Von Frühling und Mai

 

Maimond

Maimond schwebt über dem Fluß
und liegt mir glatt vor dem Fuß.
Das Wasser rückt nicht von der Stelle
und lugt nur hinauf in die Helle.

Ich schau übers Flußbett hinüber –
Ein Lied schlägt die Brücke herüber,
es lacht eine Nachtigall
eine Brücke aus Freude und Schall.

Es regt sich der Nachtwind im Laub –
Es fiel ein Gedanke zum Staub –
Maimond aus vergangenen Jahren
liegt streichelnd auf alternden Haaren.

Maimond zog mich hin mit Verzücken
sacht über die singenden Brücken,
und jünger wurde mein Gang,
solange die Nachtigall sang.

(Max Dauthendey, Maimond, aus: Insichversunkene Lieder im Laub, in: Gesammelte Gedichte und kleinere Versdichtungen, Albert Langen, München 1930, S. 297/8)

 

Ans Ziel

Gestern ein Rieseln
Im weichen Eise,
Heute ein Bach
Auf der Frühlingsreise,
Gestern ein Kind
Mit Schleif’ und Band,
Heute Jungfrau
Im Festgewand:
Wohin? – wer weiß?
Und wem der Preis?
Frage die Biene,
Wohin sie fliegt,
Frage die Hoffnung,
Wo Eden liegt.

(Johann Georg Fischer, Ans Ziel, aus: Gedichte, 3. vermehrte und aus den verschienenen Sammlungen vervollständigte Aufl., Bonz, Stuttgart 1888, Online-Quelle)

 

Die Konfirmanden

(Paris, im Mai 1903)

In weißen Schleiern gehn die Konfirmanden
tief in das neue Grün der Gärten ein.
Sie haben ihre Kindheit überstanden,
und was jetzt kommt wird anders sein.

O kommt es denn! Beginnt jetzt nicht die Pause,
das Warten auf den nächsten Stundenschlag?
Das Fest ist aus, und es wird laut im Hause,
und trauriger vergeht der Nachmittag …

Das war ein Aufstehn zu dem weißen Kleide
und dann durch Gassen ein geschmücktes Gehn
und eine Kirche, innen kühl wie Seide,
und lange Kerzen waren wie Alleen,
und alle Lichter schienen wie Geschmeide,
von feierlichen Augen angesehn.

Und es war still als der Gesang begann:
Wie Wolken stieg er in der Wölbung an
und wurde hell im Niederfall; und linder
denn Regen fiel er in die weißen Kinder.
Und wie im Wind bewegte sich ihr Weiß,
und wurde leise bunt in seinen Falten
und schien verborgne Blumen zu enthalten –:
Blumen und Vögel, Sterne und Gestalten
aus einem alten fernen Sagenkreis.
Und draußen war ein Tag aus Blau und Grün
mit einem Ruf von Rot an hellen Stellen.
Der Teich entfernte sich in kleinen Wellen,
und mit dem Winde kam ein fernes Blühn
und sang von Gärten draußen vor der Stadt.

Es war als ob die Dinge sich bekränzten,
sie standen licht, unendlich leicht besonnt;
ein Fühlen war in jeder Häuserfront,
und viele Fenster gingen auf und glänzten.

(Rainer Maria Rilke, Die Konfirmanden, aus: Das Buch der Bilder, 1. Buch Teil 1, Online-Quelle)

 

weiße blumen | 365tageasatzadayQuelle: Bild von dewdrop157 auf Pixabay

 

Mich erinnert der Rilketext so sehr an den Auszug aus dem Cornet („Als Mahl beganns“ … (hier nachlesen)), geht es euch auch so?

Kommt gut in und durch die neue Woche!

 

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20 Kommentare zu “Von Frühling und Mai

  1. Liebe Christiane, deine Frage kann ich nicht beantworten, da müsste ich erst nachlesen, das mache ich mal später, denn nun muss ich mich wieder einmal sputen!
    Der schöne Mai und seine Gesänge und Tänze, so schade, dass heutzutage eigentlich am 01. Mai nur Grillwürste in die Mägen gestopft werden und mit Bier gelöscht wird … was war das früher wohl für ein wilder Tanz?! Heute bringt wohl auch kaum noch ein Bauer/eine Bäuerin ein Opfer auf den Feldern aus?
    Seit gestern denke ich über all das wieder einmal nach, die Verbundenheit mit der Natur und ihrem Lauf gerät immer mehr ins Vergessen und damit die Ehrfurcht vor dem Land und seinen Gaben …
    Herzensdank für deine Auswahl und liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • Regionales Brauchtum … wir wissen es nicht mehr, liebe Ulli, und vieles Alte ist unter dem Mantel der Kirche eh untergegangen. Jetzt, wo der auch noch brüchig wird, sehen wir diesbezüglich traurigen Zeiten entgegen.
      Ich weiß nicht, wie das mit den Feldersegnungen ist, ich halte es, wenn es noch durchgeführt wird, für etwas aus katholischen Gegenden, da bist du vermutlich näher dran, von hier oben kenne ich es nicht. Ansonsten glaube ich gelesen zu haben, dass es Derartiges bei anthroposophisch eingestellten Bauern durchaus noch gibt – in welcher Form auch immer.
      Ehrfurcht und gar Demut (vor/im Angesicht von der Natur) sind heutzutage sowieso nicht mehr besonders angesagt, die Leute verwechseln das leider mit Unterwerfung und Bevormundung … meiner Meinung nach. Ein weites Feld wie immer.
      Herzliche Grüße auch an dich
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

      • Das stimmt, es haben zwar einige geforscht und auch dies und das gefunden, aber wie immer, ist es ja auch eine Frage wer forscht, mit welchen Fragen und somit wie kommt sie/er zu diesen Ergebnissen, was ist wahr und was ist Spekulation. Ich glaube auch, dass die Kirche da ganz furchtbar rumgemengt hat.
        Bei dem Feldersegen bezog ich mich auf sehr alte Riten, die angeblich so stattgefunden haben sollen, dabei orientiere ich mich an feministischen Forscherinnen, aber eben … die Fragen bleiben dabei dann doch meist offen. Hier lebe ich zwar in einer relativ katholischen Gegend, aber hier beschränken sich die Brauchtümer auch eher auf die Dorffeste mit Kaffee, Kuchen, Bier und Grillwurst …
        Allein die Worte Ehrfurcht und Demut haben heutzutage einen sehr unangenehmen Beigeschmack, ich erinner mich noch gut an die Debatten auf meinem Blog, als es um Demut gegangen ist. Für mich heißt das, dass es an der Zeit ist diese Worte mit neuen Inhalten zu füllen, weg von allem Katholischem, Christlichem, Unterwerfendem – nicht einfach und ja, es ist ein weites Feld!
        Stimmt die Anthroposoph*innen leben mit dem Jahreskreis, aber sie sind eben auch sehr christlich dabei und das gefällt mir auch nicht. Und in der Esoszene treibt das Ganze manchmal auch sehr kuriose Blüten.
        Morgen gehe ich wieder in den Garten und verbinde mich auf meine Weise mit allem was da wächst, ja ich gehöre auch zu denen, die mit ihren Pflanzen schwatzt und auch mit den Wühlmäusen und Maulwürfen, dabei bin ich sehr unheilig ;)
        liebe Abendgrüße und danke für diesen Austausch!

        Gefällt 2 Personen

        • Gelesen und genickt. Aber mir ist lieber, dass die Blüten kurios sind, als dass sie vollständig verschwinden. Ich will wenigstens das Bewusstsein, die Erinnerung, dass es auch anders geht, gewahrt wissen.
          Ich danke dir, liebe Ulli, grüß die Mäuse und die Maulwürfe und schau nach dem Pelzgesicht an der Ecke 😺
          Liebe Grüße
          Christiane

          Gefällt 1 Person

  2. Liebe Christiane, den Fischer kannte ich auch noch nicht und beim Rilke entsteht beim Lesen wieder dieser typische Rilkesound. Zu diesem Gedicht paßt ganz wunderbar Dein zugeselltes Foto.
    Bei meiner Tochter werden noch alte Brauchtümer gepflegt, ich kenne sie noch aus meiner Kinderzeit in Goslar, aber sie sind meist vergessen.
    Was den Mai und die Gedichte angeht: ich huldige ihm im Moment mit Liebesgedichten, dennn kein anderer Monat fordert so dazu heraus.
    Dir einen maienkühlen lieben Gruß, Karin

    Gefällt 1 Person

    • Rilkesound – du sagst es, liebe Karin, das ist ein gutes Wort. Ja, ganz typisch.
      Der Fischer ist ein Zufallsfund, ich schrieb es Viola schon, ich bin ganz interessiert.
      Bei deiner Tochter, d. h. in alternativen Lebensumständen, und als das kann man ihr Wohnprojekt ja wohl völlig unironisch bezeichnen, dürften alte Bräuche auch noch verbreitet sein. Stimmt, das hab ich vergessen.
      Mai: So recht wie ich dir gebe, mir ist gerade nicht nach Liebesgedichten, mal gelegentlich von den Avancen des Herrn Dauthendey an seine Liebste abgesehen. Ich mag deine Gedichte jedoch sehr und schaue immer, ob nicht irgendwas zu mir „rübermachen“ könnte, aber ich denke, die meisten sind zu jung.
      Maienkühler und -nasser Gruß zurück
      Christiane mit schnarchendem Fellträger

      Gefällt 1 Person

  3. Fischer? Ich kannte ihn nicht, nie ist er mir bisher begegnet, dabei war er ein bekannter Mann und hat sogar ein Ehrengrab in einem Stuttgarter Friedhof bekommen. Ehrlich gesagt war ich ziemlich erstaunt, als ich über ihn nachlas.
    Seine Worte sind gut, aber nicht jeder Dichter wird im ganzen Land bekannt, der es verdient hätte.
    Dauthendey liebe ich heute wegen seines letzten Verses besonders.

    *Maimond zog mich hin mit Verzücken
    sacht über die singenden Brücken,
    und jünger wurde mein Gang,
    solange die Nachtigall sang.*

    Bei Rilkes Konfirmanden gibt es tatsächlich eine Ähnlichkeit zu seinen Worten *Als Mahl beganns*,
    aber es ist seine Sprachmelodie, die so typisch für ihn ist und irgendwo war eine Anfangszeile, da dachte ich, ja, stimmt, Christiane hat Recht!
    Aber ich bin jetzt zu müde, um nochmal nachzusehen… Mich hat heute der Celan schon zu sehr angestrengt *g*, bzw, der überaus kompetente Prof.

    Liebe Grüße zur guten Nacht von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

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