Adventüden 2021 06-12 | 365tageasatzaday

06.12. – Das erste Mal | Adventüden

Ich habe gedacht, ich hätte alles durch. Man erlebt so allerlei, und ich arbeite nicht das erste Jahr auf dem Wintermarkt. Aber zwischen Weihnachtsschmuck, Bratapfel, Glühwein und Schneeregen habe ich mich schockverliebt. Inklusive Herzklopfen und Sehnsucht. Allerdings hat sie ziemlich junge Kinder, und das verunsichert mich, denn ich selbst habe keine, und ich bin nicht mehr jung.

Manchmal weiß man schnell, dass man etwas miteinander probieren möchte. Als sie mich also gefragt hat, ob ich nicht zu Nikolaus Geschenke bringen könnte, habe ich zugesagt, einfach so. Und jetzt stehe ich in ihrem Treppenhaus und bin aufgeregt.

Mir öffnet der kleine Junge, als ich klingele, juchzt: »Papa, Papa!«, umarmt mich, klettert wie ein Äffchen an mir hoch, zerrt mir am Bart (der nicht abgeht), erstarrt, rutscht runter, rennt in die Wohnung und brüllt: »Das ist überhaupt nicht Papa!«

O nein, verdammt! Schlechter Anfang. Und jetzt?

»Von drauß’ vom Walde komm ich her«, erkläre ich bedrückt der Liebsten, die inzwischen im Türrahmen erschienen ist, ein älteres Mädchen neben sich, und überreiche ihr den Sack. »Oder so ähnlich.« Ich bin aufgewühlt, aber sie lächelt ermutigend. Es riecht nach Keksen, ich störe wohl beim Plätzchenbacken.

»Lara, schau mal nach Timmy«, bittet sie ihre Tochter, die mir einen neugierigen Blick zuwirft, aber nickt und verschwindet. Dann gibt sie mir einen schnellen Kuss, greift nach meiner Hand und zieht mich Richtung Küche.

»Du bist echt zu blöd«, hören wir wenig später die erhobene Mädchenstimme aus dem Kinderzimmer. »Natürlich ist das nicht Papa, wir haben doch morgen mit Papa wieder so einen Viii-deee-ooo-coll oder wie das heißt. Das ist bestimmt der neue Freund von Mama. Hat sie doch erzählt!«

Die Liebste scheint erleichtert und seufzt tief. Ich lege den Arm um ihre Schultern und ziehe sie an mich.

»Willkommen«, murmelt sie. »Geht doch. Wirst schon sehen.«


Autor*in: Christiane                      Blog: Irgendwas ist immer

 

Adventüden 2021 06-12 | 365tageasatzaday
Quelle: Pixabay, Bearbeitung von mir

 

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Nachdem viele Teilnehmer*innen und Leser*innen das Fetten der vorgegebenen Wörter als störend empfunden haben, wurde darauf verzichtet. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfassen durfte, waren (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe zu verwenden:

Aktentasche, Bratapfel, Doppelgänger, Eistee, Geborgenheit, Glitzer, Kartoffelsalat, Kekse, Kopfzerbrechen, Marzipan, Partitur, Schneeregen, Sehnsucht, Sturmwolkenblau, Weihnachtsschmuck

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen der Adventüden 2021, einem Projekt von »Irgendwas ist immer«.

 

61 Kommentare zu “06.12. – Das erste Mal | Adventüden

  1. Pingback: Von Abschied, Liebe und Hoffnung | Irgendwas ist immer

    • Ich bin besser in vielversprechenden Anfängen als in glücklichen Enden, ich traue dem Braten immer nicht, liebe Gerda, und das hier ist für mich immer noch ein Anfang, aufs Ganze gesehen. Aber ja: Möge es gut ausgehen, es kann ja auch mal klappen! 😉👍
      Mittagskaffeegrüße 😁🌧️🧡🤶☕🍪👍

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  2. Liebe Christiane, ich liebe zauberhafte Anfänge, und dieser ist einer, so vielversprechend und erzählend… das wird was, ganz bestimmt. Alle Fingerkreuz und die Daumen gedrückt. Diese frische Aufregung, ein fremder Flur, ihrer, eine Wohnung mit anderen Gerüchen, wie wunderschön! Ich habs leider erst jetzt gelesen, was wäre das ein Montagmorgen gewesen, mit dieser Geschichte in den Tag zu starten. Aber auch jetzt ist meine Erschöpfung einem sanften Lächeln gewichen, das behalte ich jetzt einfach im Gesicht…. Dankeschön! LG Doro

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  3. Also erstmal danke, dass du den Nikolaus wirklich an Nikolaus kommen lässt. So ist das nämlich richtig. Nicht an Weihnachten. Das ältere Männer mit Bart von jungen Frauen nach Hause eingeladen werden, halte ich aber für ein Weihnachtsmärchen -allerdings ein schönes. ho ho ho!

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  4. Pingback: Weihnachtspause | Irgendwas ist immer

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