Wiedersehen | abc.etüden

„Ohhhhh, schau doch mal den da drüben, den würde ich aber auch mit Kusshand nehmen. Oh nein, jetzt schaut er zu uns herüber!“
Sie warf einen Blick über ihre Schulter und erstarrte. Verdammt.

Es gab viel, was sie ihm spontan an den Kopf hätte werfen wollen, als sie sich vorstellte, wie er sie nach all der Zeit plötzlich verstohlen über den Rand eines Glases anpeilte und dann siegesgewohnten Schrittes auf sie zuging. Von „Schleich dich, du Idiot“ über „Wenn du mir noch mal zu nahe kommst, bringe ich dich um“ bis hin zu „Warum nur musste das mit uns so unendlich schiefgehen“ war alles dabei, inklusive der Gefühle, die dazugehörten und denen sie sich immer noch ausgeliefert fühlte, wie sie sich eingestehen musste. Sie hasste ihn dafür plötzlich inbrünstig.

Aber er schien in Begleitung seiner neuen Frau zu sein, damit war also erst mal garantiert, dass sie formvollendet (wenn überhaupt) miteinander umgehen und die Party nicht crashen würden. Blieb noch eines zu tun …

„Komm mal mit nach draußen“, sagte sie zu ihrer Begleiterin und umkrampfte ihr leeres Weinglas, „ich muss dir wohl mal einen Schwank aus meinem Leben erzählen.“

 

2018_20_2_zwei lz | 365tageasatzadayVisuals: ludwigzeidler.de

 

Für die abc.etüden, Woche 20.2018: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Christa Hartwig und lauten: Kusshand, formvollendet, anpeilen.

 

15 Kommentare zu “Wiedersehen | abc.etüden

  1. Grins. Ja, so könnte es mir mit meinem Ex auch gehen, wenn nicht ca. 35 Jahre Leben und ca. 30 Jahre einer GELUNGEN zu Ende geführten Zweitehe dazwischen lägen … Ich glaube, ich würde den Typen gar nicht mehr erkennen.

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    • Ich glaube, dass das ein Gefühl ist, das viele kennen, dieses „Hilfe, der Raum ist plötzlich zu klein“. Ich glaube auch, dass es egal sein kann (nicht muss), wie viele Jahre dazwischenliegen. Aber erfüllte Partnerschaften helfen dabei ganz sicher.
      Liebe Grüße
      Christiane 😉

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      • In meinem Fall hätte ich vor 34 Jahren sicher anders reagiert als heute. Und damals hätte ich den Mann garantiert erkannt. Keine Ahnung, wie dick sein Bauch und wie umfassend sein Doppelkinn heute sein mögen … wie gebeugt sein magerer Rücken … wie schütter seine ergrauten Haare … wie verbittert der Zug um seinen Mund.

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  2. So ein Schwank aus dem Leben erzählt sich mit einem Glas Wein in der Hand wirklich am besten., und dazu noch ist das Problem gut gelöst. Chapeau!

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    • Dazu muss sie es ja erst wieder auffüllen … aber das wird ihr auch noch gelingen, es ist ja keine Gefahr im Verzug.
      Freut mich, wenn es dir gefällt! 😀
      Liebe Grüße
      Christiane

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  3. Kompakt und klasse auf den Punkt gebracht.
    Bei solchen Geschichten frage ich mich immer wieder, wie würde sie aus der anderen Perspektive aussehen? Die Antworten sind vielfältig, sicher.
    Die Kommentare sind spannend, du scheinst dicht an der Realität.
    Grüße ins Weekend.

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  4. auf jeden Fall wurde es eine gute Geschichte, sehr glaubhaft und ganz und gar nicht realitätsfremd, liebe Christiane
    Liebe Abendgrüße von Bruni

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