Die Erwachende (Miniatur II/II) | abc.etüden

 

Wo sind die Erinnerungen, von denen ich zehren kann? Blass sind sie alle und fade. Mein Herz, ach, es ist eine Rumpelkammer, ich ließ die Türen verrammeln, Licht, Luft und Freude ausschließen, redete mir ein, es sei zu meinem Schutz.
So wurde es wahr.

Aber alles hat seine Zeit und was war, muss nicht bleiben! Ich bin nicht ganz allein! Frühlingswind, herbei, steh mir bei! Mutvoll reißen wir die Fenster auf, die sich der Veränderung entgegenstemmen. Sonne, ich rufe dich zu Hilfe, leuchte uns und schenk uns deine Wärme. Regen, rausch hernieder, wir lenken dich herein und schwemmen alles hinaus, was den Fluss des Lebens behindert.
Ich wasche, ich putze, ich sortiere aus und räume um.
Ich weine. Ich lasse los.
Zeit vergeht.
Frieden zieht ein.
Im Baum vor dem Fenster singen Vögel.

Als es klopft, steht die Hoffnung im Türrahmen und überreicht mir ein Sträußchen Wiesenblumen, weiß, gelb, blau, lila, selbst gepflückt im frischen Grün. Eine dreifarbige Katze steht neben ihr, die wie selbstverständlich eintritt, sich auf den bequemen Sessel legt und einschläft, als sei sie nie fort gewesen.

Die Hoffnung lächelt und wirft einen Blick umher. „Willkommen zurück“, sagt sie sanft, umarmt mich kurz und ist so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen ist.

Die Katze betrachtet mich zufrieden und schnurrt.

 

abc.etüden 2020 15+16 | 365tageasatzadayQuelle: Pixabay, bearbeitet von mir

 

Für die abc.etüden, Wochen 15/16.2020: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammen dieses Mal von Ludwig Zeidler und lauten: Rumpelkammer mutvoll, zehren.

Diese Etüde greift meine Miniatur von gestern auf: Die Verzweifelte (hier lesen). Wo aber gestern die Bewegung von außen nach innen gerichtet war, ist sie es heute von innen nach außen. Nein, sie setzt nicht exakt am gleichen Punkt an, ich bin nicht mal sicher, ob es noch die gleiche Protagonistin ist, die spricht …

 

36 Kommentare zu “Die Erwachende (Miniatur II/II) | abc.etüden

  1. Die gleiche Protagonistin wird’s schon sein – aber sie hat sich über Nacht so stark verändert, daß sie sich wahrscheinlich selbst nicht wiedererkennen würde, falls sie sich noch an’s Gestern erinnert – welch schöne Vorstellung, wie einfach – und alles Leben ist bloß eine dreifärbige Katze … 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Nicht über Nacht, so schnell geht so etwas nur in Etüden, das sind Prozesse, die reifen müssen. Wenn es dann aber so weit ist, dann ist tatsächlich alles oder zumindest vieles einfach …
      Bei diesen beiden Etüden kommst du weiter, wenn du sie nicht nur wörtlich nimmst …
      Kennst du das nicht, dass man sagt, dass dreifarbige Katzen Glück bringen?
      Morgengrüße
      Christiane 😁🌞🦋☕🍪👍

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      • Ich hab‘ die Geschichte/n nicht wörtlich genommen, sondern als Metapher gelesen. So war auch mein ‚über Nacht‘ nicht im engen Zeitrahmen gemeint, sondern Ausdruck des Verstehens, daß eine Veränderung eingetreten ist. An Myriades analytisches Zerlegen eines Textes komme ich nicht im Mindesten ‚ran; doch war mir klar, daß etwas Positives im ‚wir‘ wirkt, bewirkt – das konnte ein Gefühl sein, ein Mensch oder eine Erkenntnis, klar zu sehen vielleicht, was zu tun ist. Sinn macht, nach tiefer Trauerzeit wieder zu leben.
        Die Glückskatze ist mir nicht entgangen – da sie bleiben wollte, war es für die Hoffnung leicht, zu gehen, sie wurde nicht mehr gebraucht…
        Ein Prosagedicht. Und nicht autobiographisch … 😉
        Das Gefühl des Aufbruches sowie Jetzt-Schlagen-Wir-Der-Welt-Ein-Loch-Oder-Zwei, das kenne ich durchaus. Feiner Gedanke <;-) …

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        • Ah, dann hatte ich deine Worte falsch verstanden, danke für die Richtigstellung. Ja, dann stimmt das so für mich.
          Ein Prosagedicht, wie fein, dass du das so empfindest, denn das ist es tatsächlich irgendwie. Und was von dem, das man schreibt, ist schon nicht autobiographisch, wenn man tief genug gräbt …?
          Ganz herzlich am Morgen
          Christiane 😁🌼🦋☕🌞👍

          Gefällt 2 Personen

        • MoinMoin Christiane,
          die Autobiographie bis zur Unkenntlichkeit zu verschlüsseln ist die Kunst, dünkt mir 😉 …
          Ich schreibe eben an einem EBrief und versuche, nicht allzu autobiographisch zu sein, sprich angreifbar zu werden – davor müssen wir uns im Netz doch alle ein bißchen fürchten, nicht ? Selbst verfälschte Autobiographien fördern die Wahrheit per Raster zutage, hat man die richtigen Programme 😉 … dann hilft nur die Astrologie der Wahrhaftigkeit auf die Sprünge – unter (allen ?) Umständen.
          Danke für die Richtigstellung, aber weiterzuleben war schon in Ordnung so *kicher* …
          Wünsche feinen Kuchen zum Kaffee !

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  2. Nicht umsonst spricht man wohl auch vom Frühlingsputz, im Haus und auch bei den Gefühlen. Wenn sich alles um einen herum erneuert, dann wächst auch der Mut, es der Natur nach zu tun.
    Und auch die dreifarbige Katze kann man dann hinnehmen. Besser noch als die Neunschwänzige.

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    • Ja, genau, lieber Werner. Es gibt da so ein Zen-Sprichwort: In eine volle Tasse kann man nichts schütten.
      Wer nicht bereit ist, loszulassen, durchzulüften und sich für Neues zu öffnen, wird ziemlich sicher scheitern. Und dann hat auch die Glückskatze wieder ein Plätzchen.
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🌞🦋☕🍪👍

      Gefällt 1 Person

    • Das „Wir“ im engeren Sinne bezieht das unterstützende Element (Wind) mit ein. Im weiteren Sinne ist es eine eher philosophische (nicht psychologische) Überlegung zu „inneren“ Elementen … Hilft dir vermutlich auch nicht, oder?
      Ich fand es mit dem „Wir“ letztendlich für mich stimmiger, ich habe lange darauf herumgedacht.
      Freut mich, dass du dem was abgewinnen kannst. Danke!
      Liebe Grüße
      Christiane 😁🌞☕🍪👍🦋

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  3. Liebe Christiane,
    danke dir dafür.
    Fast hätte ich deine Protagonistin von gestern nicht wiedererkannt.
    Und ja, du hast recht – das sind Prozesse, die Zeit brauchen bis es soweit ist. Aber dann, dann staune ich manchmal „Bauklötzchen“ über die Geschwindigkeit des Aufräumens.
    Schöne Bilder hast du da entworfen.
    Herzliche Abendgrüße zu dir
    Judith

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    • Das ist die Sache mit den Dominosteinen. Wenn der erste kippt, folgen alle, wenn die Spur gut gelegt ist. Irgendwas ist immer, du weißt ja 😉
      Freut mich, dass es dir gefällt.
      Liebe Grüße zum Abend
      Christiane 😁😺🍷👍

      Gefällt 2 Personen

    • „Ich bin nicht allein“ bedeutet auch, sich seiner Ressourcen bewusst zu sein, seien es externe (z. B. Menschen oder Tiere) oder interne, hier symbolisiert durch die Elemente. Da spielt auch ein bisschen „Das Ganze ist mehr als nur die Summe seiner Teile“ mit rein.
      Liebe Grüße, freut mich, dass es dir was sagt
      Christiane 😁😺🍷👍

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  4. Oh, da hat sie aus einer geheimen Quelle geschöpft, die Frau, die so überzeugend am Ende war, elend und hoffnungslos. Ein so schönes Ende, die Hoffnung in der Tür, die Freude und Mitmenschlichkeit bringt, die alleine durch ihr Erscheinen ein Strahlen in die Welt bringt und dann als handfestes Beweisstück, daß es aufwärts geht, die Katze, die sofort weiß, hier gehöre ich hin.
    Jetzt sind alle Türen wieder geöffnet und ich bin hochzufrieden.
    Ganz herzliche Grüße in die Nacht von Bruni an Dich

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  5. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.20 | Wortspende von Myriade | Irgendwas ist immer

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