Von November und Vöglein

 

Vöglein mein Bote

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
flieg zu der Liebsten hin und setz dich nieder,
sieh’ was sie tut, ob sie dem Fernnen gut,
ob sie an mich gedacht, Vöglein gib Acht!

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
trag zu der Liebsten hin all meine Lieder!
Sag’ „er ist dein, kann ohne dich nicht sein,
lebt nur allein für dich!“ Vöglein so sprich!

Vöglein flieg fort, Vöglein komm wieder,
nimm ihren Liebesgruß auf dein Gefieder!
Wenn sie dich fragt und dir viel Schönes sagt
bring mir’s in raschem Flug, Vöglein sei klug!

(Johann Gabriel Seidl, Vöglein mein Bote, Online-Quelle)

 

Zwei Vöglein

Zwei Vöglein hatten sich lieb einmal,
Sie fanden kein Nest im Heimatland.

Zwei Vöglein wollten in süßeres Land,
Sie flogen und flogen unverwandt.

Zwei Vöglein wurden die Flügel schwer,
Ertranken beide im wilden Meer.

(Ernst Goll, Zwei Vöglein, aus: Im bitteren Menschenland. Nachgelassene Gedichte, 1912, S. 162, Online-Quelle)

 

Vöglein Schwermut

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
das singt so todestraurig …
Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
wer es hört, der tut sich ein Leides an,
der mag keine Sonne mehr schauen.
Allmitternacht, Allmitternacht
ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
Der streichelt’s leis und spricht ihm zu:
„Flieg, mein Vögelein! flieg, mein Vögelein!“
Und wieder fliegt’s flötend über die Welt.

(Christian Morgenstern, Vöglein Schwermut, aus: Auf vielen Wegen, Online-Quelle)

 

Möwe vor dunklen Wolken | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ihr Lieben, nein, ich bin weder in Schwermut versunken noch hat der Fellträger ein Weh noch ist sonst irgendwas, danke, ich möchte besorgten Anfragen nur vorbauen. Es ist nur so, dass ich über drei Gedichte mit „Vöglein“ gestolpert bin, kurz schockiert war und dann dachte, na, es ist eben nicht immer alles nett.

Das soll euch aber nicht hindern, gut und sanft in die neue Woche zu kommen!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.19 | Wortspende von Red Skies over Paradise

Der November hat mich fest im Griff, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, euch auch? Nun empfinde ich es nicht unbedingt als Bedrohung, wenn es mal ein paar Tage hintereinander freundlich vor sich hin regnet, und auch der Fellträger kommt damit bestens zurecht, wenn er nicht gerade hungrig ist oder friert, aber beides ist noch nicht zu seiner Unzufriedenheit eingetreten. Daher mag ich es ausgesprochen, wenn die Etüden uns die Möglichkeit bescheren, neben all dem Nonsens (er lebe hoch!) auch mal in die Tiefe zu gehen.

Mit dieser Wortspende endet das diesjährige Etüdenjahr, denn ab Sonntag, dem 1. Dezember, läuft hier ein Adventskalender. Credits für die Idee gehen an nach wie vor an dergl, ich war am Anfang gar nicht so überzeugt, dass es klappen würde. Ihr werdet euch vielleicht erinnern, dass ich den Aufruf dafür im Etüdensommerpausenintermezzo hatte (im Hochsommer!): Ja, es hat funktioniert!
Ihr, die ihr mitgeschrieben habt, habt in den letzten Tagen eine Mail mit dem entsprechenden Datum bekommen (mit der Bitte, euch dazu kurz rückzumelden, ich möchte gern das noch fehlende Drittel auffordern, das ebenfalls zu tun). Natürlich gibt es aber noch einen Abschlussbeitrag zu der letzten Etüdenrunde, bevor die Etüden in den Vor-Weihnachts-Countdown wechseln.

Schreiten wir also wie üblich zur Statistik. Eingereicht wurden 50 Etüden von 28 Blogs (Stand ohne Nachzügler). Die Liste führen die Fledermaus, die Puzzleblume und Katharina mit jeweils vier Etüden an. Monika von „Allerlei Gedanken“ hat ihre erste Etüde beigesteuert: Hallo Monika, nochmals herzlich willkommen bei den Etüden! Nach langer Abstinenz auch mal wieder mitgeschrieben haben die Findesatz-Marion ;-),  Sven und „das andere Mädchen“ worüber ich mich ebenfalls sehr gefreut habe.

Wie immer: Checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – ihr kennt das ja.

Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Die Fledermaus auf onlybatscanhang: hier, hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier und hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier, hier, hier und hier
Die Findevogelfrau aus dem Findevogelblog: hier
fraggle auf reisswolfblog: hier und hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier, hier, hier und hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier und hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier und hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier und hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
Resi Stenz in meinen Kommentaren: hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier, hier und hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Martina auf Und sonst so?: hier und hier
Marion auf Findesatz: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier und hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Monika auf Allerlei Gedanken: hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier
Sven auf Svens kleiner Blog: hier
Das andere Mädchen auf Das andere Mädchen: hier
Nina vom Bodenlosz-Archiv: hier

Vielen Dank an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2019 kommen von Bernd mit seinem Blog Red Skies over Paradise. Die neuen Begriffe lauten:

Unbehaustheit
schwermütig
haschen.

 

Und jede*r, der jetzt „oha!“ denkt, hat meinen vollen Beifall.

Natürlich darf der öde, blöde Etüden-Disclaimer nicht fehlen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Inhaltshinweise und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 5. Januar 2020, denn der Dezember gehört den Adventüden (siehe oben; eine Wortschöpfung von René). Und ja, das bedeutet, dass es im Dezember auch keine Extraetüden geben wird.
Habt noch ein schönes Wochenende!

 

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

abc.etüden 2019 47+48 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Bitterer Abschied | abc.etüden

Sie war sich nicht sicher, ob sie mehr wütend oder mehr traurig war. Glaubte die denn, dass Gefühle recycelbar waren wie die Zeitung von gestern?

„Du wirst schon wieder eine Freundin finden.“

Ha! Ja, sicher, aber es war ihr um SIE gegangen und sie hatte wirklich geglaubt, dass die Jahre, in denen sie alles geteilt hatten – Kummer, Freude, Verliebtheiten, Glück, Schmerz –, mehr wert seien als so einen herablassenden Spruch. War alles nur gespielt gewesen? „Best friends forever“, sie hatte es ernst gemeint, sie hatte sich ihr geöffnet wie nicht vielen Menschen vorher. Mehr und mehr war die Freundin zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. Und nun war sie fort.

Irgendwann war ER in ihr Leben getreten, er, an dessen Seite sie jetzt ausreiste. Vorbei die viel diskutierten Zweifel, ob er endlich der berühmte Richtige wäre. Das Versprechen der Greencard, des Lebens im Land der gar nicht so unbegrenzten Möglichkeiten hatte letztendlich gezogen.
Liebe? Oder Schönrederei?

Wo waren ihre Ideale geblieben, die hatten sie doch gehabt?
Sie hatte sich wohl geirrt.
Und wenn schon in ihrer Freundin, worin dann noch?

„Wir sehen uns bestimmt bald wieder.“
Wer’s glaubt. Sie nicht.

Unten reihte sich das Flugzeug auf dem Rollfeld ein, und sie war sich ziemlich sicher, dass die Andere nicht am Fenster kleben würde, um die kleine Silhouette auf der Aussichtsterrasse des Flughafens zu entdecken. Ob man sie winken sehen konnte? Sie würde es trotzdem tun.

Einer liebt immer mehr. Eine Erkenntnis, auf die sie gern verzichtet hätte.

Der mächtige Airbus hob ab und verschwand gen Westen in Richtung Sonnenuntergang. Sie starrte in das Himmelsleuchten, bis ihre Augen brannten. Dann drehte sie sich um und machte sich auf den Weg durch das Terminal nach Hause, und es kümmerte sie nicht, dass man die Tränen sah, die über ihre Wangen liefen.

 

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 45/46.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte“ und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.

Nein, bitte, das ist NICHT so autobiografisch, wie es sich vielleicht liest, da fließt ziemlich viel an (eigenen und fremden) Erfahrungen zusammen.

 

Dem Auge fern …

November 2019, Alter Harburger Friedhof | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
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Grabschrift

„Dem Auge fern, dem Herzen nah!“

Als ich die alte Grabschrift sah
Im eingesunk’nen Marmorstein,
Da fiel mein totes Lieb mir ein …

O Gott, ich schrieb schon tausendmal
Das gleiche Lied aus gleicher Qual,
Und war doch keins wie dieses da:

„Dem Auge fern, dem Herzen nah!“

(Ludwig Jacobowski, Grabschrift, aus: Ausklang. Gedichte aus dem Nachlass, Vom dunklen Leben, Online-Quelle)

 

Als ich beschlossen hatte, mich der Blogaktion auf dem Totenhemd-Blog anzuschließen, und überlegte, über welchen Friedhof ich denn wandern wollte, war mir eins ziemlich schnell klar: Nicht schon wieder Ohlsdorf! Klar, dort sind die Engel schöner, die Ruhenden prominenter und der Friedhof so viel gewaltiger von seinen Ausmaßen her – aber Ohlsdorf kann jeder, ich bleibe in meinem Stadtteil. Harburg. Kommt also mit, ich zeige euch ein paar Impressionen vom Alten Harburger Friedhof.

 

Quelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
Klicken macht groß

 

Na? Besonders, oder? Hier gibt es den offiziellen Wikipedia-Eintrag dazu, dem kann man entnehmen, dass der Friedhof 1828 eröffnet wurde und seit 1937 offiziell stillgelegt ist, aber bis in die 60er-Jahre immer noch Bestattungen vorgenommen wurden. Inzwischen ist er ein öffentlicher Park. „Im Jahr 1984 wurde der Friedhof mit seinen historischen Grabdenkmälern, darunter viele mit bekannten Namen aus der Stadtgeschichte, unter Denkmalschutz gestellt und die historischen Wegbeziehungen wiederhergestellt. Dennoch verfielen die Anlagen oder wurden durch Vandalismus zerstört. Erst 2006 gründete sich ein Verein zur Pflege des Alten Friedhofs und zur Erhaltung wertvoller Grabmale, der seitdem Pflegemaßnahmen auf dem Gelände durchführt.“ (Quelle: Wikipedia, s. o.)

Und damit sind wir mitten im Problem. Ja, es ist ein Park, er ist nicht besonders groß, hat alten Baumbestand und ist wunderschön. Aber/und die Steine sind allgemein in keinem besonders guten Zustand. Seht ihr das Foto von der Statue mit dem Marienkäfer(?) auf der Stirn? Seht ihr (Bild davor), dass an dieser Figur offensichtlich nur das Gesicht erneuert wurde und der Rest der Figur sich in einem viel schlechteren Erhaltungszustand befindet? Die Frau, der dieser Grabschmuck gilt, starb 1905. Ich vermute, der eben erwähnte Verein dürfte finanziell nicht so üppig ausgestattet sein.

Zudem ist die Lage des Parks nicht wirklich glücklich. Er grenzt an einer Seite an das Phoenix-Viertel, das (begründet) einen schlechten Ruf als sozialer Brennpunkt hat. Als ich am Sonntagvormittag im Park war, habe ich zumindest anfangs junge Männer gesehen, von denen ich angenommen habe, dass sie mir was verkaufen wollten, was allerdings nicht sehr viel später durch die üblichen Hundeausführer*innen, Paare mit und ohne Kinderwagen und Vor-dem-Mittagessen-Spaziergänger ersetzt wurde. Einige dürften von dem Gottesdienst der angrenzenden Kirche aus nach Hause gegangen sein.

„Fotografiere etwas, das Dir auffällt/dich irritiert/anspricht/ berührt“, war die Aufgabe, die Petra und Annegret gestellt haben. Nun. Was mir dieses Mal wirklich auffiel, war das hier.

 

November 2019, Alter Harburger Friedhof | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst vor ein paar Tagen,
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Das ist – erraten? – ein Freimaurer-Grab, und zwar die Grabstätte von Herrn Ferdinand Ernst Albrecht Rickel (*1837, andere Angabe *1845, †1925, Tafel am Grab fehlt), ein Honoratior der Stadt Harburg, der unter anderem Mitbegründer und Fabrikdirektor der Jutefabrik in Harburg (Norddeutsche Jute-Spinnerei und Weberei) sowie auch Mitglied des Bürgervorsteher-Kollegiums in Harburg war. (Ich weiß noch nicht, was das für ein Haus auf der Tafel ist, die Jute-Fabrik scheint damals anders ausgesehen zu haben, rechts hinter dem Busch ist noch eins.) Nach ihm wurde (noch zu seinen Lebzeiten, 1914) eine Straße benannt, die Rickelstraße in HH-Eißendorf. Und er war Freimaurer, er gehörte zur 1858 in Harburg gegründeten Loge „Ernst August zum goldenen Anker“, wie so einige (was ich nicht wusste) bekannte Hamburger, denen die Stadt viel verdankt (hier mehr dazu, für Rickel unter „Harburg“ nachsehen). An der gleichen Stelle steht: „Schauen wir zurück und werfen einen Blick in unsere Mitgliederlisten, dann stellen wir fest, daß bis zum Ende des Jahrhunderts fast ausschließlich das aufstrebende und einflußreiche Bürgertum Harburgs in unserer Loge vertreten war. Einige von Ihnen waren herausragende Persönlichkeiten der Stadt Harburg. Sie haben oft, ohne besonderes Aufsehen, nach dem freimaurerischen Humanitäts- und Sozialprinzip, d.h. aus der freimaurerischen Idee schöpfenden Grundhaltung ihre Fabriken geführt oder ihre Aufgaben ausgerichtet. Noch heute sind davon einige Namen bekannter und bedeutender Bürger und Logenbrüder der Stadt Harburg zu finden, denen zu Ehren hier Straßen benannt wurden.“

Die Loge ist aktiv (hier die Homepage), was mich zu der Frage brachte, was mir (außer Verschwörungstheorien) eigentlich über die Freimaurerei bekannt ist. Mit euch teilen möchte ich einen kurzen Text zum Thema Symbole der eben erwähnten Loge (Link), sehr aufschlussreich fand ich ebendort „100 Fragen zur Freimaurerei“ und einen großen Rundumschlag versucht der Deutschlandfunk in seinem Artikel.

Seitdem weiß ich auch, dass die evangelische Kirche kein Problem damit hat, wenn eines ihrer Gemeindeglieder gleichzeitig auch Freimaurer ist, während die katholische Kirche beides für unvereinbar hält. Damit ist mir dann ebenfalls klar, warum Herr Rickel völlig selbstverständlich an prominenter Stelle zwischen anderen (vermutlich evangelischen) Toten ruht. Es dürfte damals einfach kein Anlass zur Diskussion gewesen sein.

Alles in allem hat mein Spaziergang über den Friedhof bei mir mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Nicht nur zur Freimaurerei. Ich mag das. Ich war bestimmt nicht zum letzten Mal dort; und ich plane einen Besuch in unserer Bücherhalle zum Thema „Harburger Geschichte“, schließlich bin ich ja über die Elbe zugewandert … ;-)

 

Von November und Stille

 

Herbst-Abend

Wind aus dem Mond,
plötzlich ergriffene Bäume
und ein tastend fallendes Blatt.
Durch die Zwischenräume
der schwachen Laternen
drängt die schwarze Landschaft der Fernen
in die unentschlossene Stadt.

(Rainer Maria Rilke, Herbst-Abend, aus: Die Gedichte 1906 bis 1910 (Paris, September 1907), Online-Quelle)

 

Solch ein lauer weißer Tag

Solch ein lauer weißer Tag,
Mag die Hände gar nicht rühren,
Nur die Augen liegen wach.

Draußen welken gelb die Bäume,
In der stillen Esche nicken
Graue Blätter, altersschwach.
Graue Blätter, graue Träume.

(Max Dauthendey, Solch ein lauer weißer Tag, aus: Reliquien, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 112)

 

Herbstschöne.

Nun sind im Jahresreigen
Verstummt die hellen Geigen
Mit ihrem Lustgetön.
Die glühen Sommerfarben
Sie welkten schon und starben,
Und dennoch ist es schön. –

Wenn auch das Sonnenprangen
Vom Wolkenflor verhangen,
Und wenn auch Nebel brau’n –
Du mußt es nur verstehen
Im Sterben und Vergehen
Die Schönheit noch zu schau’n.

(Heinrich Kämpchen, Herbstschöne, aus: Was die Ruhr mir sang, 1909, S. 159–160, Online-Quelle)

 

Herbst, gelbes Blatt auf Asphalt  | 365tageasatzadayQuelle: ichmeinerselbst

 

Kommt gut in die neue Woche!

 

Das Schöne vom Tag

Gelegentlich habe ich euch davon erzählt, dass hier auf meinem Lieblingsteich ein Schwanenpaar zu Hause ist, das in schöner Regelmäßigkeit im Vorfrühling brütet und meist so im Mai die lustwandelnde Spaziergängerschar mit Schwanenkindern (in der Regel 6 bis 10) in Entzücken versetzt. So weit, so normal, unten ein Foto vom letzten Jahr. Ihr erinnert euch?

Im Herbst sind die Küken so weit, dass sie sich allein durchschlagen können bzw. müssen. Irgendwann sind sie dann meist verschwunden, und es scheint so zu sein, dass der Schwanenvater sie einsammelt, damit sie eine Karriere als Alsterschwan machen und den dortigen Genpool bereichern. Wer mehr über das traditionelle Hamburger Schwanenwesen lesen möchte, kann hier schauen: offizielle Seite.

Dieses Jahr war kein gutes Jahr. Die Anzahl der Küken dezimierte sich rasch, bis es nur noch vier waren (von mindestens sieben im Mai), und irgendwann im Sommer fiel nicht nur mir auf, dass einer der Altvögel stark hinkte und hinter dem anderen mit den Küken weit zurückblieb. Das ist extrem ungewöhnlich, denn normalerweise gibt es die beiden nur im Doppelpack, wo der eine ist, ist auch der andere.

Nun kann alles der Grund sein. Das sind alte, erfahrene Schwäne, die wissen, wie sie mit freilaufenden Hunden (und Kindern. Und Grillvolk) umzugehen haben. Er/sie schien auch nicht sichtbar verletzt. Trotzdem war zu sehen, dass es nicht besser wurde (aber auch nicht schlimmer ) – und dann waren sie plötzlich weg. Alle. Beide Altvögel und die verbliebenen Jungvögel gleich mit. Das Hörensagen berichtete, dass der Schwanenvater sich gekümmert habe. Prima. Aufatmen.

Und heute … heute waren sie wieder da. In alter Schönheit zogen sie ihre Runden. Und ich hatte die Kamera dabei! Gut, ich habe nur einen das Wasser verlassen gesehen, aber das dürfte nur eine Frage von Tagen sein. Hach, ich bin froh, der Teich war echt leer ohne sie.

 

Quelle: ichmeinerselbst

 

Aus der Traum | abc.etüden

Will man noch ausreisen, wenn man die Hoffnung hat, das Haus der Väter heil durch die wechselhaften Zeiten zu bringen, wenn man selbst sich arrangiert hat und der „ausgerissene“ Bruder mit der Familie regelmäßig nach Hause kommt? Ich weiß es nicht. Ich vermute, dass der Traum unter der Realität verschüttging, falls es ihn gab, aber ich bin sicher, dass bei unseren Besuchen vieles nicht gesagt wurde, auch meinetwegen, schließlich war ich noch klein. Schwierigkeiten wurden in Alkoholika ertränkt, wobei man davon ausging, dass ich das nicht mitbekam, was damals ebenfalls stimmte.

„Schau, Christiane, die Berge dahinten, das ist schon im Westen“, hieß es, wenn wir aus dem Wohnzimmerfenster sahen und die Stadt in Richtung Süden überblickten. Da hatten sie früher Freunde und Bekannte gehabt und waren einkaufen gewesen, früher, bevor die Grenze dichtgemacht wurde und sie plötzlich im „Zonenrandgebiet“ lebten. Dass im Westen keinesfalls in dem Ausmaß Milch und Honig floss, wie ihnen das Westfernsehen vorgaukelte, glaubten sie uns das? Irgendwie schon, aber konnten sie es sich vorstellen? Nein – genauso wenig wie wir uns das Leben im „real existierenden Sozialismus“. Brötchen, Milch und Bücher waren zu meiner kindlichen Begeisterung jedenfalls unglaublich billig.

Sind Träume recycelbar? Als die Grenze aufging, waren meine Tanten so begeistert wie alle anderen auch. Sie hielten sich für zu alt, um sich noch die Welt anzusehen, aber sie besuchten uns, immerhin, und sie mochten es. Danach … ja, ach. Sie waren vielleicht tatsächlich zu alt (und zu idealistisch), um mit der grassierenden Wildwest-Mentalität ihrer neuen Mitbürger und den daraus resultierenden Veränderungen im Alltag klarzukommen. Heute denke ich, dass sie sich zu Recht übergebügelt fühlten, und natürlich fragten sie damals nicht um Hilfe (schon gar nicht uns), natürlich nahmen sie Schaden und natürlich waren auch wir, die Westfamilie, irgendwie schuld.

Der goldene Westen, ein Himmelsleuchten?
Eher nicht.

 

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 45/46.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Anna-Lena und ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte“ und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.

Ja, da ist ziemlich viel Autobiografisches drin. Aber meine (Südthüringer) Tanten sind lange tot und das Haus steht in der Form auch nicht mehr …

 

Vom November und der Liebe

 

Bin heut im erstarrten Garten gewesen

Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.

Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz, das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab’ ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.

(Max Dauthendey, Bin heut im erstarrten Garten gewesen, aus: Der brennende Kalender (November), 1905, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 220)

 

Allerseelen

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei
Und lass uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm an mein Herz, dass ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

(Hermann von Gilm zu Rosenegg, Allerseelen, aus: Sophien-Lieder, 1844, Online-Quelle)

 

Geht leise

Geht leise –
Es ist müd von der Reise.
Es kommt von weit her:
Vom Himmel übers Meer,
vom Meer den dunklen Weg ins Land,
bis es die kleine Wiege fand –
Geht leise.

(Paula Dehmel, Geht leise, aus: Das liebe Nest. Kindergedichte. 1919, Online-Quelle)

 

Grabmal, Herbst | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Wem jetzt aufgrund des letzten Gedichtes ein erstauntes „Hupsa“ entfahren ist, dem sei gesagt, dass ich erstens Leben für einen Kreislauf halte und daher auf Tod Leben folgt, zweitens Bekannten von mir zu Allerseelen ihre erste Tochter geboren worden ist. Sie lesen meinen Blog zwar nicht, aber ich freue mich seitdem hier vor mich hin … Herzlichen Glückwunsch, Vater, Mutter und Kind!

Kommt gut in die neue Woche!

 

Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“

Und schwups ist es November, und wie so viele Jahre sitze ich hier und denke: Moment mal, es war doch eben noch kurz vor dem Etüdensommerpausenintermezzo, wo ist denn der Sommer hin? Andererseits liebe ich November, den Unaufgeregten, meinen Gedanken nachhängen, mehr oder weniger dick vermummt durch den blattloser werdenden Wald/Park laufen und die Stille genießen … Ja, ich bin ein bekennender Melancholiker, jedenfalls in den Augen all jener, die die Vorstellung allein schon ins klimaschädliche Flugzeug in die Sonne treibt …

Wem der November jedenfalls auch gut bekommt, liebe Etüdenfans, -schreiber*innen und -leser*innen, sind die Etüden. Nachdem im Sommerhalbjahr die Beteiligung ziemlich nachgelassen hatte (ein dicker Dank an die Unentwegten!), sind wir jetzt mal locker über die 50 gehüpft – seid versichert, dass ich mir verwundert die Augen gerieben und dreimal durchgezählt habe! Natürlich sei an dieser Stelle aber besonders auf Veronika verwiesen, die ihr Thema so spannend fand, dass sie es uns in neun (äh, WHAT?) verschiedenen (und immer interessanten) Varianten präsentiert hat, womit sie selbstverständlich auch die Liste anführt. Danach folgen Katharina, Werner und die Fledermaus mit jeweils vier Etüden. Insgesamt haben 27 Blogs 57 Etüden eingereicht (Stand ohne Nachzügler). DANKE! Neu dabei ist die Puzzleblume mit ihrem Puzzle❀„-Blog – nochmals herzlich willkommen!

Wie immer: Checkt bitte, ob alles mit euren Links okay ist, und meldet Fehler/Fehlendes oder ob sonst was falsch ist – ihr kennt das ja.

Ich war gestern ab ca. 7 Uhr morgens fast komplett offline, sorry; ich habe euch zwar verlinkt und die Pings freigeschaltet, komme aber erst heute später zum Lesen bei euch rum (wenn ich wieder wach bin).

Nach intensiver Diskussion bleibt das Setzen von Inhaltshinweisen (CN/Triggerwarnungen, z. B. in den Schlagwörtern) jedem teilnehmenden Blog freigestellt.

Die Fledermaus auf onlybatscanhang: hier, hier, hier und hier
Die Hummel im Hummelweb: hier
Werner auf Werner Kastens: hier, hier, hier und hier
Elke H. Speidel auf Transworte auf Litera-Tour: hier
Petra Schuseil auf Wesentlich werden: hier, hier und hier
Alice auf Make a Choice Alice: hier und hier
Die Findevogelfrau aus dem Findevogelblog: hier
Veronika auf vro jongliert: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier
fraggle auf reisswolfblog: hier, hier und hier
Resi Stenz auf Resi Stenz: hier
Katharina auf Katha kritzelt: hier, hier, hier und hier
Corly in Corlys Lesewelt: hier
Gerhard auf Kopf und Gestalt: hier, hier und hier
Gerhard von Kopf und Gestalt in meinen Kommentaren: hier
Myriade auf la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée: hier und hier
Sofie auf Sofies viele Welten: hier
Puzzleblume auf Puzzle: hier
Gerda von GERDA KAZAKOU: hier, hier und hier
Ulli aus dem Café Weltenall: hier
Bernd auf Red Skies over Paradise: hier und hier
Tanja auf Stachelbeermond: hier
Anna-Lena auf Meine literarische Visitenkarte: hier
Die Hoffende auf ICH & MEHR: hier
Sabine auf Wortgeflumselkritzelkram: hier
Meine (Christiane) auf Irgendwas ist immer: hier und hier
René auf Ein Blog von einem Freund. Von Humor. Und Spass. Aus Berlin. Im Ernst!: hier
Jaelle Katz auf Jaellekatz: hier
Natalie im Fundevogelnest: hier

Vielen Dank an alle, die mitgeschrieben, mitgelesen, gelikt und kommentiert haben!

Die Wörter für die Textwochen 45/46 des Schreibjahres 2019 kommen endlich mal wieder von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„. Die neuen Begriffe lauten:

Himmelsleuchten
recycelbar
ausreisen.

 

Natürlich darf der öde, blöde Etüden-Disclaimer nicht fehlen: Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Inhaltshinweise und die Überschrift zählen NICHT zum Text. Eure Beiträge verlinkt ihr bitte wie gewohnt hierhin und/oder postet den Link unten in einen Kommentar, damit eure Etüden auch ganz sicher von mir und von allen, die es interessiert, gelesen werden können. Wen ich nicht in den Kommentaren/Pings der Schreibeinladung finden kann (das ist hier), der kommt nicht auf die nächste Liste, ich merke mir nicht, was ich wann eventuell bei wem gelesen habe.
Die Illustrationen unterliegen nach wie vor meinem Copyright. Wie immer behalte ich mir vor, Kommentare zu moderieren, wenn nötig.

Noch Fragen zu den Etüden? Hier habe ich das Kleingedruckte zusammengetragen. Wenn was fehlt – ihr wisst schon.

Die nächsten regulären Wörter gibt es am 17. November 2019, und danach sind wir für dieses Jahr dann auch schon durch, denn der Dezember gehört den Adventsetüden. Dazu an dieser Stelle später mehr. Habt noch ein schönes Wochenende!

 

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

abc.etüden 2019 45+46 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

 

 

Vogelflug II | abc.etüden

Was ihr Mann zu einem Kurs „Divination – Antike und Neuzeit“ sagen würde, wusste sie, ohne ihn gefragt zu haben.
„Was willst du denn damit? Wahrsagerin werden?“

Nun, das war die Frage. Abgesehen davon, dass sie sich nicht sicher war, ob sie sich in esoterische Kreise begeben wollte (das Plakat hatte im Schaufenster einer sogenannten spirituellen Buchhandlung gehangen), war ihr beim Nachdenken darüber klar geworden, dass sie eigentlich nur eine einzige Zukunft interessierte: ihre.

Schön, sie hatte ein Faible für Geschichte und hätte beinahe mal Religionswissenschaften studiert. Der Gedanke an Zukunftsdeutung aus Vogelflug, Astrologie und Kartenlegen übte durchaus einen gewissen Reiz auf sie aus. Sie war jedoch ehrlich genug, sich selbst einzugestehen, dass die Zukunft an sich nicht das Problem war.
Die Frage war schlicht: Was sollte sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen? Die Kinder waren aus dem Haus, die Ehe mit ihrem Mann hatte das Funkeln verloren und war einem wärmenden, geschätzten Feuerchen gewichen. Liebe, ja, klar, aber irgendwo waren sie älter geworden und lebten manchmal ganz schön nebeneinander her und nicht miteinander. Sie war zu bequem und zu ängstlich, das für eine ungewisse Zukunft aufzugeben (auch das eine unbehagliche Einsicht), außerdem hatten sie beide hart dafür gearbeitet, genau diesen Status quo zu erreichen.
Aber in ihr war dieses … Loch. Es muss im Leben doch mehr als alles geben, schrie es beharrlich. Was fehlte? Sie wusste es nicht.

Draußen schwang sich ihr Mann auf sein Motorrad. Es würde eine der letzten Ausfahrten vor dem Winter werden. Hoffentlich war er vorsichtig, die Straßen waren oft laubbedeckt und rutschig, und er hatte erst letztes Jahr wieder mit dem Biken begonnen. Nicht auszudenken, wenn etwas passierte …
Motorradfahren. Ein Traum, eine alte Liebe.

Was war überhaupt aus ihren ureigensten Träumen geworden, überlegte sie. Hatte sie niemals welche gehabt?

 

abc.etüden 2019 43+44 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 43/44.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulli und ihrem „Café Weltenall“ und lauten: Vogelflug, ängstlich, schwingen.

Ich habe es dieses Mal Veronika nachgemacht: irgendwie dasselbe Thema, nur ein anderer Aspekt, eine andere Geschichte. Vielen Dank! Euch, so ihr habt, einen guten Feiertag!

 

Vogelflug | abc. etüden

Sie war so wütend und fühlte sich innerlich so zerrissen, sie hätte schreien und mit Gegenständen werfen können.

„Warum bist du so sauer?“

„Ach, kümmer dich doch um deinen eigenen Kram“, brummte sie in sich hinein, aber sprach es nicht laut aus. Es war eh egal, als Nächstes würde man ihr Wechseljahresbeschwerden unterstellen. Was sollte sonst schon mit ihr sein?

Der Herbst brach mit Macht herein, es wurde jeden Tag dunkler und kälter und sie fühlte sich wie ein Tier, das nicht zu den anderen in den Stall wollte. Es muss doch mehr als alles geben! Irgendwas war total falsch.

Draußen hörte sie die ziehenden Gänse, sie stürzte auf die Terrasse und starrte in den Himmel, dem fliegenden V hinterher. Früher, ja, früher, da hatte man den Vogelflug genutzt, um die Zukunft vorauszusagen. Eingeweideschau übrigens auch, iiih, sie erinnerte sich, davon in der Schule im Lateinunterricht gehört zu haben. Aber würde sie denn wirklich die Zukunft erfahren wollen, so richtig im Ernst, oder war sie dazu nicht doch zu ängstlich? Sie, bei der die Tarotkarten streikten und die Silvesterbleigießerei nur irgendwelche obskuren Knubbel hervorbrachte? Zurzeit jedenfalls zweifelte sie an allem und jedem, und sie war sich nicht sicher, wie tief das Grollen ihre Grundfesten erschüttern würde, wenn sie es weiter zuließe.

Wer dachte, dass sie heute eifrig den Putzwedel schwingen würde, dem würde sie jedenfalls mit dem Besen eins überbraten. Ha. So!

Soll doch. Sollen die anderen.

„Hau bloß ab, du“, raunzte sie die Katze an, die vor ihr um die Ecke bog. Die jedoch, ignorant wie stets, hielt auf sie zu und rieb sich an ihrem Bein. Reflexartig hob sie sie hoch, fuhr zärtlich über das kurze, harte Fell und lächelte bei dem zufriedenen Schnurren des kleinen Tieres.

Sie fühlte sich wie der Gordische Knoten vor dem großen Schlag.

 

 

abc.etüden 2019 43+44 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 43/44.2019: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ulli und ihrem „Café Weltenall“ und lauten: Vogelflug, ängstlich, schwingen.

 

Von Zeit und Vergehen

 

Durch manchen Herbst

Durch manchen Herbst des Leidens
mußt du, Herz,
eh dich die letzte goldne Sichel mäht.
Schon späht
ihr blankes Erz
nach deinem dunklen Blut.
Wie bald, so ruht,
verströmend Gold,
es, Abendröten gleich
in jenem Reich
des Ewigen Abends,
welcher Friede heißt!
O süßer Geist
der Nächte,
sei mir hold!

(Christian Morgenstern, Durch manchen Herbst, aus: Melencolia, 1906, Online-Quelle)

 

Nächtens will ich mit dem Engel reden

(VIII)

Nächtens will ich mit dem Engel reden,
ob er meine Augen anerkennt.
Wenn er plötzlich fragte: Schaust du Eden?
Und ich müsste sagen: Eden brennt

Meinen Mund will ich zu ihm erheben,
hart wie einer, welcher nicht begehrt.
Und der Engel spräche: Ahnst du Leben?
Und ich müsste sagen: Leben zehrt

Wenn er jene Freude in mir fände,
die in seinem Geiste ewig wird, –
und er hübe sie in seine Hände,
und ich müsste sagen: Freude irrt

(Rainer Maria Rilke, Nächtens will ich mit dem Engel reden, Teil von: Gedichte für Lulu Albert-Lazard; Irschenhausen, 25. September 1914, aus: Rainer Maria Rilke, Gedichte 1906 bis 1926, Insel-Verlag 1953, S. 258)

 

Weisst du – wo?

Weit – weit –
Hart an der Ewigkeit,
Über den Zeiten,
Ganz hinter Mitternacht,
Wo schauernd schreiten
Füsse der Geister sacht,
Wo gar kein Wald mehr
Und keine Wiese lacht,
Wo, dieses Lebens leer,
Schläft eines Oceans Macht
– Dort winkt ein Streifen Strand,
Dort kreist die Sehnsucht mein
Adlergleich, ganz allein,
Suchend nach Land.

(Karl Ernst Knodt, Weisst du – wo?, aus: Neue Gedichte, 1902, Online-Quelle)

 

See und Waldrand im Nebel | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay

 

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde den Rilke einigermaßen verstörend und ungewöhnlich.Das Gedicht ist mir neu, ich versuche gerade, mir einen Reim darauf zu machen. Aber wie dem auch immer sei: Kommt gut in die neue Woche.

(Hinweis in eigener Sache: Heute und morgen ist eine gewisse Anthologie noch kostenlos herunterzuladen – bitte hier weiterlesen!)