sein, wo sie die ganzen Lebensmitteleinkäufe für Weihnachten zu erledigen hatte?

Sie hastete vom Supermarkt mit ihren prall gefüllten Taschen zur Bushaltestelle. Gott, sie würde drei Kreuze machen, wenn sie sicher zu Hause war, sie war das lange Schleppen einfach nicht mehr gewöhnt. Aufstöhnend setzte sie den schweren Shopper ab und türmte die beiden Plastiktüten obenauf. Das Wartehäuschen war voller wenig kunstvoller Graffitis und sie zog sich routiniert die sperrige Maske über die Nase. Alles gut. Die war inzwischen selbstverständlich, wenn sie einen Fuß vor die Tür setzte. Wenn sie sich ansteckte, wer würde sie pflegen? Die Kinder bestimmt nicht, die hatten ihr eigenes Leben.

Ihr Blick wanderte zu der Kirche jenseits der Kreuzung. Neben den Säulen am Eingang stand ein Pärchen, dem offensichtlich egal war, wer zusah, und sich innig küsste.

Gebt bloß acht, dass euch der Pfarrer nicht sieht! Der Gedanke entfloh ihr schneller, als sie ihn zu Ende gedacht hatte. Sie ärgerte sich. Es konnte ihr doch nun wirklich gleichgültig sein! Überhaupt, wer sagte denn, dass die da drüben nicht verheiratet waren? Nur weil ihr Tammo mit ihr nach der Heirat nicht mehr öffentlich geknutscht hatte, da er fand, dass das keinen was anging, was sie privat miteinander so trieben?

Ihnen war zu wenig gemeinsame Zeit vergönnt gewesen, aber vieles Schöne hatten sie miteinander geteilt, dachte sie versonnen, und für einen Moment wanderte unter der Maske ein Lächeln über ihr Gesicht. Und um die Familientradition hochzuhalten, hatte sie ja wohl ein Recht darauf, ihre Kinder zum alljährlichen Weihnachtsessen zu sehen zu bekommen, oder? Der erste Weihnachtstag gehörte der Familie, also jetzt ihr, wenigstens solange, bis die Jungs selbst eine hatten, das war ehernes Gesetz.
Hauke hatte sich schon frühzeitig abgemeldet. Vorgeblich, damit die anderen ihre Partnerinnen mitbringen konnten, regelkonform und so weiter. Aber er hatte wenigstens versprochen, am zweiten Weihnachtstag mit Christina vorbeizuschauen. Sie hatte nichts dagegen, dass dadurch die ewigen Sticheleien über Frauen zwischen ihrem Ältesten und dem Jüngsten entfielen. Männer! Friesische Dickköpfe wie ihr Vater eben, Gott hab ihn selig.

Sie würden doch kommen?! Nach Tammos Tod hatte sie das Kommandieren angefangen und das nervte die Kinder manchmal, okay, aber war ihnen klar, wie wichtig es ihr war, sie Weihnachten zu Hause zu haben, selbst wenn es nur für ein paar Stunden sein sollte? Erschrecken durchzuckte sie und fuhr ihr so heftig in die Glieder, dass sie froh war, sich für einen Moment auf einen gesprungenen Plastiksitz setzen zu können, bis sich ihr Puls beruhigt hatte.
Wo blieb überhaupt der Bus? Sie warf einen Blick auf die Anzeigetafel. Noch sechs Minuten. Wind kam auf, der Schnee trieb in das Wartehäuschen. Ohne die Flocken wahrzunehmen, starrte sie auf die vierspurige Straße, auf der die Autos vorbeijagten, um noch bei Grün über die Kreuzung zu schießen.

Bisher hatten sie sich nicht getraut, zum Weihnachtsessen nicht zu erscheinen. Nicht Uwe und Kathrin mit den Enkeln, nicht Matthys, der wie in fast jedem Jahr mit einer neuen Dame auftauchen und wie jedes Mal schwören würde, dass das jetzt endlich die Frau fürs Leben sei.
Sie musste sie beide dringend anrufen. Gleich heute Abend.

Hoffentlich konnte sie das Auto morgen doch von der Werkstatt abholen und wenigstens die Getränke transportieren. Hoffentlich würden die Kinder nicht absagen. Das Jahr hatte schon genug Einschränkungen mit sich gebracht, aber bitte nicht auch noch das Weihnachtsessen!
Die Unruhe ließ sie aufstehen und ihre Taschen aufnehmen. Hoffentlich hatte der verdammte Bus keine Verspätung.

 

Quelle und Copyright: Myriade

 

Dies ist mein erster Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, und ja, ich bin spät dran, schließlich schleicht sich auch Weihnachten gerade davon. Aber entweder jetzt oder nie, und ich wollte nicht etwas versprochen haben und es schon wieder nicht halten.

Dank eines Textes von Myriade (glaube ich) habe ich erfahren, dass sich das Pärchen in/an/bei/neben der Gloriette küsst, für mich war es spontan ein Kircheneingang hier in der Nähe: ähnliche Farben, ähnliche Säulen. Nur den Schnee, den hätte ich noch gern, hier ist im Dezember nachts mal eine Flocke gefallen, aber das war es bisher …