Adventüden 2021 20-12 | 365tageasatzaday

20.12. – O du Schreckliche | Adventüden

Es war Freitag, der 24.12. Heiligabend. Während sich alle in ihre jährlichen Glitzer-Outfits warfen, lag sie auf ihrer Couch im Schlafanzug. Wie sie Weihnachten hasste; sie, als Single ohne Familie und Kinder. Wenigstens musste sie keine übertriebene Dankbarkeit für unnütze Geschenke wie eine Aktentasche schauspielern, Geschenke, bei deren Übergabe man »Ah« und »Oh« ausruft, während man gedanklich schon einen Platz im Keller für sie sucht.

Sie seufzte, ihr tat der Magen weh. Sie hatte sich hemmungslos überfressen; statt einem Gefühl von Geborgenheit verspürte sie ein Völlegefühl. Kein Wunder nach den ca. 50 Keksen, die sie aus lauter Frust in sich hineingestopft hatte, nachdem sie Statusmeldungen von Freunden wie »Ben-Hugo, Maria und Peter wünschen euch frohe Weihnachten« gelesen hatte. Sie rollte sich auf die andere Seite und zappte durch das Fernsehprogramm, sie blieb bei einem Weihnachtsfilm hängen, der eine fröhliche Familie beim Geschenkeauspacken zeigte.

In ihr tobte ein Schneeregen aus Traurigkeit, sie fühlte sich einsam und wünschte sich, zu jemandem zu gehören. Einem Jemand, der mit ihr Eistee trinkt und Kartoffelsalat isst. Frustriert stand sie auf, um sich eine Zigarette anzuzünden. Sie wollte auf andere Gedanken kommen, sich aus dem Negativkreislauf befreien.

Sie stand am Fenster und rauchte ihre Zigarette, dann erblickte sie ihr gespiegeltes Gesicht; sie begriff, dass sie nicht alleine war, denn sie hatte jemanden an ihrer Seite, der sie liebte – sich selbst. Daher beschloss sie, sich selbst etwas zu schenken; etwas, was sie jetzt brauchte und ihr gut tat. Und so lag sie 10 Minuten später einfach so auf ihrer Yogamatte; während andere im Kreise ihrer Lieben »O Tannenbaum« sangen, summte sie eine Melodie nur für sich – die Melodie zum Lied »Ich liebe mich«.


Autor*in: Lene                 Blog: HerzPoeten

 

Adventüden 2021 20-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

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66 Kommentare zu “20.12. – O du Schreckliche | Adventüden

  1. Pingback: Von Einsamkeit und Weggehen | Irgendwas ist immer

    • Es gibt diese Aussagen, dass man mit sich selbst glücklich sein können muss, um mit anderen glücklich sein zu können. Da ist was dran, aber ein langer Weg ist es trotzdem. 😏
      Morgenkaffeegrüße (heiß, der Kaffee, nicht das Wetter) zurück! 😁⛅❄️☕🍪👍

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    • Ich will dieser Tage auch nicht aufstehen, manchmal weckt mich der Fellträger 🐈
      Man muss sich um sich selbst kümmern, und wenn die anderen einem nicht guttun, dann ist es okay, daraus Konsequenzen zu ziehen, möglichst, ohne alles Porzellan zu zerschlagen … 😉
      Morgenkaffeegrüße aus der dämmernden Helle 😁⛅☕🍪👍

      Gefällt 3 Personen

  2. Da ist es wieder: dieses unwahrscheinliche Wesen der Moderne, das in Appartments lebt und allenfalls in Stadien auftaucht, ansonsten aber ein fast mönchische Leben führt, nur die Klostergemeinschaft anders gestaltet. Dazu hat es sich mit allem ausgestattet, was zu einem modernen Mönchsleben gehört: Die Außenwelt kommt übers Internet oder über den Logistikdienstleister und es kann darüber in die „Außenwelt“ gehen, es beherrscht Selbstwahrnehmungs- und -formungstechniken für die „Arbeit“ am unruhigen ICH. Als zeitgemäße Bibel nutzt es überwiegend Kochbücher. Das DU ist schon zu einer mit einem Klick zu lösende oder zu schließende InterNETverbindung mutiert. Das Spiegelbild die einzige lebende Erinnerung daran, das es MICH gibt und die ist so ehrlich wie der Betrachter. Allerdings scheint dieses neumutierte Wesen aber doch ursprünglicher geblieben zu sein als gedacht. Denn seine ständigen Gäste sind und bleiben diese Wallungen, diese Gefühlsungeheuer. Diese anscheinend unzähmbaren GesellInnen, die unangemeldet, ungefragt, unaufgefordert kommen und gehen. Sie klopfen nicht an, lassen sich nicht vertreiben, sie tanzen auf ihren Schultern und äffen es an. Aber mit ihnen kann man auf die Yogamatte gehen und sie in Meditation mit sich selber füttern und vorübergehend abstellen. Denn das ist das Wunderbare an ihnen: Es gibt sie in allen Schattierungen. Sie schwanken auch stündlich, sekündlich, halten selten still und wenn nur für das „Sekundenglück“. Was also ist so modern an diesem modernen Asketen? Was würde nur aus diesem Wesen, wenn es ihm gelänge, auch diese übers Internet zu beziehen, etwa von einer Gentechnik-Bank und als Menü beziehbar? Wenn sich dann die Umgangssprache wandelt und nicht mehr: „ich muss noch eben ins Bad“..gesagt würde..sondern..“moment bitte, ich muss schauen was ich noch auf dem Konto habe“…

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    • Ich nicke und kann meine Antwort ganz kurz halten: Das ist genau die Zukunft, in die wir uns bewegen (sollen). Ich denke, dass der Corona-Hype dazu kräftig genutzt wird.
      Und was passiert mit denen, die nicht mithalten können? Tja. Dumm gelaufen.
      Morgenkaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

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  3. Ich vermute – besser gesagt: die Zeichen der letzten Jahre lassen es wahrscheinlich werden – dass Banalität der „gehobene“ Standard wird. Deshalb mache ich mir über keinen wirklich Sorgen. Für vieles benötigt man ja keine Schul-Ausbildung mehr. Auch die Kinderzimmer verweisen schon. Die Banalität scheint schon an der Macht. Allenfalls sorge ich mich um die Diversität in der Natur. Aber da bin ich -verhalten- optimistisch, denn das „moderne Wesen“ bewegt sich nur im Appartment oder dort, wo sich die Massen bewegen, auf asphaltierten Wegen bei Sonnenschein.

    Kafka schrieb mal: „Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.“ Ein Satz, der nichts weniger als die Anfangsgeschichte der Moderne beschreibt, die alles Unvorhersehbare stets mitberechnen muss. Erst ist es unvorhersehbar, dann unwahrscheinlich, dann eine Herausforderung, dann Wahrscheinlich, dann möglich, dann ein Projekt, dann Routine…

    PS: Gestern las ich einen Artikel in der NZZ: „Winterkrieg in der Ukraine“ – Irgendwann hört man auf, in Panik bei den Soldaten anzurufen. Stattdessen werden nun nahe der Front Christbäume aufgebaut. Eigentlich müsste den Ukrainern bei den Nachrichten über aufmarschierende russische Divisionen angst und bange werden. Tatsächlich aber herrscht vorweihnachtliche Gelassenheit – denn innerlich mobilisiert ist man seit Jahren.

    Das nenne ich mal eine moderne ZEN Geschichte.

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      • Für mich war es wichtig herauszustellen: „Stattdessen werden nun nahe der Front Christbäume aufgebaut.“
        Ich hätte auch die Geschichte von dem an einer Wurzel sich haltenden berichten können, der unter sich den Abgrund und über sich einen lauernden Löwen und vor sich eine herrliche rote Erdbeere sieht…und diese nun genießt….Aber das sind ja „nur“ Geschichten. Die Weihnachtsbäume an der Front aber unser brisanter Alltag. Wer wann in welcher Reihenfolge dort Manöver abhält und somit „angefangen“ hat war nicht mein Aspekt.

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      • Schon verstanden, und ich würde lieber bei den Geschichten bleiben.
        Mir kam es nicht auf das Anfangen an, sondern darauf, dass die Ruhe dort möglicherweise deshalb einkehrt, weil sie vielleicht wissen, dass die Russen nicht ihretwegen aufgezogen sind, sondern wegen des Säbelgerassels hinter der Grenze.
        Friede auf Erden.

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  4. Pingback: 20.12. – O du Schreckliche | Adventüden – HerzPoeten

  5. Wunderbar sich selbst so aus dem Sumpf ziehen zu können, eine Erfahrung, die vermutlich noch jahrelang kostbar sein wird.
    Ich glaube ich bin tatsächlich bislang nur ein einziges Mal Heiligabend allein gewesen und das war irgendwie … schön.
    Ich bin allerdings nachts noch zur Arbeit gegangen, da ist man ja auch nicht allein.

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  6. Yoga ist was wunderbares – und für mich solls rote Rosen regnen… das fällt mir dazu ein – meine Allein-Weihnachten – ich werde sie nicht vergessen. Wahnsinn was man da alles durchmacht, von Coolheit bis Verzweiflung – intensive Stunden, wenn sie in Yoga enden, dann finde ich das gut. LG Doro

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    • Hallo ihr Lieben
      Zu später Stunde meldet sich die Autorin dieses Textes. Spät, da ich arbeiten musste.
      Vielen Dank für die Kommentare und Aussagen zu meinem Text.

      Wie Christian sagte, ist Selbstliebe etwas, das wir lernen müssen. Es wird uns leider, weil es oft selbst nicht gelernt wurde, nicht immer in die Wiege gelegt. Der Weg dahin ist beschwerlich und mit vielen Erfahrungen gepflastert, die schmerzhaft sind. Schmerzhaft deshalb, da wir uns oft selbst im Wege stehen, Chancen verpassen und am Ende nur wieder in unserem Denken bestätigt werden: Wir sind nicht gut genug. Gut genug / liebenswert zu sein, ist ein Gefühl, das wir alle erfahren sollten. Selbstliebe als Schulfach wäre meiner Meinung nach unabdingbar; für mich wichtiger, als nur zu lernen, was richtig und falsch ist. Denn, wenn wir ohne Liebe in uns durch unser Leben laufen, laufen wir blind durchs Leben; blind in dem Sinne, dass wir das Glück verpassen.

      Myriade, da hast du recht; zwischen den Gefühl alleine sein / einsam zu sein, liegt ein himmelweiter Unterschied. Ich bin der Ansicht, dass man auch mit sich alleine klar kommen sollte. Aber, dies ist nur meine Ansicht. Sie muss nicht richtig sein.

      Nun zum Text selbst; in jedem Wort, das ich schreibe, steckt ein Stück ich. Würde ich dies nicht erwähnen, würde ich einen wichtigen Aspekt vergessen. Die Protagonisten führt kein asketisches Leben. Nur leider, wie es manche Biographien nun einmal so spielt, haben nicht alle Menschen das Glück, familiär gut angebunden zu sein. Die Gründe hierfür mögen verschieden sein. Die Yoga Matte steht hier tatsächlich für den Aspekt der Selbstliebe und die Fähigkeit, negative Gefühle zu akzeptieren und sich aus ihnen befreien zu können.
      Denn, auch wenn das für euch kitschig klingt, ist für mich die Liebe der einzige Weg um glücklich sein zu können. Und damit meine ich vor allem die Liebe zu sich selbst.

      Allen einen schönen Abend. Sollte ich einen Kommentar nicht beantwortet haben, verzeiht. Ansonsten scheut euch nicht, diesen Beitrag zu kommentieren.

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  7. Danke für die Etüde, liebe Christiane.
    Selbstliebe ist laut Neuem Testament ebenso wichtig wie Nächstenliebe – mehr noch, eigentlich die Voraussetzung („Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“).
    Leider wurde von den Bibelauslegern und Predigern – und ich verwende hier bewusst die männliche Form – die zweite Hälfte des Satzes über Jahrhunderte einfach unterschlagen. Für die Katholische Kirche gilt dies auf jeden Fall, in der Ev. Kirche mit ihren unterschiedlichen Strömungen, kenne ich mich nicht so besonders aus.
    So gesehen ist Selbstliebe eine Tugend, denn in ihr gründet sich Nächstenliebe.
    Und, nebenbei, den Begriff „Selbstfürsorge“ z.B. gibt es im Duden nicht – nur den der Fürsorge (für jemanden, der es nötig hat).
    Selbstliebe ist tatsächlich lernbar, aber der Impuls muss von innen kommen.
    Herzliche Grüße
    Judith

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  8. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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