Hoher Einsatz | abc.etüden

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier und kenne doch keine Note. Sie sei eben ein Versager, sagte ihre Mutter, und leider so ganz anders als ihr Bruder. Es steht im Dunkel der Kellertür, seitdem die Welt verrohte. Ihr Gesicht war dagegen schon ziemlich milchweiß, um nicht zu sagen käsig, wie ihr ein Blick in den Toilettenspiegel bescheinigte. Zerbrochen ist die Klaviatür … ich beweine die blaue Tote. Ach, nicht wirklich, aber ihr Arm war jedenfalls inzwischen rostrot, rostrot wie der Fluss aus Blut, der ihn bedeckte, und tat saumäßig weh.

„Komm da raus, ich weiß doch genau, dass du das nur gemacht hast, damit du nicht üben musst“, hörte sie ihre Mutter herumschreien. Sie taumelte beim Aufstehen und befürchtete einen Moment, dass sie das mit dem Schneiden vielleicht doch ein bisschen übertrieben hatte. Wenn ihre Mutter auch kein Blut sehen konnte, würden sie beide gleich umkippen.
Womit ihre Pianistinnenkarriere und dieser widerliche Klavierlehrer bestimmt endgültig Geschichte wären.

———-

Sollte sich jemand fragen, was ich da zitiere (kursiv): Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, aus dem gleichnamigen Gedichtband (Quelle).

 

abc.etueden schreibeinladung 13.17 1 | lzVisuals mit freundlicher Genehmigung von ludwigzeidler

 

Für die abc.etüden des Herrn lz: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von dergl (Fädenrisse) und lauten: Rost, milchweiß und Fluss.

 

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67 Kommentare zu “Hoher Einsatz | abc.etüden

  1. geniale Geschichte…wirkt so locker wie die Protagonistin…ich mag den Switch am Ende und habe echt aufgeatmet…fühlte sich einen Moment lang nach blutrünstigem Mord an, lach. Danke für diesen schönen Start in den Tag! Mal sehen, was ich heute noch zusammenschreibe….
    liebe Grüße
    Carmen
    PS: der Frühling ist ausgebrochen bei uns! Habe gestern eine stundenlange Gartenschicht eingelegt und war danach völlig erledigt!

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    • Ich hatte einen Anfang, der voll in die „Dramaqueen“-Richtung ging. Beim zweiten Versuch war es ein Selbstmord aus (keine Ahnung, vielleicht) Liebeskummer. Aber die gelangen nicht, und dann hatte ich plötzlich diese Mutter …
      Mach mal, bin gespannt, wer aus deinem Kopf schlüpft!
      Hier nestbauen und singen die Vögel vom Feinsten, und eigentlich möchte man gar nicht an den Computer …
      Liebe Grüße
      Christiane

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  2. Fein! Ich mag den Realismus. Es gibt das Phänomen tatsächlich, Mitte der Nullerjahre wurde das sogar größer diskutiert. Damals wartete ich auf die Umschulung, saß in einem Vorbereitungskurs dafür und weil ich ja Schulbibliothekarin war setzten die mich zu Sozialleuten, die Erzieher oder so anstrebten, da war das groß Thema. Überhaupt scheint das mal ein ziemlich häufiges Phänomen gewesen zu sein (eher Generation meines Bruder und jünger).

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      • Das Phänomen des Selbstverletzenden Verhaltens. Generell und auch im Kontext von solchen Situationen. Und wenn der Klavierlehrer so widerlich war gibt es da auch noch mal eine andere Stufe warum sie das macht. Gibt es viel Literatur drüber bei Beratungsstellen und so. Ich habe unter anderem wegen K. ein bisschen was gelesen, die fing nach ihrem schlimmen Erlebnis kurzzeitig an. (Daran sieht man, dass das altersunabhängig ist, die war fast 60, was natürlich nicht heißt, dass damals nicht irgendein anderes Trauma wieder aufgebrochen sein kann bei ihr, ich kann, muss und will da nicht die ganze Lebensgeschichte kennen, sondern nur so viel wie ich brauche um adäquat auf sie reagieren zu können. Aber nun wo es warm wird wird das bei ihr wieder Thema, denn es wird ja „erwartet“, dass sie kurze Ärmel oder Sandalen oder so anzieht und sie möchte das nicht, kann aber sich auch nicht vorstellen, es einfach deshalb nicht zu machen weil sie es nicht will und einfach in Jeans und Turnschuhen oder mit Poncho oder Tunika rauszugehen, wenn man dann sieht wo mal Schnitte waren hat sie einen Grund, dann kann sie sagen, sie trägt das damit sich keiner ekelt. Bei jüngeren oder ganz jungen Leuten ist das vermutlich auch nicht anders als bei ihr.)

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        • Fein und jetzt muss ich los. Ich habe ein „Date“ mit Mikesch zum drüber zoffen welche Twix-Imitation besser schmeckt, die von ihrem Aldi (Nord) oder meinem (Süd). Mir schmeckt „meine“ schon um Klassen besser als das Original (auch nicht so mein Ding), aber Madame isst ja nichts wo keine beworbene Marke draufsteht…

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        • Weil sie anstrengend ist.

          Kostprobe (dann muss ich aber wirklich)?

          M: „Ich will so eine China-Banane.“
          China-Imbiss-Mensch zeigt ihr gebackene Banane und fragt ob sie das meint.
          Ja, meint sie.
          Banane kommt an den Tisch, sie isst davon und plötzlich ganz erstaunt: „Da ist ja Banane drin!“

          In einer Banane…

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        • Du bekommst eine Auszeichnung als „Held des Alltags“ *seufz*. Sag mir nicht, dass man sich an fast alles gewöhnt, schon klar, aber ich als Unbeteiligte würde (zumindest bei häufigeren Wiederholungen) ausflippen.

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        • Man möchte auch als Beteiligter mitunter gern eine Mondrakete mit Starterlaubnis und hochoffizieller Anweisung zum sofortigen Abschuss nach Besetzung mit Mikesch in der Tasche haben. Vielleicht wissen die Mondmenschen noch nicht, dass Banane Banane ist oder dass man sich nicht wundern muss wenn man am 14. einen Termin hat und vor verschlossener Tür steht wenn man am 17. erst hingeht, weil man gedacht hat, is‘ egal… In die Doku geht so etwas allerdings nur zwischen den Zeilen. Ach so, mein Twix-Imitat hat gewonnen. Dafür, da bestehe ich drauf, hat ihr Aldi die besseren Chips.

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        • Bei Aldi Nord soll Chio hinter den Chips sein, die mag ich am liebsten. Aldi Süd ist Lorenz, die mag ich aber auch als Crunchchips nicht. Die Stapelchips sind Chipsletten, das ist noch in Ordnung.

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        • Die Paprikachips in der roten Tüte von Feurich, 89 Cent oder so.
          Früher hießen die, glaube ich, bei beiden Aldis „Ibu“ und die sind von den Werken von Intersnack produziert wurden, daher kommt Chio und Goldfischli etc. Funny Frisch ist ein Zweig davon, aber die hat Aldi ja mittlerweile zumindest in Süd auch so im Sortiment (mag ich aber nicht so). In meiner Umschulung saß ein „Fachmann“ (Fließband in Fabrik), daher bin ich „gebildet“.

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        • Danke für die Antwort, ich wollte nur sichergehen, dass wir über dasselbe sprechen. Ich dachte, SV wäre nach wie vor weit verbreitet, ich weiß, dass es mal viel stärker in den Medien thematisiert wurde, du hast mit den Nullerjahren da bestimmt recht.
          Ich weiß darüber sehr wenig aus eigener Erfahrung (incl. Umfeld) und bin deshalb da sehr knapp geblieben, warum sie es macht, ob das nun ein halbherziger Selbstmordversuch oder etwas anderes war, und ja, auch der widerliche Klavierlehrer sollte neben den Ansprüchen der Mutter eine mögliche Begründung abgeben.
          Leider bekomme ich Leute aus derartigen Situationen nicht so einfach raus wie Nixen aus dem Aqaurium, nicht mal schreiberisch. Andererseits finde ich das auch angemessen.
          Liebe Grüße
          Christiane

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        • Ich vermute nicht ernsthaft, dass es weniger verbreitet ist als damals, nur ist es nicht mehr so im Fokus der Öffentlichkeit und es gibt auch Formen, die man nicht sieht (sich Haare ausreißen zum Beispiel), so dass es eben oft in Vergessenheit gerät. Was schlecht ist, weil die Betroffenen dadurch noch weniger ernstgenommen werden.

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        • Das zählt offiziell schon zu Verhaltenssüchten, aber ich glaube, die Abgrenzung ist manches Mal nicht eindeutig. K. zum Beispiel futtert ja damit sie sich spüren kann und merkt dieser Körper gehört zu ihr, aus demselben Grund kann auch jemans ritzen, ziehen, Nägel aufbeißen etc.

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  3. An das blaue Klavier musste ich auch sofort denken, ob es denn so gemeint war? M… ich weiss schon, es gibt die Kinder, die wegen der Überei leiden, aber es gibt auch die, die es lieben oder gerne geübt hätten, wie ich, aber wie, so ohne Klavier?
    Klasse Geschichte mal wieder, liebe Christiane!
    Herzliche Grüsse
    Ulli

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    • Offensichtlich liegt mir sie, die etwas so sehr nicht will (aus welchen Gründen auch immer), näher als eine, die etwas total will. Auf die umgekehrte Idee wäre ich nicht gekommen. Interessante Beobachtung, ich danke dir für den Anstoß.
      Andererseits hatte ich als erstes das blaue Klavier im Kopf und wollte unbedingt ein bisschen Drama generieren …
      Liebe Grüße
      Christiane 😉

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  4. Es war eine geniale Idee, mit dem blauen Klavier etwas zu machen und die duster skurile Geschichte ist Dir messerscharf gut gelungen, liebe Christiane.
    Kein einziger Sozialarbeiter wird Dir an die Gurgel gehen, ist doch sehr klar zu erkennen, daß da nur ein hintergründigmorbider Humor, dem englischen sehr ähnlich, vordergründig versteckt liegt … 🙂

    Mir liegt Deine etwas schräge Art des Schreibens sehr.

    Lieber Gruß von mir
    PS Wie wärs mit der Anna Blume für die nächste … ?

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    • Ach, die famose Anna Blume? Die merke ich mir lieber für Frühlingsgefühle vor, liebe Bruni … oder so.
      Du findest, ich schreibe schräg? Hui, danke für das Kompliment, das höre ich gern, ich bin immer neugierig zu erfahren, was anderen an meinem Schreiben gefällt … 😀
      Vergnügte Grüße und danke!
      Christiane, singing in the rain

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        • Ach, ich mag Regen, das Geräusch auf dem Dach, die nasse Katze weniger. Schön ist auch, dass es gerade dabei nicht kalt ist, immer noch 10 Grad, das ist für Hamburg nachts sehr okay.
          Und wenn es die nächsten Tage wirklich noch wärmer und sonniger werden sollte (heute war es den ganzen Tag trüb), dann kann ich den Blättern beim Wachsen zusehen, das ist auch toll.

          Gefällt 1 Person

Ja, eben. Und du so?

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