Von grauen Tagen

Grauer Himmel trübe Tage …

Grauer Himmel – trübe Tage! –
Keine Lust und keine Plage! –
Weder Sturm noch Sonnenglanz! –
Grauer Stunden dunkler Kranz!

Wie ein Schiff auf stillem Meer
Todt und traurig treibt umher,
Wie ein Mühlrad ohne Bach
Still verharr’ ich Tag auf Tag.

Manchmal muß es doch gewittern!
Manchmal muß das Herz erzittern!
Muß in Leid und Freud erbeben! –
Wie so öd’ ist sonst das Leben!

(Heinrich Seidel, Grauer Himmel trübe Tage, aus: Blätter im Wind, 1882, Online-Quelle)

Grau

I.

Ist denn mein ganzes Sein verwirrt,
Daß alles ich jetzt anders schau’;
Erscheint mir doch die ganze Welt
Ein schmutzig Bild nur, Grau in Grau.

Ich lebte gern und lachte gern
Wie sonst ein Menschenkind –
Doch alles glotzt so fratzenhaft –
Dies Grau, es macht mich blind.

II.

Ein trüber, grauer Regentag,
Kalt und unheimlich öd;
Der Himmel starrt so grau herein,
Die grauen Menschen so blöd.

Da schnell ein rothes Licht herein –
Den rothen Vorhang herab –
Das lügt dann wieder die Rosen mir
Die ich längst verloren hab’ …

(Ada Christen, Grau, aus: Lieder einer Verlorenen, 1873, 3. Auflage, Online-Quelle)

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich

Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich
Über mein inneres Grau.
Das ist kein Scharwenz um ein Liebedich. –
Gnädige Frau, seien Sie gnädige Frau.

Mein Herz ward arm, meine Nacht ist schwer,
Und ich kann den Weg nicht mehr finden. –
Was ich erbitte, bemüht Sie nicht mehr
Als wenn Sie ein Sträußchen binden.

Es kann ein Streicheln von euch, ein Hauch
Tausend drohende Klingen verbiegen.

Gnädige Frau,
Euer Himmel ist blau!

Ich friere. Es ist so lange kein Rauch
Aus meinem Schornstein gestiegen.

(Joachim Ringelnatz, Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich, aus: aus: Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute, 1934, Online-Quelle)

 

Quelle: Pixabay

 

Ihr ahnt es schon: Kommt gut (und heil) in und durch die neue Woche, sei sie bei euch grau oder nicht!

Gestern (ein ebenfalls sehr grauer Tag) startete der zweite Etüdendurchgang für dieses Jahr. Und was soll ich sagen: Bis abends 22:00 Uhr hatten sich sage und schreibe bereits 19 Etüden angesammelt. Am ERSTEN Tag. Klar, die Wörter sind prima, aber normal ist das nicht. Und jetzt kommt ihr … 😉

 

52 Kommentare zu “Von grauen Tagen

  1. „Und wenn ihr euch das Staunen erhalten könntet über die täglichen Wunder eures Lebens, so wäre euer Schmerz nicht weniger erstaunlich als eure Freude. Denn dann würdet ihr die vier Jahreszeiten eures Herzens so annehmen, wie ihr die Jahreszeiten annehmt, die über eure Felder ziehen.“
    Khalil Gibran

    Gefällt 6 Personen

  2. Die Woche beginnt so grau wie die letzte und die Nachrichten auch nach wie vor grauselig – dabei kann Grau auch eine schöne Farbe sein.
    Erfreuen wir uns an der Schönheit der Gedichte und lassen uns nicht anstecken – Mittel dagegen:ein quietschbunter Tulpenstrauß.
    Morgengrüße zu Dir mit etwas Gezwitscher von zwei Amseln, die vor dem Fenster auf dem Boden herumturnen und ! im Vogelbad baden -:))

    Gefällt 7 Personen

    • Ich hatte am Wochenende mehrmals ein (vermutlich) badendes Rotkehlchen und war sehr entzückt 🧡
      Hier stürmt es sehr und regnet ziemlich, ich hatte schon Angst, dass der Fellträger 🐅 sich bei der Dachbegehung in eine Fellkugel verwandelt und heruntergeschossen kommt, aber er kam völlig manierlich rein, allerdings laut protestierend. 😾
      Guten Morgen, liebe Karin, und Grüße auf dein Dach! 😀🌬️🌧️☕🍪👍

      Gefällt 5 Personen

  3. ich möchte so gerne
    im grau versinken
    es bringt mich doch so nah zu mir
    wie keine andere farbe
    lenkt sie den lärm der welt
    um mich herum
    über mich hinweg
    sie blendet das grelle ab
    und läßt mich im nu
    das gold der buddahs
    das nichts finden
    alles wird so wunderbar leer
    die öde entfaltet ihre gespenstische implosion
    gleich nehme ich ein waldbad
    der stirbt so stolz im tristen braun
    unsagbar leise vor sich hin
    hat seinen eignen ruheforst
    schon längst gefunden
    kann dort vom leben
    ohne übergang
    in seine eigne auferstehung gehn
    ach
    wäre ich doch nur….
    ….quatsch
    ich freue mich
    werde
    bald
    wald

    Gefällt 2 Personen

  4. Mensch, dieser Ringelnatz! Den hab ich in deinen Montagsgedichten ganz neu kennen gelernt. Selbst bin ich aber gerade gar nicht in grauer Stimmung, wenn auch das Wetter heute nach mehreren strahlenden Tagen tatsächlich auch bei uns mal grau ist.
    Ich hoff ja bloß, dass niemand auf die Idee kommt „Scharwenz“ oder „Liebedich“ in eine Wortspende aufzunehmen…

    Gefällt 2 Personen

    • „Scharwenz“ hat für mich mit „scharwenzeln“ zu tun, ist das inzwischen so ungebräuchlich? 🤔😉
      Mein Lieblingsgedicht von den dreien ist heute auch der Ringelnatz, der, wie ich nicht müde werde zu betonen, erheblich facettenreicher ist als nur die launigen Sachen, mit denen er (zu Recht) bekannt geworden ist. 😉
      Bei mir passen die Gedichte zur Stimmung und zum Wetter: innen und außen alles grau. 😏
      Hab einen guten Tag!
      Morgenkaffeegrüße! 😏🌬️🌧️☕🍪👍

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    • Wie sagt man da als Frau? Mein Herz ward arm, meine Nacht ist schwer, Erbarmen Sie sich, mein gnädiger Herr! Was ich mir erbitte, bemüht sie nicht mehr als Autofahren im Sonntagsverkehr…..

      Pardon, ich albere rum, um deine graue Stimmung ein bisschen zu lichten. Übrigens kennt der Autokorrektor das Wort Ringelnatz nicht!!!!

      Gefällt 2 Personen

      • Die Autokorrektur muss auch nicht alles kennen, wirklich nicht!!! 😁
        Und meine Stimmung hat sich schon bemerkenswert durch den Anblick von Vollmond 🌕 und Schwanenpaar 🦢🦢 gehoben, als ich eben draußen war, hab vielen herzlichen Dank für dein Kümmern! 🧡
        Frühabendgrüße mit Tee 😁🌕🍵🍪👍

        Gefällt 2 Personen

  5. Nein, scharwenzeln kenn ich schon auch und hab den Vers auf diese Weise auch verstanden. Aber ich vermute mal, der Scharwenz gehört auch nicht unbedingt zu deinem aktiven Wortschatz oder?
    Ich wünsch dir ein bisschen Farbe, aber nicht so bonbonknallbunt, dass du drüber erschrickst. Nur vorsichtig dosiert zur sanften Verschönerung des Tages…

    Gefällt 2 Personen

    • Neee, tut er nicht, auf keinen Fall – der Scharwenz. Ich bin gar nicht mal sicher, ob ich das als Substantiv überhaupt kenne 🤔😉
      War ein angenehmer Tag heute, ich war eben eine Runde draußen und habe die Sonne untergehen und den Vollmond aufgehen sehen. Dafür, dass der Tag mit Regen und Sturm begonnen hat, hat er sich heute echt gesteigert. 😁
      Danke für die guten Wünsche! 😁🧡👍
      Frühabendgrüße 😁🌕🍵🍪👍

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  6. Wie schön sind sie heute, die Gedichte, die gegen das Graue anschreiben. Das Erste mochte ich gerne, alleine schon wegen dieser beiden Zeilen 🙂
    *Manchmal muß es doch gewittern!
    Manchmal muß das Herz erzittern!*
    Ada Christen ließ ich außen vor, denn da sah ich ja schon den Ringelnatz blitzen mit seiner gnädigen Frau und ich las und las und grinste mir eins (wenn ich es mal so salopp ausdrücken darf) Er mischt Witz mit bitterem Ernst und das Ergebnis bringts auf den Punkt.

    Liebe Grüße zum Abend von Bruni an Dich

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    • Ada Christen ist bitter, und ich glaube, sie ist zu Unrecht vergessen, sie hat viel Dunkles erlebt und war eine starke Frau …
      Aber jaaa, der Ringelnatz, der schießt mit seiner Listigkeit den Vogel ab 😎😉
      Einen schönen Abend auch dir, liebe Bruni!
      Abendgrüße 😁✨🌕🍷🍪👍

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      • Ja, ich mag ihn sehr, liebe Christiane.
        Ada Christen ist nicht vergessen, wenigstens bei mir nicht. Ich habe eine CD über ein Dichterinnen-Projekt *Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen* Da ist sie inmitten großer Namen versammelt.
        Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Karoline von Günderrode, Ulla Hahn, Else Lasker-Schüler etc.
        Christine Kaufmann spricht hier Christens Gedicht Champagner
        und ich liebe es sehr

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  7. Du triffst den Nagel auf den Kopf, hier war es alle letzten Tage so grau, so grau, so graugraugrau… heute morgen war für zwei Minuten ein Stück Blauhimmel zu sehen, das ich gefeiert habe, aber es dauerte eben nur zwei Minuten. Tja. Januar eben, wenn er nicht kalt ist. Ich wünsche dir Ringelnatzmomente – für jeden grauen Moment auch einen hellen Moment, immer abwechselnd.

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  8. Besser kann man die grauen Tagen und die grauen Gefühle wohl kaum auf den Punkt bringen, wie du es hier mit den drei Gedichten gemacht hast, liebe Christiane.
    Ich bin spät dran, aber nun …
    Herzliche Dienstagabendgrüße, Ulli, möge er gemütlich und beschaulich sein

    Gefällt 1 Person

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