Freitag | abc.etüden

Wie eine flackernde Kerze, dachte sie beim Anblick der alten Dame erschrocken, die auf der Terrasse die spärliche Frühlingssonne genoss. Verfluchter Winter, er nahm so viel.

„Renate, bist du das?“ Suchend sah die alte Dame sich um.
„Nein, Frau Neumann, ich bin doch Milena vom Pflegedienst. Wie geht es Ihnen heute Mittag?“

Sie kam jeden Tag zweimal, um das zu erledigen, was es zu tun gab. Auch, weil sonst keiner mehr da war. Haare, Haut, Gesichtsfarbe, die viel zu oft gewaschene und jetzt schlotternde Kleidung der alten Dame erinnerten Milena an ein ausgebleichtes Foto.
Wie anders waren die Herzlichkeit und das laute Lachen ihrer eigenen Großmutter gewesen, die bis zum letzten Tag vor Leben gestrotzt hatte. Mit ihr zu knuddeln war wie ein Ringkampf mit einem Bären gewesen. Einem, bei dem man gern unterlag, weil dann die pure Liebe über einem zusammenschlug.
Angenehm war es in der Sonne. Milena seufzte.

„Könnten Sie mir meine Decke von der Couch holen? Mir wird kalt.“
„Wie lange sitzen Sie denn schon hier, Frau Neumann? Haben Sie zu Mittag gegessen? Sie sollten hineingehen und einen schönen, heißen Tee trinken, nicht, dass Sie sich noch eine Grippe einfangen.“
„Nein, ich möchte gern hierbleiben. Heute ist doch Dienstag, da kommt Renate mich nachmittags immer besuchen. Wer sind Sie noch gleich?“

Ihre Jugendfreundin war vor sechs Monaten gestorben. Letzte Woche hatte die alte Dame das noch gewusst.

„Sie ist bestimmt gleich da, Frau Neumann. Kommen Sie mit in die Küche, dann helfe ich Ihnen, Tee und Kuchen vorzubereiten. Das wird Sie aufwärmen.“
„Na gut.“

Sie stand auf und folgte Milena in die Küche.

Wenn sie weiter so abbaute, musste sie Meldung machen, das wusste Milena, dann würde die alte Dame nicht mehr lange allein leben können, ohne sich selbst zu gefährden.
Denn heute war und blieb Freitag.

 

abc.etüden 2020 06+07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 06/07.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Alice mit ihrem Blog Make a Choice Alice und lauten: Grippe, gebleicht, knuddeln.

Nein, nein, nein! Ich bin okay! Ich habe höchstens ein bisschen Winterblues und leide an allgemeiner Lustlosigkeit, aber sonst ist nichts, wirklich nicht! Bei mir ist es diesmal das Wort „gebleicht“, das mich verfolgt und mir von Tod und Vergehen erzählt. Ich wollte mir eigentlich viel lieber was Schräges über „Bleaching“ (von Zähnen) aus den Fingern saugen, aber das Traurige wollte mich nicht loslassen …

 

19 – Sieben Geister | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Sieben Geister (Katharina, Katha kritzelt)

 

Schneeflocken landen in Kinderlachen, tummeln sich um allgemeines Wohlbefinden. Die Bäuche sind voll, die Beine schwer. Je länger man läuft, desto freier fühlt man sich. Der Hund fährt mit seiner Nase Bahnen in den frisch gefallenen Schnee. Irgendjemand muss den Weg ja ebnen.

Zwölf, zwanzig, fünfzig, hundert, unendlich viel. Alles ist teuer. Das Geld klingelt laut und raschelt überall. Nur leise hört man den Magen einiger Geldbörsen grummeln. Auch dieses Jahr hat der Weihnachtsmann unterwegs Geschenke verloren.

Tick tock. Tick tock. Gleich kommt die Weihnachtsgala im Fernsehen. Die sieht sie jedes Jahr. Früher mit ihrem Mann. Sie schiebt das Fertiggericht mit Gans in die Mikrowelle. Es duftet chemisch und nach Rotkohl. Ein Ping erfüllt die leere Wohnung.

Das kleine Einhorn strahlt rosa, blau und gelb, als es genau im schummrigen Weihnachtsbaumlicht inspiziert wird. Sein Schweif glitzert und schwingt fröhlich hin und her. Eine kleine Dame drückt es an sich und quiekt vor Freude. Sie wird ihn überall hin mitnehmen. Auch in ihre erste eigene Wohnung.

Engumschlungen, liebend, zärtlich. Er streichelt ihre Wange. Sie küsst sanft seine Schulter. Sie liegen vor dem Kamin, eingerollt in das Bärenfell von seinem Großvater. Die Kerzen im Baum und das Feuer im Kamin leuchten nur halb so stark wie ihre Augen.

Leise rascheln seine grünen Nadeln. Seine Äste beben, geht man an ihm vorbei. Es riecht nach Wald, süßlich, herb. Leben. Sterben. Er ist entwurzelt und seine Tage sind gezählt. Draußen könnte er mit seinen Brüdern für eine grünere Welt sorgen, hier drinnen saugt nur jemand.

Sie reicht ihm die Vanillekipferl, er gibt ihr die Teekanne. Die Kindeskinder toben im Hintergrund. Die Kinder ermahnen, halb scherzend, halb erziehend. Sie verbrennt sich am heißen Tee, er krümelt seine Hose voll. Beide lächeln.

 

Adventüden 2019 19 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

07 – Rattenkalt | Adventüden

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

 

Rattenkalt (Alice, Make a Choice Alice)

 

»So eine Scheiße!«, sagte er, und direkt noch mal, um es zu bekräftigen: »So eine Scheiße!« Der Deckel von der Teekanne war verschwunden, einfach so, während er schlief. Und nun war es beißend kalt hier drinnen. Er zog die zerpflückte Decke über sich, versuchte dabei ziemlich vergeblich, die Schneeflocken aus der kleinen Öffnung zu schaufeln, und saß am Ende frierend unter nassen Lappen.

Es war sicher gewesen im Rudel, doch als die wilden Hunde kamen, waren nach und nach alle verschwunden. Er blieb allein zurück, hatte sich ein behelfsmäßiges Nest gebaut und alles gerettet, was er mit seinem schmächtigen Körper hereintragen konnte.

Es half nichts, er musste raus in die Kälte und den Deckel suchen oder etwas anderes, womit er sein Nest bedecken könnte. Kaum hatte er die Nase aus dem beuligen Metall gesteckt, hörte er dünnes Hundegebell. Vorsichtig linste er über den Rand. Doch keiner der großen Wilden kam da angeprescht, sondern ein kleiner, ein Welpe, der wohl sein Rudel auch verloren hatte. Noch etwas tapsig auf den Beinen näherte er sich, schnüffelte an und um die Kanne herum und streckte schließlich seinen halben Kopf durch die Öffnung.

Zitternd saß er unter den nassen Fetzen, hoffte inständig, dass er als Jungratte nicht den Rudelgeruch an sich habe und der Kleine noch ein wenig zu blöd zum Jagen sei. Da spürte er eine warme Zunge, die reichlich nass seinen kleinen Kopf besabberte. Vorsichtig schob er ein Stück seines Vorrats zwischen die kleinen scharfen Zähne und lauschte erfreut dem Schmatzen.

Als er endlich mit dem Rest seines Futters am Rand der Kanne erschien, saß der Welpe zufrieden schwanzwedelnd vor ihm. »Da brat mir doch einer …«, lachte er.

Er hüllte sich in die Reste seiner Decke und stiefelte mit dem Kleinen los. »Los, Kumpel, wir brauchen ein größeres Zuhause …«

 

(c) Alice Wakenfield für die Adventüden | 365tageasatzaday© Alice Wakenfield für die Adventüden – danke!

 

Adventüden 2019 07 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, Bearbeitung von mir